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Predigten, Ansprachen und Verlautbarungen DES PAPSTES

und der VATIKANISCHEN KONGREGATIONEN 

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Internet - Ein Mittel zur Neuevangelisierung. Angelus-Ansprache des Papstes vom 12. Mai 2002

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Apostolisches Schreiben MANE NOBISCUM DOMINE zum Jahr der hl. Eucharistie 2004/2005

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Ablaßdekret  zum Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit (Sonntag nach Ostern)

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Kniender Kommunionempfang darf nicht verweigert werden  

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Dekret über die Handkommunion

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Kardinal Ratzinger über Feminismus: "ÜBER DIE ZUSAMMENARBEIT VON MANN UND FRAU
IN DER KIRCHE UND IN DER WELT"

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Papst-Autobiografie erscheint mit 1 Million Auflage 

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Vatikan warnt vor Ehen zwischen Katholikinnen und Muslimen

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Kardinal Ratzinger: Der Gott der Bibel greift in die Geschichte ein

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Übernatürlicher Charakter der priesterlichen Berufung

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03. Februar 2003: Vatikan warnt vor New-Age und Esoterik

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Der römische Bischof und die Unfehlbarkeit der Kirche

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Die Hierarchie der Kirche

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Ansprache des Hl. Vaters bei der Weihe des NEUEN HEILIGTUMS DER GÖTTLICHEN BARMHERZIGKEIT

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Predigt des Hl. Vaters in der Basilika von Kalwaria/Krakau 

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 Kardinal Ratzinger: Das Kirchenverständnis - eine Ursache der Glaubenskrise

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Über die rechtliche Anerkennung von Lebensgemeinschaften des gleichen Geschlechts

 

 

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Homoehe

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

ERWÄGUNGEN ZU DEN ENTWÜRFEN EINER RECHTLICHEN ANERKENNUNG DER LEBENSGEMEINSCHAFTEN

ZWISCHEN HOMOSEXUELLEN PERSONEN

3. Juni 2003

 

 

EINLEITUNG

 

1. Verschiedene Fragen bezüglich der Homosexualität sind in letzter Zeit mehrmals von Papst Johannes Paul II. und den zuständigen Dikasterien des Heiligen Stuhls erörtert worden.[1] Es handelt sich nämlich um ein beunruhigendes moralisches und soziales Phänomen, auch in jenen Ländern, in denen es in der Rechtsordnung keine Beachtung findet. Noch bedenklicher wird es aber in den Ländern, die den homosexuellen Lebensgemeinschaften eine rechtliche Anerkennung, die in einigen Fällen auch die Befähigung zur Adoption von Kindern einschließt, bereits gewährt haben oder gewähren wollen. Die vorliegenden Erwägungen enthalten keine neuen Lehraussagen, sondern wollen die wesentlichen Punkte zu dem Problem in Erinnerung rufen und einige Argumente rationaler Natur liefern, die den Bischöfen bei der Abfassung von spezifischeren Stellungnahmen entsprechend den besonderen Situationen in den verschiedenen Regionen der Welt helfen können; solche Stellungnahmen werden darauf ausgerichtet sein, die Würde der Ehe, die das Fundament der Familie bildet, sowie die Stabilität der Gesellschaft, deren grundlegender Bestandteil diese Institution ist, zu schützen und zu fördern. Diese Erwägungen haben auch zum Ziel, die katholischen Politiker in ihrer Tätigkeit zu orientieren und ihnen die Verhaltensweisen darzulegen, die mit dem christlichen Gewissen übereinstimmen, wenn sie mit Gesetzesentwürfen bezüglich dieses Problems konfrontiert werden.[2] Weil es sich um eine Materie handelt, die das natürliche Sittengesetz betrifft, werden die folgenden Argumente nicht nur den Gläubigen vorgelegt, sondern allen Menschen, die sich für die Förderung und den Schutz des Gemeinwohls der Gesellschaft einsetzen.

 

I. NATUR UND UNVERZICHTBARE

MERKMALE DER EHE

 

2. Die Lehre der Kirche über die Ehe und die Komplementarität der Geschlechter legt eine Wahrheit vor, die der rechten Vernunft einsichtig ist und als solche von allen großen Kulturen der Welt anerkannt wird. Die Ehe ist nicht eine beliebige Gemeinschaft von menschlichen Personen. Sie wurde vom Schöpfer mit einer eigenen Natur sowie eigenen Wesenseigenschaften und Zielen begründet.[3] Keine Ideologie kann dem menschlichen Geist die Gewissheit nehmen, dass es eine Ehe nur zwischen zwei Personen verschiedenen Geschlechts gibt, die durch die gegenseitige personale Hingabe, die ihnen eigen und ausschließlich ist, nach der Gemeinschaft ihrer Personen streben. Auf diese Weise vervollkommnen sie sich gegenseitig und wirken mit Gott an der Zeugung und an der Erziehung neuen Lebens mit.

3. Die natürliche Wahrheit über die Ehe wurde durch die Offenbarung bekräftigt, die in den biblischen Schöpfungsberichten enthalten ist und auch die ursprüngliche menschliche Weisheit zum Ausdruck bringt, in der sich die Stimme der Natur selbst Gehör verschafft. Das Buch Genesis spricht von drei grundlegenden Aspekten des Schöpferplanes über die Ehe.

Zum einen wurde der Mensch, das Abbild Gottes, « als Mann und Frau » geschaffen (Gen 1,27). Als Personen sind Mann und Frau einander gleich, in ihrem Mann- und Frausein ergänzen sie einander. Die Sexualität gehört einerseits zur biologischen Sphäre, wird aber andererseits im menschlichen Geschöpf auf eine neue, und zwar auf die personale Ebene erhoben, wo Natur und Geist sich miteinander verbinden.

Zum anderen wurde die Ehe vom Schöpfer als die Lebensform gegründet, in der sich jene Gemeinschaft unter Personen verwirklicht, die die Ausübung der Geschlechtlichkeit einbezieht. « Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch » (Gen 2,24).

Schließlich wollte Gott der Einheit von Mann und Frau eine besondere Teilhabe an seinem Schöpfungswerk geben. Deshalb segnete er den Mann und die Frau mit den Worten: « Seid fruchtbar, und vermehrt euch » (Gen 1,28). Nach dem Plan des Schöpfers gehören also die Komplementarität der Geschlechter und die Fruchtbarkeit zum Wesen der ehelichen Institution.

Darüber hinaus ist die eheliche Gemeinschaft zwischen Mann und Frau von Christus zur Würde eines Sakramentes erhoben worden. Die Kirche lehrt, dass die christliche Ehe ein wirksames Zeichen des Bundes zwischen Christus und der Kirche ist (vgl. Eph 5,32). Diese christliche Bedeutung der Ehe schmälert keineswegs den tief menschlichen Wert der ehelichen Verbindung von Mann und Frau, sondern bestätigt und bekräftigt ihn (vgl. Mt 19,3-12; Mk 10,6-9).

4. Es gibt keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn. Die Ehe ist heilig, während die homosexuellen Beziehungen gegen das natürliche Sittengesetz verstoßen. Denn bei den homosexuellen Handlungen bleibt « die Weitergabe des Lebens [...] beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen ».[4]

Homosexuelle Beziehungen werden « in der Heiligen Schrift als schwere Verirrungen verurteilt ... (vgl. Röm 1,24-27; 1 Kor 6,10; 1 Tim 1,10). Dieses Urteil der Heiligen Schrift erlaubt zwar nicht den Schluss, dass alle, die an dieser Anomalie leiden, persönlich dafür verantwortlich sind, bezeugt aber, dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind ».[5] Dieses moralische Urteil, das man bei vielen kirchlichen Schriftstellern der ersten Jahrhunderte[6] findet, wurde von der katholischen Tradition einmütig angenommen.

Nach der Lehre der Kirche ist den Männern und Frauen mit homosexuellen Tendenzen « mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen ».[7] Diese Personen sind wie die anderen Christen gerufen, ein keusches Leben zu führen.[8] Aber die homosexuelle Neigung ist « objektiv ungeordnet »,[9] und homosexuelle Praktiken gehören « zu den Sünden, die schwer gegen die Keuschheit verstoßen ».[10]

 

II. HALTUNGEN GEGENÜBER DEM PROBLEM

DER HOMOSEXUELLEN LEBENSGEMEINSCHAFTEN

 

5. Die zivilen Autoritäten nehmen gegenüber dem Phänomen der faktisch bestehenden homosexuellen Lebensgemeinschaften verschiedene Haltungen ein: Manchmal beschränken sie sich darauf, das Phänomen zu tolerieren; manchmal fördern sie die rechtliche Anerkennung solcher Lebensgemeinschaften mit dem Vorwand, hinsichtlich einiger Rechte die Diskriminierung jener Menschen zu vermeiden, die mit einer Person des gleichen Geschlechts zusammenleben; in einigen Fällen befürworten sie sogar die rechtliche Gleichstellung der homosexuellen Lebensgemeinschaften mit der Ehe im eigentlichen Sinn, ohne die rechtliche Möglichkeit zur Adoption von Kindern auszuschließen.

Wo der Staat eine Politik der Toleranz des Faktischen betreibt, die nicht das Bestehen eines Gesetzes einschließt, das solchen Lebensformen ausdrücklich eine rechtliche Anerkennung verleiht, müssen die verschiedenen Aspekte des Problems sorgfältig unterschieden werden. Das Gewissen fordert in jedem Fall, Zeugnis abzulegen für die ganze sittliche Wahrheit, der sowohl die Billigung homosexueller Beziehungen wie auch die ungerechte Diskriminierung homosexueller Menschen widerspricht. Deshalb sind diskrete und kluge Stellungnahmen nützlich, die zum Beispiel folgenden Inhalt haben könnten: den instrumentalen oder ideologischen Gebrauch aufdecken, den man von einer solchen Toleranz machen kann; den unsittlichen Charakter dieser Art von Lebensgemeinschaften klar herausstellen; den Staat auf die Notwendigkeit hinweisen, das Phänomen in Grenzen zu halten, damit das Gewebe der öffentlichen Moral nicht in Gefahr gerät und vor allem die jungen Generationen nicht einer irrigen Auffassung über Sexualität und Ehe ausgesetzt werden, die sie des notwendigen Schutzes berauben und darüber hinaus zur Ausbreitung des Phänomens beitragen würde. Jene, die diese Toleranz gebrauchen, um bestimmte Rechte für zusammenlebende homosexuelle Personen einzufordern, müssen daran erinnert werden, dass die Toleranz des Bösen etwas ganz anderes ist als die Billigung oder Legalisierung des Bösen.

Werden homosexuelle Lebensgemeinschaften rechtlich anerkannt oder werden sie der Ehe gleichgestellt, indem man ihnen die Rechte gewährt, die der Ehe eigen sind, ist es geboten, klar und deutlich Einspruch zu erheben. Man muss sich jedweder Art formeller Mitwirkung an der Promulgation und Anwendung von so schwerwiegend ungerechten Gesetzen und, soweit es möglich ist, auch von der materiellen Mitwirkung auf der Ebene der Anwendung enthalten. In dieser Materie kann jeder das Recht auf Einspruch aus Gewissensgründen geltend machen.

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III. RATIONALE ARGUMENTE GEGEN DIE RECHTLICHE ANERKENNUNG

HOMOSEXUELLER LEBENSGEMEINSCHAFTEN

 

6. Um zu verstehen, weshalb es notwendig ist, sich in dieser Weise den Instanzen entgegenzustellen, die die Legalisierung der homosexuellen Lebensgemeinschaften anstreben, bedarf es einiger spezifischer ethischer Erwägungen, die sich auf unterschiedlichen Ebenen bewegen.

 

In Bezug auf die rechte Vernunft

 

Die Aufgabe des staatlichen Gesetzes ist gewiss im Vergleich zu der des sittlichen Gesetzes von begrenzterem Umfang.[11] Das staatliche Gesetz kann aber nicht in einen Widerspruch zur rechten Vernunft treten, ohne seinen das Gewissen bindenden Charakter zu verlieren.[12] Jedes von Menschen erlassene Gesetz hat den Charakter eines Gesetzes, insoweit es mit dem natürlichen Sittengesetz, das von der rechten Vernunft erkannt wird, übereinstimmt und insbesondere die unveräußerlichen Rechte jeder Person achtet.[13] Die Gesetzgebungen zu Gunsten der homosexuellen Lebensgemeinschaften widersprechen der rechten Vernunft, weil sie der Lebensgemeinschaft zwischen zwei Personen desselben Geschlechts rechtliche Garantien verleihen, die jenen der ehelichen Institution analog sind. In Anbetracht der Werte, die auf dem Spiel stehen, könnte der Staat diese Lebensgemeinschaften nicht legalisieren, ohne die Pflicht zu vernachlässigen, eine für das Gemeinwohl so wesentliche Einrichtung zu fördern und zu schützen, wie es die Ehe ist.

Man kann sich fragen, wie ein Gesetz dem Gemeinwohl widersprechen kann, das niemandem eine besondere Verhaltensweise auferlegt, sondern sich darauf beschränkt, eine faktische Gegebenheit zu legalisieren, die dem Anschein nach niemandem Unrecht zufügt. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, vor allem den Unterschied zu bedenken zwischen dem homosexuellen Verhalten als einem privaten Phänomen und demselben Verhalten als einer im Gesetz vorgesehenen und gebilligten sozialen Beziehung, aus der man eine der Institutionen der Rechtsordnung machen möchte. Das zweite Phänomen ist nicht nur schwerwiegender, sondern hat eine sehr umfassende und tiefgehende Tragweite und würde die gesamte soziale Struktur in einer Weise verändern, die dem Gemeinwohl widerspräche. Staatliche Gesetze sind Strukturprinzipien des Lebens der Menschen in der Gesellschaft, zum Guten oder zum Bösen. Sie spielen « eine sehr wichtige und manchmal entscheidende Rolle bei der Förderung einer Denkweise und einer Gewohnheit ».[14] Lebensformen und darin sich ausdrückende Modelle gestalten das gesellschaftliche Leben nicht nur äußerlich, sondern neigen dazu, bei den jungen Generationen das Verständnis und die Bewertung der Verhaltensweisen zu verändern. Die Legalisierung von homosexuellen Lebensgemeinschaften würde deshalb dazu führen, dass das Verständnis der Menschen für einige sittliche Grundwerte verdunkelt und die eheliche Institution entwertet würde.

 

In biologischer und anthropologischer Hinsicht

 

7. Den homosexuellen Lebensgemeinschaften fehlen ganz und gar die biologischen und anthropologischen Faktoren der Ehe und der Familie, die vernünftigerweise eine rechtliche Anerkennung solcher Lebensgemeinschaften begründen könnten. Sie sind nicht in der Lage, auf angemessene Weise die Fortpflanzung und den Fortbestand der Menschheit zu gewährleisten. Ein eventueller Rückgriff auf die Mittel, die ihnen durch die neuesten Entdeckungen im Bereich der künstlichen Fortpflanzung zur Verfügung gestellt werden, wäre nicht nur mit schwerwiegenden Mängeln an Achtung vor der menschlichen Würde behaftet,[15] sondern würde diese ihre Unzulänglichkeit in keiner Weise beheben.

Den homosexuellen Lebensgemeinschaften fehlt auch gänzlich die eheliche Dimension, welche die menschliche und geordnete Form der geschlechtlichen Beziehungen ausmacht. Sexuelle Beziehungen sind menschlich, wenn und insoweit sie die gegenseitige Hilfe der Geschlechter in der Ehe ausdrücken und fördern und für die Weitergabe des Lebens offen bleiben.

Wie die Erfahrung zeigt, schafft das Fehlen der geschlechtlichen Bipolarität Hindernisse für die normale Entwicklung der Kinder, die eventuell in solche Lebensgemeinschaften eingefügt werden. Ihnen fehlt die Erfahrung der Mutterschaft oder der Vaterschaft. Das Einfügen von Kindern in homosexuelle Lebensgemeinschaften durch die Adoption bedeutet faktisch eine Vergewaltigung dieser Kinder in dem Sinn, dass man ihren Zustand der Bedürftigkeit ausnützt, um sie in ein Umfeld einzuführen, das ihrer vollen menschlichen Entwicklung nicht förderlich ist. Eine solche Vorgangsweise wäre gewiss schwerwiegend unsittlich und würde offen einem Grundsatz widersprechen, der auch von der internationalen Konvention der UNO über die Rechte der Kinder anerkannt ist. Demgemäß ist das oberste zu schützende Interesse in jedem Fall das Interesse des Kindes, das den schwächeren und schutzlosen Teil ausmacht.

 

In sozialer Hinsicht

 

8. Die Gesellschaft verdankt ihren Fortbestand der Familie, die in der Ehe gründet. Die unvermeidliche Folge der rechtlichen Anerkennung der homosexuellen Lebensgemeinschaften ist, dass man die Ehe neu definiert und zu einer Institution macht, die in ihrer gesetzlich anerkannten Form die wesentliche Beziehung zu den Faktoren verliert, die mit der Heterosexualität verbunden sind, wie zum Beispiel die Aufgabe der Fortpflanzung und der Erziehung. Wenn die Ehe zwischen zwei Personen verschiedenen Geschlechts in rechtlicher Hinsicht nur als eine mögliche Form der Ehe betrachtet würde, brächte dies eine radikale Veränderung des Begriffs der Ehe zum schweren Schaden für das Gemeinwohl mit sich. Wenn der Staat die homosexuelle Lebensgemeinschaft auf eine rechtliche Ebene stellt, die jener der Ehe und Familie analog ist, handelt er willkürlich und tritt in Widerspruch zu seinen eigenen Verpflichtungen.

Um die Legalisierung der homosexuellen Lebensgemeinschaften zu stützen, kann man sich nicht auf das Prinzip der Achtung und der Nicht-Diskriminierung jeder Person berufen. Eine Unterscheidung unter Personen oder die Ablehnung einer sozialen Anerkennung oder Leistung sind nämlich nur dann unannehmbar, wenn sie der Gerechtigkeit widersprechen.[16] Wenn man den Lebensformen, die weder ehelich sind noch sein können, den sozialen und rechtlichen Status der Ehe nicht zuerkennt, widerspricht dies nicht der Gerechtigkeit, sondern wird im Gegenteil von ihr gefordert.

Auch auf das Prinzip der rechten persönlichen Autonomie kann man sich vernünftigerweise nicht berufen. Eine Sache ist es, dass die einzelnen Bürger frei Tätigkeiten ausüben können, für die sie Interesse hegen, und dass diese Tätigkeiten im Großen und Ganzen in den allgemeinen bürgerlichen Freiheitsrechten Platz haben. Eine ganz andere Sache ist es, dass Tätigkeiten, die für die Entwicklung der Person und der Gesellschaft keinen bedeutsamen, positiven Beitrag darstellen, vom Staat eine eigene qualifizierte rechtliche Anerkennung erhalten. Die homosexuellen Lebensgemeinschaften erfüllen auch nicht in einem weiteren analogen Sinn die Aufgaben, deretwegen Ehe und Familie eine eigene qualifizierte Anerkennung verdienen. Es gibt jedoch gute Gründe zur Annahme, dass diese Lebensgemeinschaften für die gesunde Entwicklung der menschlichen Gesellschaft schädlich sind, vor allem wenn ihr tatsächlicher Einfluss auf das soziale Gewebe zunehmen würde.

 

In rechtlicher Hinsicht

 

9. Weil die Ehepaare die Aufgabe haben, die Folge der Generationen zu garantieren, und deshalb von herausragendem öffentlichen Interesse sind, gewährt ihnen das bürgerliche Recht eine institutionelle Anerkennung. Die homosexuellen Lebensgemeinschaften bedürfen hingegen keiner spezifischen Aufmerksamkeit von Seiten der Rechtsordnung, da sie nicht die genannte Aufgabe für das Gemeinwohl besitzen.

Nicht zutreffend ist das Argument, dass die rechtliche Anerkennung der homosexuellen Lebensgemeinschaften notwendig wäre, um zu verhindern, dass die homosexuell Zusammenlebenden auf Grund der bloßen Tatsache ihres Zusammenlebens die wirksame Anerkennung der allgemeinen Rechte verlieren, die sie als Personen und als Bürger haben. In Wirklichkeit können sie jederzeit wie alle Bürger, ausgehend von ihrer persönlichen Autonomie, auf das allgemeine Recht zurückgreifen, um rechtliche Situationen von gegenseitigem Interesse zu schützen. Es ist jedoch eine schwerwiegende Ungerechtigkeit, das Gemeinwohl und die authentischen Rechte der Familie zu opfern, um Güter zu erlangen, die auf Wegen garantiert werden können und müssen, die nicht für die ganze Gesellschaft schädlich sind.[17]

 

IV. VERHALTENSWEISEN DER KATHOLISCHEN POLITIKER IN BEZUG AUF GESETZGEBUNGEN

ZU GUNSTEN HOMOSEXUELLER LEBENSGEMEINSCHAFTEN

 

10. Wenn alle Gläubigen verpflichtet sind, gegen die rechtliche Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften Einspruch zu erheben, dann sind es die katholischen Politiker in besonderer Weise, und zwar auf der Ebene der Verantwortung, die ihnen eigen ist. Wenn sie mit Gesetzesvorlagen zu Gunsten homosexueller Lebensgemeinschaften konfrontiert werden, sind folgende ethische Anweisungen zu beachten.

Wird der gesetzgebenden Versammlung zum ersten Mal ein Gesetzesentwurf zu Gunsten der rechtlichen Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften vorgelegt, hat der katholische Parlamentarier die sittliche Pflicht, klar und öffentlich seinen Widerspruch zu äußern und gegen den Gesetzesentwurf zu votieren. Die eigene Stimme einem für das Gemeinwohl der Gesellschaft so schädlichen Gesetzestext zu geben, ist eine schwerwiegend unsittliche Handlung.

Wenn ein Gesetz zu Gunsten homosexueller Lebensgemeinschaften schon in Kraft ist, muss der katholische Parlamentarier auf die ihm mögliche Art und Weise dagegen Einspruch erheben und seinen Widerstand öffentlich kundtun: Es handelt sich hier um die Pflicht, für die Wahrheit Zeugnis zu geben. Wenn es nicht möglich wäre, ein Gesetz dieser Art vollständig aufzuheben, könnte es ihm mit Berufung auf die in der Enzyklika Evangelium vitae enthaltenen Anweisungen « gestattet sein, Gesetzesvorschläge zu unterstützen, die die Schadensbegrenzung eines solchen Gesetzes zum Ziel haben und die negativen Auswirkungen auf das Gebiet der Kultur und der öffentlichen Moral vermindern ». Voraussetzung dafür ist, dass sein « persönlicher absoluter Widerstand » gegen solche Gesetze « klargestellt und allen bekannt » ist und die Gefahr des Ärgernisses vermieden wird.[18] Dies bedeutet nicht, dass in dieser Sache ein restriktiveres Gesetz als ein gerechtes oder wenigstens annehmbares Gesetz betrachtet werden könnte. Es geht vielmehr um einen legitimen und gebührenden Versuch, ein ungerechtes Gesetz wenigstens teilweise aufzuheben, wenn die vollständige Aufhebung momentan nicht möglich ist.

 

SCHLUSS

 

11. Nach der Lehre der Kirche kann die Achtung gegenüber homosexuellen Personen in keiner Weise zur Billigung des homosexuellen Verhaltens oder zur rechtlichen Anerkennung der homosexuellen Lebensgemeinschaften führen. Das Gemeinwohl verlangt, dass die Gesetze die eheliche Gemeinschaft als Fundament der Familie, der Grundzelle der Gesellschaft, anerkennen, fördern und schützen. Die rechtliche Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften oder deren Gleichsetzung mit der Ehe würde bedeuten, nicht nur ein abwegiges Verhalten zu billigen und zu einem Modell in der gegenwärtigen Gesellschaft zu machen, sondern auch grundlegende Werte zu verdunkeln, die zum gemeinsamen Erbe der Menschheit gehören. Die Kirche kann nicht anders, als diese Werte zu verteidigen, für das Wohl der Menschen und der ganzen Gesellschaft.

Papst Johannes Paul II. hat die vorliegenden Erwägungen, die in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden waren, in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten am 28. März 2003 gewährten Audienz approbiert und ihre Veröffentlichung angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, am 3. Juni 2003, dem Gedenktag der heiligen Märtyrer Karl Lwanga und Gefährten.

Joseph Card. Ratzinger

Präfekt

Angelo Amato, S.D.B.

Titularerzbischof von Sila

Sekretär

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[1] Vgl. Johannes Paul II., Ansprachen beim Angelus, 20. Februar 1994 und 19. Juni 1994; Ansprache an die Teilnehmer der Vollversammlung des Päpstlichen Rates für die Familie, 24. März 1999; Katechismus der Katholischen Kirche, 2357-2359, 2396; Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Persona humana, 29. Dezember 1975, 8; Schreiben über die Seelsorge für homosexuelle Personen, 1. Oktober 1986; Einige Erwägungen bezüglich der Antwort auf Gesetzesvorschläge über die Nicht-Diskriminierung homosexueller Personen, 24. Juli 1992; Päpstlicher Rat für die Familie, Schreiben an die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Europas über den Beschluss des Europaparlamentes in Bezug auf homosexuelle Paare, 25. März 1994; Familie, Ehe und « de-facto »-Lebensgemeinschaften, 26. Juli 2000, 23.

[2] Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben, 24. November 2002, 4.

[3] Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 48.

[4] Katechismus der Katholischen Kirche, 2357.

[5] Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Persona humana, 29. Dezember 1975, 8.

[6] Vgl. zum Beispiel Hl. Polykarp, Brief an die Philipper, V, 3; Hl. Justin, Erste Apologie, 27, 1-4; Athenagoras, Bitte für die Christen, 34.

[7] Katechismus der Katholischen Kirche, 2358; vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben über die Seelsorge für homosexuelle Personen, 1. Oktober 1986, 10.

[8] Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2359; vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben über die Seelsorge für homosexuelle Personen, 1. Oktober 1986, 12.

[9] Katechismus der Katholischen Kirche, 2358.

[10] Ebd., 2396.

[11] Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 25. März 1995, 71.

[12] Vgl. ebd., 72.

[13] Vgl. Hl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I-II, q. 95, a. 2.

[14] Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 25. März 1995, 90.

[15] Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae, 22. Februar 1987, II. A. 1-3.

[16] Vgl. Hl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, II-II, q. 63, a. 1, c.

[17] Darüber hinaus besteht immer die Gefahr, dies darf man nicht vergessen, »dass ein Gesetz, welches aus der Homosexualität eine Grundlage zur Erlangung von Rechten macht, faktisch eine Person mit homosexueller Neigung ermutigen kann, sich als homosexuell zu deklarieren oder sogar einen Partner zu suchen, um die Anordnungen des Gesetzes auszunützen« (Kongregation für die Glaubenslehre, Einige Erwägungen bezüglich der Antwort auf Gesetzesvorschläge über die Nicht-Diskriminierung homosexueller Personen, 24. Juli 1992, 14).

[18] Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 25. März 1995, 73.

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Dekret über die Handkommunion

Aus der Erklärung der Kongregation für den Gottesdienst über die Handkommunion

Der Apostolische Stuhl hält zwar die traditionelle Art der Kommunionspendung aufrecht, hat aber seit 1969 denjenigen Bischofskonferenzen, die darum gebeten hatten, die Erlaubnis erteilt, die Kommunion in der Weise zu spenden, daß den Gläubigen die Hostie in die Hand gelegt wird. Diese Erlaubnis wird bestimmt durch die Instructio Memoriale Domini und die Instructio Immensae caritatis sowie durch das Rituale De sacra Communione. 

Dennoch scheint es angebracht zu sein, sein Augenmerk auf folgende Punkte zu richten:

1. Genauso wie bei der Mundkommunion sollte man bei der Handkommunion der Realpräsenz Christi in der Eucharistie gebührende Ehrfurcht erweisen. Daher sollte, so wie es die Kirchenväter getan haben, auf die Würde der Geste des Kommunikanten großen Wert gelegt werden.

Demgemäß wurden Ende des 4. Jahrhunderts die neu Getauften angewiesen, beide Hände auszustrecken und "mit beiden Händen einen Thron zu bilden, welche den König empfangen".

2. Wiederum nach den Lehren der Väter muß eindringlich auf die Bedeutung des Amen hingewiesen werden, mit dem man dem Priester auf die Formel "Der Leib Christi" antwortet; dieses Amen ist eine Bekräftigung des Glaubens: "Cum ergo petieris, dicit tibi sacerdos <Corpus Christi> et tu dicis <Amen>, hoc est <verum>,  quod confitetur lingua, teneat affectus".

3. Wenn der Kommunikant die Eucharistie in die Hand empfangen hat, soll er sie verzehren, indem er beiseite tritt, jedoch mit dem Gesicht zum Altar gewandt, um dem ihm Nachfolgenden die Möglichkeit zu geben, sich dem Priester zu nähern.

4. Die Gläubigen erhalten die Hl. Eucharistie, die Teilhabe am Leib des Herrn und an der Kirche; von der Kirche; aus diesem Grunde sollte der Kommunikant die Hostie nicht von der Patene oder aus dem Gefäß nehmen, so wie man es mit gewöhnlichem Brot machen würde, sondern die Hände müssen ausgestreckt sein, um sie von dem die Kommunion austeilenden Priester zu empfangen.

5. Aus Ehrfurcht vor der Eucharistie wird Reinlichkeit der Hände erwartet; Kinder müssen daran erinnert werden.

6. Es ist unerläßlich, daß die Gläubigen eine gute fundierte Katechese diesbezüglich erhalten und daß mit Nachdruck auf die Empfindung der Verehrung und der Ehrfurcht hingewiesen wird, die dieses Allerheiligste Sakrament verlangt. Es muß darauf geachtet werden, daß kein Teilchen der konsekrierten Hostie verlorengeht.

7. Die Gläubigen sollen nicht gezwungen werden, die Handkommunion zu praktizieren; jeder kann frei entscheiden, auf weiche Art er kommunizieren möchte. Diese Richtlinien und jene, die in den oben genannten Dokumenten angegeben sind, sollen an die Pflicht der Ehrfurcht vor der Eucharistie und deren Anwendung erinnern, unabhängig von der Art des Kommunionempfangs. Diejenigen, die in der Seelsorge tätig sind, sollten nicht nur auf die notwendigen Vorkehrungen für einen fruchtbaren Kommunionempfang dringen, der in gewissen Fällen ein Zurückgreifen auf das Sakrament der Versöhnung verlangt, sondern auch auf eine äußere Haltung, die im allgemeinen ein Empfingen von Ehrfurcht ausdrückt und im einzelnen den Glauben der Gläubigen an die Eucharistie.

Kongregation für den Gottesdienst, 3. April 1985

 

 

WEIHE DES NEUEN HEILIGTUMS

DER GÖTTLICHEN BARMHERZIGKEIT

Krakau/Lagiewniki, Samstag, 17. August 2002

PREDIGT DES HEILIGEN VATERS JOHANNES PAUL II.      

 

 

PREDIGT DES HEILIGEN VATERS JOHANNES PAUL II.

bei der Einweihung des neuen Heiligtum der Barmherzigkeit Gottes am Grabe der hl. Sr. Faustyne Kowalska

»O unbegreifliche und unergründliche Barmherzigkeit Gottes, wer vermag dich würdig zu ehren und zu rühmen? Du größte Eigenschaft des Allmächtigen Gottes, Du süße Hoffnung des sündigen Menschen« (Tagebuch Nr. 951 der hl. Sr. Faustyne).

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Heute wiederhole ich diese einfachen und aufrichtigen Worte der hl. Faustyne, um gemeinsam mit ihr und mit euch allen das unbegreifliche und unergründliche Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit zu verehren. Ebenso wie sie wollen auch wir bekennen, daß es für den Menschen keine andere Quelle der Hoffnung als das Erbarmen Gottes geben kann. In tiefem Glauben wiederholen wir: 

Diese Botschaft, die das Vertrauen auf die allmächtige Liebe Gottes zum Ausdruck bringt, brauchen wir vor allem in der heutigen Zeit, in der der Mensch mit Verwirrung den zahlreichen Formen des Bösen gegenübersteht. Die flehentliche Bitte um das göttliche Erbarmen muß aus der Tiefe der Herzen kommen, die voller Leid, Angst und Unsicherheit sind, gleichzeitig aber nach einer untrüglichen Quelle der Hoffnung suchen. Daher sind wir heute an diesen Ort gekommen, zum Heiligtum von Lagiewniki, um in Christus das Antlitz des Vaters wiederzuentdecken: das Antlitz dessen, der »Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes« (2 Kor 1,3) ist. Mit den Augen der Seele wollen wir fest in die Augen des barmherzigen Jesus schauen, um in der Tiefe dieses Blickes den Widerschein seines Lebens sowie das Licht der Gnade zu finden, das wir schon so oft empfangen haben und das uns Gott jeden Tag und am letzten Tag erweist. Zeit und Raum gehören vollkommen Gott.

2. Nun werden wir dieses neue Heiligtum der Barmherzigkeit Gottes weihen. Doch zuvor möchte ich all jenen herzlich danken, die zu seiner Errichtung beigetragen haben. Insbesondere danke ich Kardinal Franciszek Macharski, der sich in treuer Verehrung der göttlichen Barmherzigkeit so sehr für dieses Vorhaben eingesetzt hat. Von Herzen umarme ich die Schwestern aus der Kongregation der Muttergottes von der Barmherzigkeit und danke ihnen für ihr Wirken zur Verbreitung der von Schwester Faustyne hinterlassenen Botschaft. Ferner grüße ich die Kardinäle und Bischöfe Polens mit ihrem Oberhaupt, dem Kardinalprimas, sowie die Bischöfe aus verschiedenen Teilen der Welt. Die Anwesenheit der Priester, Ordensleute und Seminaristen der Diözese erfüllt mich mit Freude.

Von Herzen grüße ich alle Teilnehmer an dieser Feier, insbesondere die Vertreter der Stiftung für das Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit, die sich um die Bauarbeiten gekümmert hat, sowie das Personal der verschiedenen Unternehmen. Ich weiß, daß viele der hier Anwesenden diesen Bau in materieller Hinsicht hochherzig unterstützt haben. Gott möge ihre Großzügigkeit und ihren Einsatz mit seinem Segen belohnen!

3. Brüder und Schwestern! Während wir diese neue Kirche weihen, können wir uns jene Frage stellen, die König Salomon quälte, als er den Tempel von Jerusalem zum Haus Gottes weihte: »Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wieviel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe« (1 Kön 8, 27). Ja, auf den ersten Blick könnte es unangemessen scheinen, einen bestimmten »Raum« mit der Gegenwart Gottes in Verbindung zu bringen. Doch wir sollten uns daran erinnern, daß Zeit und Raum vollkommen Gott gehören. Auch wenn die Zeit und die ganze Welt als sein »Tempel« anzusehen sind, so gibt es dennoch Zeiten und Orte, die Gott wählt, damit die Menschen in ihnen seine Gegenwart und Gnade auf besondere Art und Weise erfahren. Und die Menschen, vom Geist des Glaubens bestärkt, kommen an diese Orte in der Gewißheit, Gott, der in ihnen gegenwärtig ist, wahrhaft gegenüberzutreten.

Mit dem gleichen Glaubensgeist sind sie nach Lagiewniki gekommen, um dieses neue Heiligtum zu weihen in der Überzeugung, daß es ein besonderer Ort ist, den Gott auserwählt hat, um die Gnade seines Erbarmens allen zuteil werden zu lassen. Möge diese Kirche stets ein Ort der Verkündigung der Botschaft von der erbarmenden Liebe Gottes sein, ein Ort der Bekehrung und der Reue, ein Ort der Feier der Eucharistie, Quelle des Erbarmens, ein Ort des Gebets, an dem inständig das Erbarmen für uns und für die ganze Welt erfleht wird. Mit den Worten Salomons bete ich: »Wende dich, Herr, mein Gott, dem Beten und Flehen deines Knechtes zu! Höre auf das Rufen und auf das Gebet, das dein Knecht heute vor dir verrichtet. Halte deine Augen offen über diesem Haus bei Nacht und bei Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast, daß dein Name hier wohnen soll. Höre auf das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte verrichtet. Achte auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, wenn sie an dieser Stätte beten. Höre sie im Himmel, dem Ort, wo du wohnst. Höre sie, und verzeih!« (1 Kön 8, 28–30).

4. »Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden« (Joh 4, 23). Wenn wir diese Worte des Herrn Jesus im Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit lesen, wird uns in besonderer Weise bewußt, daß man hier einzig und allein im Geist und in der Wahrheit verweilen kann. Es ist der Heilige Geist, Tröster und Geist der Wahrheit, der uns auf den Wegen des göttlichen Erbarmens führt. Er, der die Welt »überführt« und aufdeckt, was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht ist (Joh 16, 8), offenbart gleichzeitig die Fülle des Heils in Christus. Dieses Aufdecken der Sünde steht in einem zweifachen Zusammenhang zum Kreuz Christi. Einerseits ermöglicht uns der Heilige Geist, durch das Kreuz Christi die Sünde, jede Sünde, in der ganzen Dimension des in ihr enthaltenen und verborgenen Bösen zu erkennen. Andererseits ermöglicht uns der Geist, wiederum durch das Kreuz Christi, die Sünde im Licht des »mysterium pietatis« (Geheimnis der Gütigkeit) zu sehen, d.h. im Licht der erbarmenden und nachsichtigen Liebe Gottes (vgl. Päpstliche Enzyklika: Dominum et vivificantem, 32).

Und so wird das »Aufdecken der Sünde« gleichzeitig zur Überzeugung, daß die Sünden verziehen werden und der Mensch erneut der Würde des von Gott geliebten Sohnes entsprechen kann. »Im Kreuz neigt sich Gott am tiefsten zum Menschen herab … Im Kreuz werden gleichsam von einem heiligen Hauch der ewigen Liebe die schmerzlichsten Wunden der irdischen Existenz des Menschen berührt« (Dives in misericordia, 8). An diese Wahrheit wird stets der Grundstein dieses Heiligtums erinnern, der vom Kalvarienberg stammt; er wurde gewissermaßen unter jenem Kreuz hervorgeholt, auf dem Jesus Christus die Sünde und den Tod besiegt hat.

Ich glaube fest daran, daß dieses neue Heiligtum stets ein Ort sein wird, an dem die Menschen im Geist und in der Wahrheit Gott gegenübertreten. Sie werden mit jenem Vertrauen kommen, das diejenigen stärkt, die demütig ihr Herz dem barmherzigen Wirken Gottes öffnen, mit jener Liebe, die auch die schwerste Sünde nicht besiegen kann. Hier, im Feuer der göttlichen Liebe, brennen die Herzen im Verlangen nach Bekehrung, und jeder, der Hoffnung sucht, wird Trost finden.

5. »Ewiger Vater, ich opfere Dir den Leib und das Blut auf, 

die Seele und die Gottheit Deines geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, 

als Sühne für unsere Sünden und die der ganzen Welt. 

Um Seines schmerzhaften Leidens willen 

habe Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt« (Tagebuch, 476). 

„Mit uns und mit der ganzen Welt …" Wie dringend braucht die heutige Welt das Erbarmen Gottes! Aus der Tiefe des menschlichen Leids erhebt sich auf allen Erdteilen der Ruf nach Erbarmen. Wo Haß und Rachsucht vorherrschen, wo Krieg das Leid und den Tod unschuldiger Menschen verursacht, überall dort ist die Gnade des Erbarmens notwendig, um den Geist und das Herz der Menschen zu versöhnen und Frieden herbeizuführen. Wo das Leben und die Würde des Menschen nicht geachtet werden, ist die erbarmende Liebe Gottes nötig, in deren Licht der unfaßbare Wert jedes Menschen zum Ausdruck kommt. Wir bedürfen der Barmherzigkeit, damit jede Ungerechtigkeit in der Welt im Glanz der Wahrheit ein Ende findet.

In diesem Heiligtum möchte ich daher heute die Welt feierlich der Barmherzigkeit Gottes weihen mit dem innigen Wunsch, daß die Botschaft von der erbarmenden Liebe Gottes, die hier durch Schwester Faustyne verkündet wurde, alle Menschen der Erde erreichen und ihre Herzen mit Hoffnung erfüllen möge. Jene Botschaft möge, von diesem Ort ausgehend, überall in unserer geliebten Heimat und in der Welt Verbreitung finden. Möge sich die Verheißung des Herrn Jesus Christus erfüllen: Von hier wird »ein Funke hervorgehen, der die Welt auf Mein endgültiges Kommen vorbereitet« (vgl. Tagebuch, 1732).

Diesen Funken der Gnade Gottes müssen wir entfachen und dieses Feuer des Erbarmens an die Welt weitergeben. Im Erbarmen Gottes wird die Welt Frieden und der Mensch Glückseligkeit finden! Euch, lieben Brüdern und Schwestern, der Kirche in Krakau und Polen und allen, die die Barmherzigkeit Gottes verehren und aus Polen und der ganzen Welt diesen Ort aufsuchen, vertraue ich diese Aufgabe an. Seid Zeugen der Barmherzigkeit!

6. Gott, barmherziger Vater,

der Du Deine Liebe in Deinem Sohn Jesus Christus offenbart

und über uns ausgegossen hast im Heiligen Geist, dem Tröster,

Dir vertrauen wir heute die Geschicke der Welt und jedes Menschen an.

Neige dich zu uns Sündern herab,

heile unsere Schwäche,

besiege alles Böse,

hilf, daß alle Menschen der Erde Dein Erbarmen erfahren,

und in Dir, dem Dreieinigen Gott, die Quelle der Hoffnung finden.

Ewiger Vater,

um des schmerzvollen Leidens und der Auferstehung Deines Sohnes willen,

habe Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt!

Amen.

* * *

 

Am Ende der Eucharistiefeier sagte der Papst:

Zum Abschluß dieses festlichen Gottesdienstes möchte ich anmerken, daß viele meiner persönlichen Erinnerungen mit diesem Ort in Verbindung stehen. Ich kam vor allem während der Besatzung durch die Nationalsozialisten hierher, als ich in der nahegelegenen Solvay-Fabrik arbeitete. Noch heute erinnere ich mich an den Weg von Borek Falecki nach Debniki, den ich jeden Tag mit Holzschuhen an den Füßen zurücklegen mußte, wenn ich zur Schichtarbeit ging. Wer hätte geglaubt, daß dieser Mann mit den Holzpantoffeln eines Tages die Basilika von der Göttlichen Barmherzigkeit in Lagiewniki bei Krakau weihen wird?

Ich freue mich über den Bau dieses schönen Gotteshauses, das der Göttlichen Barmherzigkeit geweiht ist. Ich empfehle der Obhut von Kardinal Macharski, der ganzen Erzdiözese Krakau und den Schwestern der Muttergottes von der Barmherzigkeit das Heiligtum und vor allem dessen geistliche Dimension an. Möge diese Zusammenarbeit bei der Verbreitung der Verehrung des barmherzigen Jesus reiche Früchte des Segens in den Herzen der Gläubigen in Polen und der ganzen Welt hervorbringen.

Der barmherzige Gott segne alle Pilger, die heute und in Zukunft hierherkommen, mit seinen überreichen Gaben.

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PREDIGT DES HEILIGEN VATERS JOHANNES PAUL II.

zum 400. JAHRESTAG DER WEIHE DES HEILIGTUMS DES LEIDENS JESU

UND DER SCHMERZENSMADONNA

in der Basilika von Kalwaria Zedrzydowska

Montag, 19. August 2002

 

»Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit;

unser Leben, unsere Wonne und unsere Hoffnung, sei gegrüßt!«

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Heute komme ich zu diesem Heiligtum als Pilger, so wie ich bereits als Kind und Jugendlicher hierherkam. Ich trete vor die Muttergottes von Kalwaria, so wie ich als Bischof von Krakau zu ihr kam, um ihr die Probleme der Erzdiözese und derjenigen, die Gott meiner pastoralen Sorge anvertraut hatte, anzuvertrauen. Ich komme hierher, und wie damals wiederhole ich: Sei gegrüßt! Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit!

Wie oft habe ich erlebt, daß die Mutter des Gottessohnes ihre barmherzigen Augen auf die Sorgen des betrübten Menschen richtet und ihm die Gnade erwirkt, schwierige Probleme zu lösen, und daß der Mensch in seiner Schwäche von Staunen über die Kraft und die Weisheit der göttlichen Vorsehung erfüllt wird. Haben dies nicht auch ganze Generationen von Pilgern erlebt, die seit 400 Jahren hierherkommen? Sicher ist das so. Sonst gäbe es die heutige Feier nicht. Ihr wäret nicht hier, liebe Gläubige, die ihr die Wege von Kalwaria geht, den Spuren der Passion und des Kreuzes Christi folgt und dem Weg des Mitleidens und der Verherrlichung seiner Mutter. Dieser Ort hilft auf wunderbare Weise dem Herzen und dem Verstand, das Geheimnis jenes Bandes zu durchdringen, das den leidenden Erlöser und seine mitleidende Mutter vereinte. Im Mittelpunkt dieses Geheimnisses der Liebe findet derjenige, der hierherkommt, sich selbst, sein Leben, seinen Alltag, seine Schwäche wieder und zugleich die Kraft des Glaubens und der Hoffnung: jene Kraft, die aus der Überzeugung erwächst, daß die Mutter ihr Kind im Leiden nicht im Stich läßt, sondern zu ihrem Sohn führt und es seiner Barmherzigkeit anvertraut.

2. »Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala« (Joh 19, 25). Diejenige, die mit dem Sohn Gottes durch die Bande des Blutes und der mütterlichen Liebe verbunden war, lebte diese Einheit im Leiden gerade dort, zu Füßen des Kreuzes. Sie allein wußte trotz des Schmerzes ihres Mutterherzens, daß dieses Leiden einen Sinn hat. Sie hatte Vertrauen – Vertrauen trotz allem –, daß sich jetzt die alte Verheißung erfüllen sollte: »Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse« (Gen 3, 15). Und ihr Vertrauen findet sich bestätigt, als der sterbende Sohn am Kreuz zu ihr sagt: »Frau!«

Konnte sie in diesem Augenblick unter dem Kreuz erahnen, daß sich bald, in drei Tagen, die Verheißung Gottes erfüllen würde? Das wird immer ein Geheimnis ihres Herzens bleiben. Eines aber wissen wir: Sie hat als erste von allen Menschen an der Herrlichkeit des auferstandenen Sohnes teil. Sie – so glauben und bekennen wir – ist mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden, um die Einheit in der Herrlichkeit zu erfahren, um sich an der Seite ihres Sohnes über die Früchte der göttlichen Barmherzigkeit zu freuen und sie für jene zu erwirken, die bei ihr Zuflucht suchen.

3. Das geheimnisvolle Band der Liebe! Wie wunderbar bringt das dieser Ort zum Ausdruck! Die Geschichte überliefert, daß der Stifter des Heiligtums, Mikolaj Zebrzydowski, zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Fundamente für den Bau der Golgota-Kapelle nach dem Vorbild der Basilika der Kreuzigung in Jerusalem gelegt hat. Auf diese Weise wollte er vor allem das Geheimnis des Leidens und des Todes Christi sich und den anderen nahebringen. Später jedoch, bei der Planung der Wege der Passion des Herrn vom Abendmahlssaal bis zum Grab Christi, wollte er, durch die Verehrung Mariens und durch göttliche Eingebung veranlaßt, an diesem Weg Kapellen errichten lassen, die an Begebenheiten aus dem Leben Mariens erinnern. Und so sind andere Wege und eine neue Frömmigkeitsübung entstanden, in gewisser Weise als Ergänzung zum Kreuzweg: jenes Gebet, das »Weg des Mitleidens der Gottesmutter« und aller Mütter, die mit ihr gelitten haben, genannt wird. Seit vier Jahrhunderten kommen Generationen von Pilgern, die hier den Spuren des Erlösers und seiner Mutter folgen und überreich aus jener Liebe schöpfen, die dem Leiden und dem Tod standgehalten hat und in der Herrlichkeit des Himmels ihre Krönung fand.

Im Lauf dieser Jahrhunderte wurden die Pilger treu begleitet von den Franziskanern, den sogenannten Bernhardinern, denen die Seelsorge des Heiligtums von Kalwaria anvertraut ist. Heute möchte ich ihnen meine Dankbarkeit für diese Liebe zum leidenden Christus und zu seiner mitleidenden Mutter bekunden; eine Liebe, die sie mit Eifer und Hingabe den Herzen der Pilger vermitteln. Liebe Bernhardinerpatres und -brüder, möge der gütige Gott euch in diesem Dienst segnen, jetzt und in Zukunft!

4. Im Jahr 1641 wurde das Heiligtum von Kalwaria durch ein besonderes Geschenk bereichert. Die Vorsehung leitete die Schritte von Stanislaw Paszkowski aus Brzezie nach Kalwaria, damit er der Obhut der Bernhardinerpatres das Bild der allerseligsten Mutter anvertraue, das schon zu Zeiten, als es sich noch in der Familienkapelle befand, durch viele Gebetserhörungen berühmt geworden war. Seit jener Zeit und besonders seit dem Tag seiner Krönung durch den Bischof von Krakau, Albin Sas Dunajewski, die im Jahr 1887 it der Zustimmung von Papst Leo XIII. stattfand, beenden die Pilger ihre Pilgerfahrt durch die engen Straßen in Gegenwart des Gnadenbildes. Am Anfang kamen sie aus allen Teilen Polens, aber auch aus Litauen, der Rus, der Slowakei, aus Böhmen, Ungarn, Mähren und Deutschland. Vor allem die Bewohner Schlesiens haben sie liebgewonnen: Sie haben die Krone des Jesuskindes gestiftet und nehmen seit dem Tag der Krönung jedes Jahr an der Prozession am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel teil.

Welch große Bedeutung hatte dieser Ort für Polen, als es durch die Teilungen getrennt war! Dem hat Bischof Dunajewski, der später zum Kardinal ernannt wurde, aus Anlaß der Krönung mit folgendem Gebet Ausdruck verliehen: »Am heutigen Tag wurde Maria in den Himmel aufgenommen und dort gekrönt. Am Jahrestag dieses Festes legen alle Heiligen ihre Kronen zu Füßen ihrer Königin nieder, und heute bringt auch das polnische Volk ihr goldene Kronen, damit sie durch die Hand des Bischofs Maria in diesem Gnadenbild aufgesetzt werden. Gib uns dafür deinen Lohn, o Mutter, damit wir unter uns und mit dir eins sind.« So betete er für die Einheit des geteilten Polen. Heute, nachdem Polen eine geographische und nationale Einheit geworden ist, verlieren die Worte dieses Hirten nicht an Aktualität, sondern gewinnen vielmehr eine neue Bedeutung. Man muß sie heute wiederholen und Maria bitten, daß sie uns die Einheit des Glaubens erlangt, die Einheit des Geistes und der Gedanken, die Einheit der Familien und die soziale Einheit. Dafür bete ich heute zusammen mit euch: O Mutter von Kalwaria, erwirke, »daß wir unter uns und mit dir eins sind«.

5. »Wohlan denn, unsere Fürsprecherin, wende Deine barmherzigen Augen uns zu, und nach diesem Elend zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht Deines Leibes! O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria!«

Richte Deinen Blick, o Jungfrau der Gnaden, auf dieses Volk, das seit Jahrhunderten Dir und Deinem Sohn treu geblieben ist. Richte Deinen Blick auf diese Nation, die ihre Hoffnung immer auf Deine mütterliche Liebe gesetzt hat. Richte Deinen Blick, Deine barmherzigen Augen, auf uns, erwirke uns das, was Deine Kinder am notwendigsten brauchen. Öffne die Herzen der Wohlhabenden für die Not der Armen und Leidenden. Die Arbeitslosen laß einen Arbeitgeber finden. Hilf denen, die auf der Straße stehen, daß sie eine Unterkunft finden.

Den Familien schenke jene Liebe, die alle Schwierigkeiten überwindet. Den Jugendlichen zeige den Weg und die Perspektiven für die Zukunft. Bewahre die Kinder unter dem Mantel Deines Schutzes, damit sie nicht zum Bösen verführt werden. Beseele die religiösen Gemeinschaften mit der Gnade des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Laß die Priester dem Beispiel Deines Sohnes folgen, indem sie jeden Tag ihr Leben für die Schafe hingeben.

Den Bischöfen erwirke das Licht des Heiligen Geistes, damit sie die Kirche in diesen Ländern auf einem einzigen und geraden Weg zum Reich Deines Sohnes führen. Heiligste Mutter, Unsere Liebe Frau von Kalwaria, erwirke auch für mich die Kraft des Leibes und des Geistes, damit ich meine Sendung, die mir vom Auferstandenen anvertraut wurde, bis zum Ende erfüllen kann.

Dir übergebe ich alle Früchte meines Lebens und meines Dienstes; Dir vertraue ich das Los der Kirche an; Dir vertraue ich meine Nation an; auf Dich vertraue ich, und noch einmal bekräftige ich Dir gegenüber:

Totus Tuus, Maria! (Ganz Dein, Maria!)

Totus Tuus. Amen.

***

 

Zum Abschluß der Eucharistiefeier sagte der Papst:

Meine Pilgerreise nach Polen, nach Krakau, geht nun ihrem Ende zu. Ich bin froh darüber, daß diese Reise ihren Höhepunkt gerade hier in Kalwaria zu Füßen Mariens erreicht. Ihrem Schutz empfehle ich erneut euch alle, die ihr hier versammelt seid, die Kirche in Polen und alle Landsleute. Ihre Liebe sei die Quelle überreicher Gnaden für unser Land und seine Bewohner.

Bei meinem Besuch in diesem Heiligtum im Jahr 1979 bat ich euch darum, für mich zu beten, solange ich lebe und auch nach meinem Tod. Heute danke ich euch und allen Pilgern von Kalwaria für die geistliche Unterstützung, die mir ständig zuteil wird. Nun bitte ich euch erneut: betet ohne Unterlaß – ich wiederhole es noch einmal – solange ich lebe und nach meinem Tod. Und ich werde wie immer das mir entgegengebrachte Wohlwollen erwidern, indem ich euch alle dem barmherzigen Jesus und seiner Mutter anempfehle.

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FASTENBOTSCHAFT DES PAPSTES 2003

Botschaft des Heiligen Vaters Johannes Paul II. für die Fastenzeit 2003

"Geben ist seliger als nehmen"

 

VATIKAN, 6. Februar 2003.  Untenstehend veröffentlichen wir die Botschaft Seiner Heiligkeit Papst Johannes Pauls II. zur diesjährigen Fastenzeit.

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Die Fastenzeit, eine "geprägte" Zeit des Gebetes, des Fastens und des Einsatzes für die Notleidenden, bietet allen Christen die Möglichkeit, sich durch eine ernsthafte kritische Prüfung des eigenen Lebens auf Ostern vorzubereiten. Dabei setzt sich der Christ in besonderer Weise mit dem Wort Gottes, das den alltäglichen Weg der Glaubenden erleuchtet, auseinander.

In diesem Jahr möchte ich als Anleitung zur Betrachtung in der vorösterlichen Bußzeit einen Satz aus der Apostelgeschichte vorschlagen: Geben ist seliger als nehmen (20, 35). Es handelt sich dabei weder um eine bloße moralische Ermahnung noch um einen Befehl, der den Menschen von außen erreicht. Die Neigung zur Hingabe ist dem menschlichen Herzen von Natur aus gegeben: Jeder Mensch spürt das Verlangen, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, und gelangt zu voller Selbstverwirklichung, wenn er sich den anderen aus freien Stücken schenkt.

2. Unsere Zeit steht leider unter dem Einfluß einer Mentalität, die für die Einflüsterungen des Egoismus, der im menschlichen Herzen immer wieder erwacht, besonders empfänglich ist. Im sozialen Bereich ebenso wie in der Medienwelt wird der Mensch häufig von Botschaften beeinflußt, die beharrlich - offen oder versteckt - die Kultur der Kurzlebigkeit und des Hedonismus verherrlichen. Auch wenn es bei Naturkatastrophen, Kriegen und anderen Notlagen nicht an Aufmerksamkeit für die anderen fehlt, fällt es im allgemeinen nicht leicht, eine Kultur der Solidarität zu entwickeln. Der Geist der Welt verändert den inneren Drang zur uneigennützigen Selbsthingabe an die anderen und treibt den Menschen dazu, die eigenen Sonderinteressen zu befriedigen. Das Verlangen nach der Mehrung irdischer Güter wird immer stärker angeheizt. Es ist zweifellos natürlich und recht, daß sich jeder durch den Einsatz seiner Begabungen und die Leistung seiner Arbeit bemüht, das zu erhalten, was er zum Leben benötigt, doch die übertriebene Besitzgier hindert das Geschöpf Mensch daran, sich dem Schöpfer und seinen eigenen Artgenossen gegenüber zu öffnen. Wie gültig sind doch zu allen Zeiten die Worte des Paulus von Tarsus: Die Wurzel aller Übel ist die Habsucht Nicht wenige, die ihr verfielen, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet (1 Tim 6, 10)!

Die Ausbeutung des Menschen, die Gleichgültigkeit für das Leid des anderen, die Verletzung der sittlichen Normen sind nur einige der Früchte der Gewinnsucht. Wie sollte man angesichts der traurigen Szene fortdauernder Armut, die große Teile der Weltbevölkerung heimsucht, nicht erkennen, daß der um jeden Preis begehrte Profit und das Fehlen einer tatkräftigen und verantwortungsvollen Sorge für das Gemeinwohl große Geldmengen in den Händen einiger weniger konzentrieren, während der Rest der Menschheit unter Elend und Aufgegebensein leidet? Mit meinem Appell an die Gläubigen und an alle Menschen guten Willens möchte ich ein an sich selbstverständliches, allerdings nicht selten unbeachtetes Prinzip unterstreichen: es tut Not, sich nicht um das Wohl eines privilegierten Kreises einiger weniger, sondern um die Verbesserung der Lebensbedingungen aller zu bemühen. Nur auf diesem Fundament wird man eine internationale Ordnung errichten können, die tatsächlich die Züge der Gerechtigkeit und Solidarität trägt und die alle herbeiwünschen.

3. Geben ist seliger als nehmen. Wenn der Glaubende dem inneren Anstoß nachkommt und sich den anderen hingibt, ohne etwas zu erwarten, wird er eine tiefe innere Befriedigung erfahren. Die Kraft für sein Bemühen um die Förderung der Gerechtigkeit, für seinen Einsatz zur Verteidigung der Schwächsten, für seine humanitären Aktionen, um Brot für die Hungernden zu beschaffen und sich um die Kranken zu kümmern und bei jeder Notlage und Bedrängnis zur Stelle zu sein, diese Kraft schöpft der Christ aus jenem einzigartigen und unerschöpflichen Schatz der Liebe, der die Ganzhingabe Jesu an den Vater ist. Der Glaubende wird angespornt, auf den Spuren Christi zu wandeln, der als wahrer Gott und wahrer Mensch in vollkommener Zustimmung zum Willen des Vaters sich selbst entäußerte und erniedrigte (vgl. Phil 2,6 ff), indem er sich uns mit einer uneigennützigen, totalen Liebe hingab, um schließlich am Kreuz zu sterben. Von Golgota aus verbreitet sich auf beeindruckende Weise die Botschaft von der Liebe des Dreifaltigen Gottes zu den Menschen aller Zeiten und Orte. Der heilige Augustinus bemerkt, allein Gott, das höchste Gut, vermag das Elend der Welt zu besiegen. Die Barmherzigkeit und Liebe gegenüber dem Nächsten müssen daher aus einer lebendigen Beziehung zu Gott entspringen und beständig auf ihn verweisen, denn auf unserer Nähe zu Christus beruht unsere Freude (vgl. De civitate Dei, Lib. 10, Cap. 6, in: CCL 39, 1351 ff).

4. Der Sohn Gottes hat uns zuerst geliebt, "als wir noch Sünder waren" (Röm 5, 8), ohne irgend etwas zu verlangen, ohne uns irgendeine Bedingung a priori aufzuerlegen. Wie sollte man angesichts dieser Feststellung in der Fastenzeit nicht die günstige Gelegenheit zu beherzten Entscheidungen für Selbstlosigkeit und Großmut sehen? Sie bietet uns die praktische und wirksame Waffe des Fastens und des Almosengebens, um gegen die übermäßige Anhänglichkeit an das Geld anzukämpfen. Nicht nur auf das Überflüssige, sondern auf etwas mehr zu verzichten, um es an die Bedürftigen weiterzugeben, trägt zu jener Selbstverleugnung bei, ohne die es keine echte christliche Lebenspraxis gibt. Der Getaufte, der sich aus dem beständigen Gebet nährt, macht deutlich, daß in seinem Leben Gott wirklich den Vorrang hat. Die in unsere Herzen ausgegossene Liebe Gottes muß unser Sein und Tun inspirieren und verändern. Der Christ gebe sich nicht der Täuschung hin, er könnte sich um das wahre Wohl der Brüder bemühen, ohne die Liebe Christi zu leben. Auch dort, wo es gelänge, wesentliche negative soziale oder politische Faktoren zu ändern, würde ohne die Liebe jedes Ergebnis nur von kurzer Dauer sein. Die Möglichkeit zur Hingabe an die anderen ist selber ein Geschenk Gottes und entspringt aus seiner Gnade. Wie der heilige Paulus lehrt, "ist es Gott, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus" (Phil 2, 13).

5. Dem heutigen Menschen, der häufig durch ein leeres, oberflächliches Dasein unerfüllt und auf der Suche nach wahrer Freude und Liebe ist, bietet Christus sein Beispiel an und lädt ihn zur Nachfolge ein. Wer ihn hört, den fordert er auf, das Leben für die Brüder einzusetzen. Aus solcher Hingabe entstehen die volle Selbstverwirklichung und die Freude, wie das vielsagende Beispiel jener Männer und Frauen zeigt, die ihre Sicherheiten aufgegeben und nicht gezögert haben, als Missionare in den verschiedenen Teilen der Welt ihr Leben einzusetzen. Davon zeugt auch die Entscheidung jener jungen Leute, die, vom Glauben beseelt, den Priester- oder Ordensberuf ergreifen, um sich in den Dienst am "Heil Gottes" zu stellen. Das beweist schließlich die zunehmende Zahl von Freiwilligen, die sich mit sofortiger Bereitschaft den Armen, den Alten, den Kranken und all denen widmen, die sich in einer Notsituation befinden . In letzter Zeit konnten wir ein verdienstvolles Wetteifern solidarischer Gesinnung für die Opfer der Überschwemmungen in Europa, der Erdbeben in Lateinamerika und in Italien, der Epidemien in Afrika und der Vulkanausbrüche auf den Philippinen erleben, ohne die anderen von Haß und Krieg überzogenen Gebiete der Welt vergessen zu wollen. In diesen Umständen leisten die sozialen Kommunikationsmittel einen wichtigen Dienst, denn sie verhelfen zu einer direkteren Anteilnahme und zu einer lebendigeren Bereitschaft, denen zu helfen, die leiden und sich in Schwierigkeiten befinden. Zuweilen erwächst der Einsatz zugunsten anderer nicht aus dem christlichen Liebesgebot, sondern aus ganz natürlichem Mitleid. Wer dem Bedürftigen hilft, genießt jedoch immer das Wohlwollen Gottes. In der Apostelgeschichte lesen wir, daß die Jüngerin Tabita gerettet wurde, weil sie dem Nächsten Gutes erwiesen hatte (vgl. 9, 36 ff). Und der Hauptmann Kornelius empfängt für seine Hochherzigkeit das ewige Leben (vgl. ebd. 10, 1-31). Der Dienst an den Notleidenden kann für die "Fernstehenden" ein von der Vorsehung bereiteter Weg zur Begegnung mit Christus sein, weil der Herr jede Gabe an den Nächsten über die Maßen belohnt (vgl. Mt 25, 40). Ich wünsche von Herzen, daß die vorösterliche Bußzeit für die Gläubigen ein fruchtbarer Zeitabschnitt sein möge, um das Evangelium der Liebe allerorts zu verbreiten und zu bezeugen, denn die Berufung zur Liebe stellt das Herzstück jeder glaubwürdigen Evangelisierung dar. Dafür rufe ich Maria, die Mutter der Kirche, um ihre Fürbitte an. Möge sie uns auf dem Weg durch die Fastenzeit begleiten.

Mit diesen Wünschen segne ich alle aus tiefstem Herzen.

Aus dem Vatikan, am 7. Januar 2003

JOANNES PAULUS PP. II

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VATIKAN WARNT VOR NEW-AGE UND ESOTERIK

 

New Age nicht mit Christentum vereinbar, so ein Vatikandokument

Das Papier richtet sich an Seelsorger, Religionslehrer sowie alle, die in der Glaubensunterweisung tätig sind

VATIKAN, 3. Februar 2003

Zwar gibt es auch positive Ansätze im New Age, aber das Glaubensgut dieses religiösen Phänomens unserer Zeit ist gnostischer Natur (1) und somit unvereinbar mit dem Christentum, so heißt es in einem "provisorischen Bericht" des Heiligen Stuhls vom Montag, 3. Februar 2003

1. "Jesus Christus, Bringer lebendigen Wassers. Eine christliche Reflexion über New Age", ein 95-seitiges Dokument, das bisher noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegt (2) wurde von einer Arbeitsgruppe über neue religiöse Bewegungen erstellt.Dieser Arbeitsgruppe besteht aus Mitgliedern verschiedener vatikanischer Stellen wie der Päpstlichen Räte für Kultur, für Interreligiösen Dialog, für die Förderung der christlichen Einheit und der Kongregation für Evangelisierung der Völker.New Age sei nicht "direkt eine Religion, sondern befasst sich viel mehr mit dem, was es "göttlich" nennt. Das Wesen von New Age ist die freie Assoziierung verschiedener Aktivitäten, Ideen und Personen, auf welche dieser Terminus anzuwenden ist. Daher ist auch keine feste Definition wie in den Hauptreligionen möglich".

Einer der Hauptunterschiede zwischen Christentum und New Age ist laut Bericht der Gottesbegriff selbst. Für New Age ist Gott "etwas, was man gebrauchen kann oder eine Kraft, um noch mächtiger zu sein", während er für die Kirche ein personales Wesen ist, mit dem der Mensch in Beziehung steht.Christus ist für New Age "ein Weiser oder ein Eingeweihter mehr" oder ein "unpersonaler und ewiger Universalchristus". "Der Tod Christi am Kreuz wird entweder geleugnet oder uminterpretiert, um die Vorstellung auszuschließen, dass er, insofern er Christus ist, gelitten haben kann". Für das Christentum ist Jesus der Sohn Gottes und einzige Erlöser des Menschen.

Für New Age ist die Erlösung ein persönliches Verdienst. Daher werden Begriffe wie "Selbstverwirklichung", "Selbsterlösung" und "Selbstgefälligkeit" verwendet. Für die Christen aber hängt die Erlösung von der Teilnahme an der Passion und an Tod und Auferstehung Christi sowie der persönlichen direkten Beziehung zu Gott ab und nicht von irgendeiner Technik".New Age neige dazu, Psychologie und Spiritualität zu verwechseln, so heißt es in dem Bericht.. "Die christliche Mystik ist im Wesentlichen ein Dialog, der eine Haltung der Umkehr impliziert, ein Exodus des Ich hin zum Du Gottes".

Bei der Pressevorstellung sagte Paul Kardinal Poupard, der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, dass "das Phänomen New Age zusammen mit vielen anderen neuen religiösen Bewegungen eine der dringlichsten Herausforderungen an den christlichen Glauben ist", da sie dem Verlangen nach Gott entspringt. New Age jedoch sei die "falsche Antwort" auf eine "Kultur in tiefer Krise".Auch Erzbischof Michael Fitzgerald, Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, sagte vor den Journalisten, dass der Dialog mit den anderen Religionen oder mit Menschen, die an New Age glauben, nicht bedeute, "die Unterschiede auszulöschen".Die Kirche könne "die These von der Einheit der Religionen, die Überzeugung, alle Wege seien gleich", nicht übernehmen. Man könne "die vorchristlichen Religionen nicht mit den authentischeren gleichsetzen"."Angesichts der vielen mit New Age im Zusammenhang stehenden Praktiken sind wir angehalten, den Geist der Unterscheidung walten zu lassen".

2. Der Vatikan hat vor der Ausbreitung von Lehren des New Age und der Esoterik (3) gewarnt. Die Religiösität des New Age widerspreche der christlichen Offenbarung, heißt es in einem am Montag veröffentlichten Grundsatzpapier mit dem Titel "Jesus Christus, Überbringer des Lebendigen Wasser". Ihre Lehren griffen Positionen der antiken Geistesströmung der Gnosis auf, die von der Kirche als Irrlehren identifiziert worden seien. Es sei eine Illusion zu meinen, dass mit New Age eine Wiederbelebung des Religiösen einhergehe, heißt es in dem neunzig Seiten langen Text, der von den Päpstlichen Räten für die Kultur und für den Interreligiösen Dialog herausgegeben wurde.

Die Verfasser kritisieren, dass die Religiösität des New Age derzeit auch in manchen kirchlichen Bildungshäusern verbreitet werde. Diese Tendenz gelte es zu korrigieren, um Verwirrung und Irrtümer zu beseitigen und die wahre christliche Spiritualität zu fördern. Zugleich wird in dem Text vor gut gemeinten Dialogveranstaltungen oder gemeinsamen Gebetstreffen gewarnt, die von den Vertretern esoterischer Lehren zur Propagierung ihrer Ideen benutzt würden. Ein echter Dialog müsse stets von der Anerkennung der Unterschiede ausgehen.

Als Beispiel für eine von der christlichen Auffassung abzugrenzende Praxis nennt das Papier den Gebrauch des "Enneagramms" (Neunerzeichen). Dieses seit Beginn der neunziger Jahre auch in christlichen Kreisen weit verbreitete Schema zur Unterscheidung von neun standardisierten Persönlichkeitstypen führe zu Zweideutigkeit in der Lehre und im christlichen Glaubensleben, wenn es als "Instrument für die geistliche Entwicklung" benutzt werde. Die Religiösität des New Age wird in dem Dokument als ,"anziehend" beschrieben und als Herausforderung für die Kirche bezeichnet. Viele Menschen hätten das Gefühl, dass die christliche Religion ihnen nicht das bieten könne, was sie wirklich brauchten. Manche kämen zum New Age auf der Suche nach einer authentischen Spiritualität, die ihr Innerstes berührt und ihnen in einer verwirrenden Welt Sinngebung verspreche. Manches an diesen Lehren klinge positiv, etwa die Kritik am Materialismus, am mechanistischen Menschenbild der Medizin und am ungebremsten Individualismus der lndustriegesellschaft. Die Kirchen müssten den "stummen Schrei" dieser Menschen hören, ansonsten liefen sie Gefahr, in eine andere Richtung zu treiben.

Das Papier richtet sich nach dem Willen der beiden federführenden Päpstlichen Räte an Seelsorger, Religionslehrer sowie alle, die in der Glaubensunterweisung tätig sind. Es wird in einer kurzen Einleitung ausdrücklich als "provisorischer Bericht" bezeichnet, der noch einiger Vertiefungen bedürfe. Der Text sei eine Einladung, die kulturelle Strömung des New Age zu begreifen und in einen Dialog mit jenen einzutreten, die von ihrem Denken beeinflusst seien. Neben einer grundsätzlichen Einschätzung des Phänomens New Age enthält der Text einige praktische Empfehlungen und einen Anhang mit einer Kurzfassung der New-Age-Lehren, einem Glossar wichtiger Begriffe und eine kurze Bibliographie.

In dem Text wird auch die Frage untersucht, ob der außerordentliche weltweite Erfolg von New-Age-Lehren im vergangenen Jahrzehnt das Resultat einer internationalen Verschwörung oder das Ergebnis spontaner kultureller Veränderungen sei. Das Papier lässt die Frage offen, erinnert aber daran, dass es zwischen New Age und "international einflussreichen Gruppen", die an Stelle der einzelnen Religionen eine universale Weltanschauung für die gesamte Menschheit setzen wollten, gemeinsame Interessen gebe.Eng damit verbunden sei auch die konzertierte Bemühung vieler Institutionen, eine "globale Ethik" zu schaffen.

Esoterik – eine Herausforderung an den Christen

Immer mehr Menschen suchen in Seminaren und Workshops, bei Sekten und Gurus ihre spirituelle Heimat. Glauben – egal woran – ist gefragt wie nie zuvor. Parallel dazu ist Irreführung durch Aberglauben und Scheinreligion zu unserem Alltag geworden. In Presse, Funk und Fernsehen wird nicht selten das Extremste „salonfähig" gemacht, arglos wird Geistheilern, Hexen und Wahrsagern – was immer man darunter verstehen möchte - mittels Talkshows, Interviews und Unterhaltungssendungen ein Podium der Selbstdarstellung geboten

Kommerzielle Anbieter weisen auf einen stetig wachsenden Tourismussektor bei den esoterischen Reisen hin. Es liegt gegenwärtig im Trend, möglichst viele verschiedene esoterische Zentren aufzusuchen um dort bei „spirituellen Meistern" in erster Linie „Selbsterfahrung" zu sammeln. Teure Workshops versprechen an Wochenenden die Entdeckung ewiger Heilkraft, der Medienmarkt quillt über mit teuren Büchern, Videos und CDs, die Bewusstseinserweiterung verheißen. Ein neuzeitlicher „Tanz ums goldene Kalb" hat seinen Reigen begonnen, begründet auf dem Fundament der radikalen Ichbezogenheit. Diese Einstellung wirkt sich nicht nur im wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhalten aus, sondern immer stärker auch in einer religiösen Alternativszene, die droht, das Christentum abzulösen. Denn da, wo der Mensch sich daranmacht, in einer schier endlosen Reihe von Selbsterkenntnis zur Selbsterlösung zu gelangen, hat ein göttlicher Erlöser keinen Platz mehr. Willi Schalck, kölner Werbeexperte, formuliert diesen Weg so: „ Nimm deine eigenen Bedürfnisse wichtiger als alles andere und erfülle deine Wünsche konsequent. Egal, wer darunter zu leiden hat. Hauptsache, du entbehrst nichts." Daß diese Feststellung die genaue Umkehrung des christlichen Gebotes der Gottes- und Nächstenliebe ist, muß nicht besonders erwähnt werden! Jedoch hat genau diese egoistische Haltung im spirituellen Bereich einen Supermarkt der Esoterik eröffnet. Meister, Eingeweihte und Heilslehrer versprechen tiefe Selbsterfahrung, Bewusstseinserweiterung, neue Kraft und Durchsetzungsvermögen. Der Verlust von alternativen Ideen und Werten hat zu einem Wirrwarr an Lebensmodellen und zur „Umwertung der Werte" (auch Paradigmawechsel genannt) geführt. Trotz aller Unübersichtlichkeit auf dem Markt des religiösen Pluralismus setzt sich seit einigen Jahren konsequent eine einheitliche Subkultur durch, die dem Menschen nicht weniger verspricht, als was einst die Schlange im Paradies versprach: Ihr werdet sein wie Gott und die volle Erkenntnis erlangen.

Die Suche nach dem „Gott in sich selbst" ist nicht selten ein Folge einer ungesunden Selbstsuche, bis hin zum Egoismus, die eher oder später den Menschen frustriert macht. Die Betroffenen „kurieren" dann ihre materielle Sucht mit religiöser Selbstsucht. Wochenendseminare oder esoterische Workshops, die absolute Selbsterkenntnis und Selbstheilung versprechen, liegen dem Zeitgeschehen näher als ein Christentum, das dem einzelnen klarmacht, er sei nicht der Supermensch, der er gerne sein möchte, sondern ein erbsündlich belastetes Geschöpf, das der göttlichen Erlösung bedarf. Freilich ist dies eine unbequeme Botschaft. Der „sich selbst Suchende" will sich nicht klein machen, auch nicht vor einem persönlichen Gott. Ihm schmeichelt es, dass er alles selber in der Hand hat. So versprechen Reiki-Gruppen, zum Beispiel den kranken Wald allein dadurch zu retten, dass ihm durch Baum-Meditation geistig-feinstoffliche Kräfte zugeschickt werden; da versprechen Esoteriker, durch die bewusste Aufnahme feinstofflicher Lebensenergie könne der Mensch alle seine Krankheiten überwinden, können alle seelischen und geistigen Probleme lösen. So etwas bringt den Menschen in die Nähe eines „Allmächtigen". Dass selbst schon in den Ausdrücken gemogelt wird, wird kaum zur Kenntnis genommen. Gott ist ein reiner Geist. Hier aber wird von fein-stofflicher Energie gesprochen – man hebt sich also über den Bereich des stofflich-materiellen kaum hinaus! Wer den Weg zu Gott, zum Erlöser, verloren hat, wird sehr bald mit dem Philosophen Nietzsche ausrufen: Wie könnte ich es ertragen, dass es einen Gott gibt und ich selbst nicht dieser Gott wäre! Eine Antwort könnte die Abkehr von Gott und dem in Jesus Christus erworbenen Heil liegen. Hat man den einen Gott verlassen, wird man sehr schnell nach anderen „Ersatzgöttern" suchen und sich Fabeleien zuwenden, die „dem Ohr schmeicheln" (bitte lesen Sie hierzu aus der hl. Schrift: 2 Tim 4,4 und folgende Verse; 2 Petr 1,16 und folgende). Es genügt, an dieser Stelle eine Grundüberzeugung der Esoterik zu zitieren: Gott ist nicht persönlich, wie auch wir nicht mehr persönlich sein werden, wenn wir das Ziel der geistigen Vervollkommnung erreicht haben: dann sind wir alle wie Gott, indem wir eins sind." Nochmals: Die Schlange sprach zum Menschen: „Du wirst sein wie Gott!"

Gnosis: Die Erkenntnis. /Gnostizismus, Gnostiker/ : Umfasst in der Philosophie verschiedene religiöse Bewegungen mit insbesonders spätantikem Gedankengut. Das Heil der Menschen hängt von seiner Erkenntnis der Geheimnisse der Welt und Gott ab, nicht vom Glauben ("Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder..." widerspricht frontal dieser Auffassung, denn was geschieht mit denen, die keine Chance hatten zu "Erkennen"..?).

 Esoterik/Exoterik: Die Lehre der „Eingeweihten", des "nach Aussen" projektierten und im Innern des Menschen entstandenen "Gottesbildes" im Gegensatz zur katholischen "Introterik", des in sich selbst, unabhängig vom Menschen lebenden Schöpfergottes als eigenes Wesen. Die Esoterik lehnt alles Personal-Göttliche ab, vermischt fernöstliches Gedankengut und gibt ihm einen christlichem Anstrich. Nicht selten wird daher die Esoterik in Verbindung mit Satanskult gebracht.

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Fragen an der Pressestunde:

Könnten Sie die Hauptunterschiede zwischen New Age und christlichen Glauben aufzeigen angesichts dieser Galaxie von Bewegung, wo Spiritismus, Okkultismus, Theosophie, schwarze und weiße Magie, Pantheismus und Neopaganismus zusammenfließen und dessen  Techniken viele Gruppen und Gläubigenvereinigungen verwenden?

TERESA OSÓRIO GONÇALVES: Wir Katholiken glauben doch vor allem an einen Schöpfergott, einen Gott, der in Freiheit und Liebe einen freien Menschen schafft. Gott fällt nicht mit der Welt zusammen (Pantheismus) und die Welt ist auch nicht durch Emanation aus ihm hervorgegangen. Aus christlicher Sicht ist es auch falsch zu sagen, dass Gott mit dem Menschen zusammenfällt. Sicherlich wohnt er in ihm, doch ist er auch zugleich sein Schöpfer, Herr und Erlöser. Aus Liebe hat er ihn zu seinem Gesprächspartner gemacht. Die Andersartigkeit bewahrt die persönliche Würde und Freiheit des Menschen. Mit diesem Gott treten wir durch das Gebet in Dialog. Das Gebet ist nicht einfach nur die Wiederentdeckung des tieferen Ich, sondern setzt die persönliche Begegnung zweier Personen voraus: freiwillig betet man, dankt man und fleht man zu Gott. Man wird eins mit dem Willen des Vaters.

- Die Anhänger von New Age suchen Befreiungstechniken ...

TERESA OSÓRIO GONÇALVES: Wir brauchen Christi Erlösung, weil wir Sünder sind. Der Christ betrachtet den Menschen von Grund auf als gut, doch durch die Erbsünde verletzt. Keine Befreiungstechnik, keine Kraft persönlicher Konzentration, keine Gleichschaltung des Bewusstseins von Millionen von Menschen können den Menschen erlösen. 

- Welche Bedeutung haben Tod und Leid?

TERESA OSÓRIO GONÇALVES: Die Anhänger von New Age akzeptieren weder Tod noch Leid. Die Erlösung erfolgt für sie durch Expansionstechniken für das Bewusstsein, durch Wiedergeburt, Reisen zu den Pforten des Todes. Heil wird auch durch jede x-beliebige Relaxmethode zur Erhöhung vitaler Energien erzielt. Während für die Christen das in Union mit dem gekreuzigten Christus erlebte Leid Quelle des Heils ist, da Christus im Kreuz den Menschen seine Liebe geoffenbart hat. Auch der Tod ist ein einzigartiges Ereignis: nicht Zugang zu einer neuen Wiedergeburt, der wiederum andere folgen, sondern unumgänglicher Schritt hinein ins ewige Leben.

- New Age spricht immer von Veränderung der Welt ...

TERESA OSÓRIO GONÇALVES: In der indischen Brahma Kumaris-Bewegung heißt es: "Es wird etwas passieren ... ihr könnt es hervorrufen, indem ihr euch mit Millionen von Menschen verbindet, vereint in einer Art neuer Gemeinschaft der Heiligen, die durch ihre innewohnende Kraft und Kreativität über einen Stimulus verfügt, der die Welt ins rechte Lot zu bringen vermag". Doch reicht das Denken aus, um die Welt zu verändern?  Der von Christus vorgegebene Weg ist wesentlich anspruchsvoller und faszinierender, es ist der Weg gegenseitiger Liebe, der sich in konkrete Werke umsetzt und lebendige Gemeinschaften erzeugt, welche eine neue Welt errichten.

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Vatikan,07. Februar 2003: Kniender Kommunionempfang darf nicht verweigert werden

Die Fälle häufen sich, wo Gläubigen verweigert wird, die Kommunion kniend zu empfangen. Die Gottesdienstkongregation hat in einem Brief die Sachlage klargestellt.

Das Thema des knienden Empfangs der Kommunion wurden in den "Notitiae" (Nov-Dez 2002), dem offziellen Bulletin der vatikanischen Kongregation für den Gottesdienst, behandelt. Anlassfall war ein Priester, der einer knienden Gläubigen die Kommunion verweigert hatte. Die Kongregation hob in einem Brief an den zuständigen Bischof sowie an die Betroffene hervor, dass bei der Kongregation mittlerweile mehrere ähnliche Beschwerden eingetroffen seien. Die Weigerung, Gläubigen die heilige Kommunion zu geben, stelle eine "Verletzung eines Rechts des Gläubigen" dar, heißt es. Gemäß can. 213 des CIC hätten die Gläubigen "das Recht, aus den geistlichen Gütern der Kirche, insbesondere dem Wort Gottes und den Sakramenten, Hilfe von den geistlichen Hirten zu empfangen". Diese bedeute - wie can. 843 § 1 hinzufügt -, dass die geistlichen Amtsträger die Sakramente denen nicht verweigern dürfen, "die gelegen darum bitten, in rechter Weise disponiert und rechtlich an ihrem Empfang nicht gehindert sind".

Weiters sei es nicht erlaubt, die heilige Kommunion einem Katholiken zu verweigern, der sie während der Messe empfangen will, außer im Fall, dass er die Gefahr eines Anstoßes für die anderen Gläubigen darstellen könne; gemeint seien Personen, die sich im Zustand der schweren Sünde befinden oder einer Häresie oder einem Schisma (z. B. Protestantismus) anhängen. "Es ist niemals erlaubt, einem Gläubigen die heilige Kommunion zu verweigern, der diese kniend empfangen will", heißt es in dem Brief. Diese Art, die Kommunion zu empfangen, sei "eine alte Tradition, die seit Jahrhunderten besteht"; sie sei "eine besonders ausdrucksvolle Geste der Anbetung, ganz und gar angemessen, die reale und substantielle Präsenz unseres Herrn Jesus Christus zu zeigen". Die Kongregation betonte in dem Schreiben, dass Beschwerden dieser Art in Zukunft besondere Aufmerksamkeit zuteil werden würde.

 

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Papst Johannes Paul II. zum übernatürlichen Charakter der priesterlichen Berufung

"ALLES STEHT UND FÄLLT MIT DEM GLAUBEN AN JESUS CHRISTUS!"

    

Bereits im Sommer 1999 hat Papst Johannes Paul II. an die Teilnehmer des vierten internationalen Priestertreffens in Jerusalem vom 22. bis 27. Juni eine Botschaft gerichtet, die bisher nicht in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. In diesem Schreiben kennzeichnet der Papst den Charakter der Priesterweihe als Berufung zum "alter Christus", zu einem "zweiten Christus". Es scheint für die deutsch-sprachige katholische Kirche symptomatisch zu sein, Schreiben des Hl. Vaters, die nicht so recht "in den Kram" passen, einfach nicht zu publizieren. Damit aber wird deren Inhalt den Gläubigen vorenthalten und einerseits ein Bild des Priesters - oder wie der Papst es in diesem Schreiben nennt: "des Hirten" - propagiert, das in vielem dem Charakter des Priesters-seins nicht entspricht, andererseits der Eindruck erweckt, als wäre das in deutschen Landen propagierte "Bild des Seelsorgers" das der Universalkirche. Was so gesehen nicht stimmt.

Meine lieben Priester!

1. Mit tiefer Zuneigung und lebhafter Freude wende ich mich an Euch, die Ihr im Heiligen Land am IV. Internationalen Treffen in Vorbereitung auf das große Jubiläum des Jahres 2000 teilnehmt. Wir stehen kurz vor dem Beginn eines neues Jahrtausends, des dritten seit der Fleischwerdung des Sohnes Gottes. Zahlreiche Herausforderungen zeigen sich am Horizont, aber da wir auf denjenigen zählen können, der die Welt besiegt und uns versichert hat, bis ans Ende der Tage bei uns zu bleiben (vgl. Mt. 28, 19-20), haben wir keinen Grund, die Ungewissheiten der Zukunft zu fürchten. Wir fürchten eher, Christus nicht so zu bezeugen, wie die Zeiten und die Umstände es erfordern. Uns sollte einzig die Frage bekümmern, wie treu wir uns jeden Tag nach unserer Identität erneuern, denn Identität ist Wahrheit: Wahrheit des Seins, aus der sich die Wahrheit des Handelns ergibt, die Wahrheit unseres pastoralen Dienstes.

2. Jesus steht vor uns und fragt uns wie einst die Apostel: "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Heute besteht angesichts dieser Frage viel Verwirrung. Die Antworten laufen - zumindest praktisch - häufig darauf hinaus, Christus mit einem "Erleuchteten", mit einem klugen Morallehrer oder mit einem faszinierenden Menschenfreund zu identifizieren. Die Identität Jesu ist nicht ein Problem unter vielen; es ist die fundamentale Frage, denn von der Antwort auf sie hängt die Gesamtansicht auf den Menschen, auf die Gesellschaft, auf die Geschichte, auf das Leben, auf den Tod und auf das, was darüber hinausgeht, ab. Was die Kirche betrifft und was uns betrifft, steht und fällt alles mit dem Glauben an Jesus von Nazareth. "Ihr aber" - und Jesus ruft uns hier an - "für wen haltet ihr mich?" Wir kennen die Antwort, die Simon Petrus im Gebiet von Cäsarea Philippi im Namen aller Jünger gab: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!" So hat Petrus also geantwortet und so hat er durch die Jahrhunderte mittels seiner Nachfolger fortgefahren zu antworten. So antwortet er auch heute aus Rom in Euer aller Namen: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes". Das ist die Identität Christi, und diese Identität ist die Grundlage der unsrigen.

3. Meine Lieben! Ihr seid ontologisch nach dem Priester Christus gestaltet, nach Ihm, dem Oberhaupt und Hirten, so daß man in aller Wahrheit und, mit der ganzen Tradition sagen kann, daß jeder Priester ein "alter Christus" (lateinisch: "zweiter Christus", Anm. d. Übs.) ist. Auf diese Eure Ontologie gründet sich die daraus folgende Deontologie. Christus hat sich sehnlich gewünscht, sein einzigartiges Priestertum mit den Menschen zu teilen. Deshalb hat er, als er am Tisch des letzten Abendmahls saß, zu seinen Aposteln gesagt: "Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen." Dann nahm er das Brot, dankte, brach es und reichte es ihnen mit den Worten: "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis" (Lk 22, 15-19). Aus dem Mund unseres Herrn bedeuten diese Worte, dass er die mit Verpflichtung verbundene Vollmacht verleiht, das Geschehen im Abendmahlssaal zu wiederholen und in jeder Zeit der Geschichte gegenwärtig zu machen. Auf diese Weise ist Christus, dank Euch Priestern, stets sakramental in seiner Kirche präsent (vgl. Konzilsdekret "Sacrosanctum Concilium"7). Ihr handelt "im Namen und in der Person Christi" (Lumen Gentiurn, 28). Ihr verkündet glaubwürdig das Evangelium. Christus spricht durch Euch: so geschieht es, dass "Christus Christus verkündigt". Wer bringt das Opfer der Eucharistie dar? Ihr, aber nicht allein: es ist Christus, der durch Euch handelt, "derselbe bringt das Opfer jetzt dar durch den Dienst der Priester, der sich einst am Kreuz selbst dargebracht hat" (Konzil von Trient, Sess. XXII, 17. Sept. 1562, Doctr. De ss. Missae sacrif., c. 2, vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Konst. Sacrosanctum Concilium, 7). Wer erteilt die sakramentale Absolution von begangenen Sünden? Ihr Priester, aber nicht allein: es ist Christus, der durch Euch vergibt. Ihr seid die "Verwalter von Geheimnissen Gottes" (1 Kor, 4,1)! Durch die Weihe seid Ihr in ontologschem (übernatürlichen) Sinn Zeugen Christi im Dienst am Wort und an den Sakramenten; gleichzeitig seid Ihr das reale Zeugnis von Christus, dem einzigartigen Priester. Im Augenblick der Weihe habt Ihr eine neue Art zu sein erhalten. Ihr seid durch das "Priester-Sein" gekennzeichnet, das ein wirkliches spiritulles Zeichen und unauslöschbar ist. Dieses Priester-Sein trennt Euch nicht von der Menschheit, im Gegenteil, es stellt Euch in ihr Zentrum, damit Ihr Euch in ihren Dienst stellen könnt. Denn das Priester-Sein fügt Euch in das Priestertum Christi ein, das "der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte" ist (Gaudium et spes, 10), "Alpha und Omega" (ebd. 45) der sichtbaren und unsichtbaren Wirklichkeit.

4. Meine Lieben! Wie könnte das heilende Wasser der Auferstehung zu allen Generationen fließen, wenn Ihr nicht wärt. Aus der Klarheit und der Sicherheit Eurer Identität erwächst das Bewußtsein Eurer absoluten Unersetzbarkeit in der Kirche und in der Welt. Der Gute Hirte kann durch Euch weiterhin die Völker alter Kulturen auf jedem Kontinent und zu jeder Zeit lehren, heiligen, führen und lieben. Daher steht die Bezeichnung "Hirte" nur Euch zu, und da außerhalb von Christus kein Heil ist und Er überall auf der Welt verkündigt werden muß, ist es nicht möglich, die Schwelle des Dritten Jahrtausends zu überschreiten, ohne eine Priorität für die Berufungspastoral zu setzen. Wenn die Welt nicht ohne Christus leben kann, so kann sie auch nicht ohne seine Priester leben.

Liebe Priester, verkündet allen aus dem Land, in dem das Wort Fleisch geworden ist, aus dem Land, das Er durchschnitten hat, eingetaucht in die Luft, die Er geatmet hat, erleuchtet von der Sonne, die seine Schritte erleuchtet hat, wer Jesus von Nazareth ist, sagt, dass in Ihm allein der Mensch seine vollkommene Verwirklichung findet, in Ihm allein den wahren Fortschritt, in Ihm allein umfassenden Frieden und Gerechtigkeit, in Ihm allein Freude ohne Schatten, in Ihm allein die wahre und umfassende Menschlichkeit, die ihre Krönung im Ewigen Heil findet. Schon durch Eure Präsenz macht Ihr deutlich, was der Priester und was seine Identität ist, Ihr zeigt Eure Unersetzbarkeit, die Notwendigkeit der vollen Entfaltung Eures pastoralen Dienstes innerhalb des Presbyteriums in enger Gemeinschaft mit dem Bischof. Bemüht Euch darum, jedem Menschen zu erklären, dass wenn die Eucharistie in der Gemeinschaft einen absolut zentralen Platz einnimmt, die Person des Priesters gerade im Hinblick darauf ebenso zentral ist. Dort, wo es an Priestern mangeln sollte, können diese nicht ersetzt wer- den, sondern müssen vielmehr mit größerer Beharrlichkeit von der ganzen Gemeinschaft herbeigefleht werden, im persönlichen und im gemeinsamen Gebet, durch die Buße und durch die besondere Heiligkeit der Priester.

5. Meine Lieben! In der vollen Erfüllung des "petrinischen munus" ("Petrus-Dienstes", Anm. d. Übs.) möchte ich Euch in diesem Glauben an die Identität Christi bestärken und in Eurer Identität als "zweiter Christus". Seid in heiligmäßiger Weise stolz darauf, "berufen" zu sein und seid im Bewusstsein der menschlichen Schwachheit besonders demütig im Blick auf diese hohe Würde. Dank an Euch Priester, die Ihr wie ein Licht diejenigen erleuchtet, die sich Euch nähern, die Ihr wie Salz dem Leben Würze gebt. Danke für das, was Ihr tut und vor allem für das, was Ihr seid. Besonders bewegt möchte ich all den Priestern danken, die in der Treue zu ihrer eigenen Identität und Mission unter den verschiedensten Umständen zu leiden haben. Danke für Euren Schweiß, danke für eure Mühe, danke für Eure Kraft, danke für Eure Tränen, danke für Euer Lächeln; ein Dank an Gott, dass es Euch gibt! Ein Dank auch an Euch Priester der beiden vergangenen Jahrtausende, die Ihr treu bis zum Martyrium an Eurer Identität und an Eurer Mission festgehalten habt. Wie kostbare Weihrauchkörner habt Ihr Euch im glühenden Feuer der pastoralen Liebe verbraucht und seid jetzt unsere Mittler in der Herrlichkeit der himmlischen Kirche. Danke für Euer bewunderungswürdiges Beispiel! Aber mein Dank richtet sich vor allem an "Te Deum" ("Dich Gott", Anm. d.Übs) für das Geschenk des Priestertums, und ich möchte Euch dazu auffordern, immer mehr in der Welt, aber immer weniger von der Welt zu sein, damit Ihr Euch immer allen in demütigem Stolz, auch mit dem gebührenden äußerlichen Zeichen, als das zeigen könnt, was Ihr seid: es ist das Zeichen eines Dienstes, der keine Erholungspausen und kein Alter kennt, da er in Euer "Sein" eingeschrieben ist. Ich vertraue jeden von Euch mit besonderem Wohlwollen der Jungfrau Maria an, die uns vom Ewigen Priester auf einzigartige Weise als Mutter gegeben wurde. In ihre gefalteten Hände lege ich für jeden die demütige Bitte, ausdauernd zu sein und sich darum zu bemühen, den Brüdern als Erbe wenigstens einen Nachfolger dieses einzigartigen Priestertums zu vermachen, das in uns lebt und nach Liebe drängt.

Gemeinsam mit Euch segne ich alle Seelen, die der Höchste und Ewige Priester Euch anvertraut hat und die Er noch auf Euren Weg senden wird!

 

Aus dem Vatikan, 19. Juni 1999, Johannes Paul II.

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Internet: Ein Mittel zur Neuevangelisierung 

Johannes Paul II. hat die Kirche aufgefordert, zur Evangelisierung "aufs Meer der Internetnavigation hinaus zu fahren". (Duc in altum!, Lk 5,4).

 

Liebe Brüder und Schwestern!

1. In jedem Zeitalter führt die Kirche die am Pfingsttag begonnene Arbeit fort, als die Apostel mit der Kraft des Heiligen Geistes auf den Straßen Jerusalems das Evangelium Jesu Christi in vielen verschiedenen Sprachen verkündeten (vgl. Apg 2,5-11). Im Laufe der folgenden Jahrhunderte gelangte diese Botschaft in alle Teile der Welt, wobei das Christentum vielerorts Fuß fassen konnte und in den verschiedenen Sprachen der Welt zu sprechen lernte, stets gemäß dem Gebot Christi, das Evangelium allen Völkern zu verkünden (vgl. Mt 28,19-20).

Doch die Geschichte der Evangelisierung ist nicht lediglich eine Frage geographischer Ausdehnung, da die Kirche auch zahlreiche kulturelle Hindernisse überwinden mußte, von denen jedes neue Kraft und Kreativität für die Verkündigung des einen Evangeliums Jesu Christi erforderte. Das Zeitalter der großen Entdeckungen, die Renaissance und die Erfindung der Buchdruckerkunst, die Industrielle Revolution und die Entstehung der modernen Welt: Auch dies waren entscheidende Augenblicke, die neue Formen der Evangelisierung erforderlich machten. Da die revolutionäre Entwicklung auf dem Gebiet der Kommunikation und Information in vollem Gang ist, befindet sich die Kirche unweigerlich erneut in einer entscheidenden Phase. Am diesjährigen Welttag der sozialen Kommunikationsmittel sollten wir daher über das Thema" Internet: Ein neues Forum zur Verkündigung des Evangeliums" nachdenken.

2. Das Internet ist zweifellos ein neues "Forum", ähnlich jenem öffentlichen Platz im antiken Rom, auf dem Politik und Handel betrieben wurden, wo religiöse Pflichten erfüllt wurden, wo ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens der Stadt stattfand und wo die besten und schlechtesten Seiten des menschlichen Wesens zutage traten. Das Forum war ein bevölkerter, belebter Teil der Stadt, der sowohl die ihn umgebende Kultur widerspiegelte als auch eine eigene Kultur entwickelte. Das gilt auch für den Cyberspace, der zu Beginn dieses neuen Jahrtausends ein bahnbrechendes Neuland ist. Ebenso wie das Neuland zu anderen Zeiten ist auch dieser Bereich geprägt von einem Wechselspiel zwischen Gefahren und vielversprechenden Aussichten sowie von jenem Abenteuergeist, der auch andere große Zeiten des Umbruchs kennzeichnete. Die neue Welt des Cyberspace spornt die Kirche zu dem großen Abenteuer an, sein Potential für die Verkündigung der Evangeliumsbotschaft zu nutzen. Diese Herausforderung steht im Mittelpunkt jenes Auftrags, der uns zu Beginn des gegenwärtigen Jahrtausends dazu ermutigt, dem Gebot des Herrn Folge zu leisten und "hinauszufahren": Duc in altum! (Lk 5,4).

3. Die Kirche nähert sich diesem neuen Medium mit Realismus und Zuversicht. Wie andere Kommunikationsmittel ist es ein Mittel und kein Selbstzweck. Das Internet bietet ausgezeichnete Möglichkeiten der Evangelisierung, wenn es auf kompetente Art und Weise und im klaren Wissen um seine Stärken und Schwächen eingesetzt wird. Vor allem durch seine Fähigkeit zu informieren und Interessen zu wecken, ermöglicht das Internet eine erste Begegnung mit der christlichen Botschaft insbesondere bei jungen Menschen, die sich mehr und mehr der Welt des Cyberspace wie einem Fenster zur Welt nähern. Daher muß die christliche Gemeinschaft nach praktischen Wegen suchen, um jenen zu helfen, die nach der ersten Kontaktaufnahme durch das Internet von der virtuellen Welt des Cyberspace zur wirklichen Welt der christlichen Gemeinschaft geführt werden sollen.

In einer späteren Phase kann das Internet dann auch die für die Evangelisierung notwendige weiterführende und vertiefende Arbeit leisten. Insbesondere in einer der christlichen Lebensweise nicht förderlichen Umgebung ist ständige Bildung und Katechese notwendig, möglicherweise ein Bereich, in dem das Internet ausgezeichnete Hilfe leisten kann. Unzählige Informations-, Dokumentations- und Bildungsquellen im Hinblick auf die Kirche, ihre Geschichte und Tradition, ihre Lehre und ihren Einsatz auf zahlreichen Gebieten in allen Teilen der Welt sind im Internet bereits verfügbar. Zweifellos kann das Internet nicht jene tiefgreifende Gotteserfahrung ersetzen, die allein das unmittelbare liturgische und sakramentale kirchliche Leben bieten kann, dennoch stellt es eine einzigartige Ergänzung und Unterstützung dar, sowohl im Blick auf die Vorbereitung der Begegnung mit Christus in der Gemeinschaft wie auch für die Betreuung der neuen Gläubigen auf ihrem soeben begonnenen Glaubensweg.

4. Dennoch ergeben sich gewisse notwendige und offenkundige Fragen hinsichtlich der Verwendung des Internets im Bereich der Evangelisierung. Das wesentliche Merkmal dieses Kommunikationsmittels ist die Übermittlung einer nahezu grenzenlosen Flut von Informationen binnen kürzester Zeit. Eine von Vergänglichem und Kurzlebigem geprägte Kultur läuft leicht Gefahr, zu glauben, daß nicht Werte, sondern Fakten ausschlaggebend sind. Das Internet vermittelt umfassende Kenntnisse, aber es lehrt keine Werte; und wenn Werte keine Beachtung mehr finden, dann wird unsere menschliche Natur selbst erniedrigt, und allzu leicht verliert der Mensch seine transzendente Würde aus den Augen. Trotz seines enormen positiven Potentials sind wir uns alle jener entwürdigenden und schädlichen Nutzungsmöglichkeiten des Internets durchaus bewußt, und zweifellos liegt es im Verantwortungsbereich des Staates, sicherzustellen, daß dieses hervorragende Kommunikationsmittel dem Gemeinwohl dient und nicht zur Gefahrenquelle wird.

Ferner verursacht das Internet eine radikale Veränderung der psychischen Beziehung der menschlichen Person zu Zeit und Raum. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf das Greifbare, das Nützliche, das unmittelbar Verfügbare; möglicherweise fehlen Anregungen zu Meditation und Reflexion. Dennoch braucht der Mensch unbedingt Zeit und innere Ruhe zum Nachdenken und Erkunden des Lebens und seiner Geheimnisse und um allmählich zu einer reifen Beherrschung seiner selbst und seiner Umgebung fähig zu sein.

Erkenntnis und Weisheit sind Frucht eingehender Betrachtung der Welt und gründen nicht lediglich auf einer Reihe von Fakten, so interessant sie auch sein mögen. Sie sind das Ergebnis jener Einsicht, die in die tiefere Bedeutung der Dinge eindringt, die in ihrer Beziehung zueinander und zur gesamten Realität betrachtet werden. Als Forum, auf dem praktisch alles akzeptabel und beinahe nichts von Dauer ist, fördert das Internet zudem eine relativistische Denkweise und unterstützt gelegentlich die Flucht vor persönlicher Verantwortlichkeit und Verpflichtung.

Wie können wir in einem solchen Kontext jene Weisheit fördern, die nicht allein auf Information, sondern auf Einsicht gründet, die Rechtes von Unrechtem unterscheidet und jene Werteskala unterstützt, die von dieser Differenzierung ausgeht.

5. Die Tatsache, daß durch das Internet die Kontakte zwischen den Menschen auf bislang undenkbare Art und Weise vermehrt worden sind, bietet wunderbare Möglichkeiten zur Verbreitung des Evangeliums. Wahr ist aber auch, daß elektronisch vermittelte Beziehungen nie den für eine wahre Evangelisierung notwendigen direkten menschlichen Kontakt ersetzen können, denn Grundlage der Evangelisierung ist stets das persönliche Zeugnis dessen, der gesandt ist, zu verkünden (vgl. Röm 14-15). Wie kann die Kirche von dem durch das Internet ermöglichten Kontakt zu der für die christliche Verkündigung erforderlichen tieferen Kommunikation hinlenken? Wie können wir auf dem durch das Internet entstandenen ersten Kontakt und Informationsaustausch aufbauen?

Zweifellos läßt die elektronische Revolution auf einen vielversprechenden Durchbruch in den Entwicklungsländern hoffen, aber es besteht auch die Möglichkeit, daß die bereits existierenden Ungleichheiten sich weiter vertiefen, während der Rückstand auf dem Informations- und Kommunikationssektor zunimmt. Was kann getan werden, damit die Revolution im Bereich der Information und Kommunikation, deren Triebkraft das Internet ist, der Globalisierung der menschlichen Entwicklung und Solidarität dient, Ziele, die mit dem Evangelisierungsauftrag der Kirche in enger Verbindung stehen?

Gestattet mir schließlich in dieser unruhigen Zeit die Frage, wie dieses ursprünglich für militärische Ziele entwickelte wunderbare Kommunikationsmittel nun für friedliche Zwecke zu gebrauchen ist? Kann es jene Kultur des Dialogs, der Anteilnahme, der Solidarität und Versöhnung fördern, ohne die der Friede nicht verwirklicht werden kann? Die Kirche ist überzeugt, daß diese Möglichkeit besteht, und um dieses Ziel zu erreichen, ist sie fest dazu entschlossen, mit dem Evangelium Christi - des Friedensfürsten - dieses neue Forum zu betreten.

6. Milliarden von Bildern gelangen über das Internet auf Millionen von Computermonitore überall auf dem Planeten. Wird durch diese aus Bildern und Tönen bestehende Galaxis das Antlitz Christi sichtbar und seine Stimme hörbar werden? Denn erst, wenn sein Angesicht gesehen und seine Stimme vernommen werden kann, wird der Welt die Frohbotschaft unserer Erlösung zuteil werden. Das ist Ziel und Zweck der Evangelisierung. Und das ist es auch, was das Internet zu einem wahrhaft menschlichen Bereich machen wird, denn wo kein Platz für Christus ist, da ist auch kein Platz für den Menschen. Anläßlich dieses Welttags der sozialen Kommunikationsmittel wage ich es daher, die gesamte Kirche aufzufordern, mutig diese neue Schwelle zu überschreiten, in die Tiefen des Kommunikationsnetzes vorzudringen, damit jetzt wie bereits in der Vergangenheit die große Aufgabe der Evangelisierung und die mit ihr verbundene Kultur "den göttlichen Glanz auf dem Antlitz Christi" (vgl. 2 Kor 4,6) für die Welt sichtbar machen kann. Der Herr möge all jene segnen, die sich für dieses Ziel einsetzen.

JOANNES PAULUS II.

(Angelus-Ansprache vom 12. Mai 2002)

 

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Vatikan

Ablaßdekret zum "Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit"

Von der Apostolischen Pönitentiarie wurde bereits am 29. Juni 2002 ein Dekret erlassen, in dem die Gewinnung des vollkommenen Ablasses am "Sonntag der Barmherzigkeit" genau geregelt wird. Unter anderem heißt es darin: Der vollkommene Ablaß wird unter den gewohnten Bedingungen (Empfang des Bußsakraments, der heiligen Eucharistie und Gebet nach der Meinung des Heiligen Vaters) dem Gläubigen gewährt, der mit reinem, jeder, auch der läßlichen, Sünde abgewandtem Herzen am zweiten Sonntag der Osterzeit, das heißt dem „der göttlichen Barmherzigkeit“, in einer Kirche oder einem Oratorium an den zu Ehren der göttlichen Barmherzigkeit durchgeführten Andachtsübungen teilnimmt oder wenigstens vor dem Allerheiligsten Sakrament der Eucharistie – öffentlich ausgesetzt oder im Tabernakel aufbewahrt – das „Vater unser“ und das „Credo“ betet mit dem Zusatz einer kurzen Anrufung des barmherzigen Herrn Jesus (z. B. „Barmherziger Jesus, ich vertraue auf dich!“). Ein Teilablaß wird dem Gläubigen gewährt, wenn er mit reuigem Herzen an den barmherzigen Herrn Jesus eine der rechtmäßig genehmigten Anrufungen richtet. - Lesen Sie das Dokument im Wortlaut:

Apostolische Pönitentiarie

Dekret: Andachtsübungen zu Ehren der göttlichen Barmherzigkeit mit Ablässen verbunden

„Großer Gott, Dein Erbarmen und Deine Güte sind unerschöpflich...“ (Gebet nach dem Te Deum), und „Großer Gott, Du offenbarst Deine Macht vor allem im Erbarmen und im Verschonen...“ (Tagesgebet vom 26. Sonntag im Jahreskreis), singt die heilige Mutter Kirche in Demut und Treue. Gottes unermeßliche Zuwendung sowohl dem gesamten Menschengeschlecht als auch dem einzelnen Menschen gegenüber leuchtet vor allem dann auf, wenn Sünden und moralische Fehler vorn allmächtigen Gott vergeben und die Schuldigen wieder in väterlicher Liebe zur Freundschaft mit ihm zugelassen werden, die sie verdientermaßen verloren hatten. Die Gläubigen werden dadurch in ihrem Herzinnersten zum Gedächtnis und zur andächtigen Feier der Geheimnisse der göttlichen Vergebung bewogen. Sie erfassen auch sehr gut die hohe Angemessenheit, ja Pflichtschuldigkeit, daß das Volk Gottes die göttliche Barmherzigkeit durch besondere Gebetstexte lobpreist und daß es gleichzeitig, nachdem es die erforderlichen Werke dankbaren Herzens vollbracht und die notwendigen Bedingungen erfüllt hat, geistlichen Gewinn aus dem Schatz der Kirche ziehen kann. „Das Paschamysterium ist der Gipfelpunkt der Offenbarung und Verwirklichung des Erbarmens, das den Menschen zu rechtfertigen und die Gerechtigkeit wiederherzustellen vermag im Sinne der Heilsordnung, die Gott vom Anbeginn her im Menschen und durch ihn in der Welt wollte“ (Enzyklika Dives in misericordia, 7). Die Göttliche Barmherzigkeit weiß tatsächlich auch die schwersten Sünden zu vergeben, aber während sie es tut, bewegt sie die Gläubigen dazu, einen übernatürlichen, nicht nur psychologischen Schmerz über die eigenen Sünden zu verspüren, damit die Gläubigen, immer mit Hilfe der göttlichen Gnade, den festen Vorsatz fassen, nicht mehr zu sündigen. Mit einer solchen inneren Haltung erlangt der Gläubige wirklich die Vergebung der Todsünden, wenn er das Bußsakrament fruchtbringend empfängt oder sie in einem Akt vollkommenen Schmerzes und vollkommener Liebe bereut mit dem Vorsatz, baldmöglichst das Bußsakrament zu empfangen. Denn unser Herr Jesus Christus lehrt uns im Gleichnis des verlorenen Sohnes, daß der Sünder sein Elend vor Gott mit den Worten „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen Dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, Dein Sohn zu sein“ (Lk 15, 18-19) bekennen und auch spüren muß, daß es Gottes Werk ist: Er „war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden“ (Lk 15, 32).

Unter dem Antrieb der Liebe des barmherzigen Vaters und mit vorausschauender pastoraler Einfühlsamkeit wollte Papst Johannes Paul II. diese Gebote und Lehren des christlichen Glaubens tief in die Herzen der Gläubigen einsenken. Deshalb hat er den zweiten Sonntag der Osterzeit dazu bestimmt, dieser Gnadengaben mit besonderer Verehrung zu gedenken, und ihn mit der Bezeichnung „Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit“ versehen (Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Dekret „Misericors et miserator“, 5. Mai 2000). Im Evangelium vom zweiten Sonntag der Osterzeit wird von den Wundertaten erzählt, die unser Herr Jesus Christus nach seiner Auferstehung in der ersten öffentlichen Erscheinung vollbracht hat: „Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: ,Friede sei mit Euch!‘ Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: ,Friede sei mit Euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch.‘ Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: ,Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert‘“ (Joh 20, 19-23).

Damit die Gläubigen diese Feier mit ganzem Herzen begehen, hat der Papst festgelegt, daß der vorgenannte Sonntag – wie in der Folge noch näher erklärt wird – mit dem vollkommenen Ablaß ausgestattet wird. Das hat den Zweck, daß die Gläubigen das Geschenk des Trostes des Heiligen Geistes in höherem Maß empfangen und so eine wachsende Liebe zu Gott und zum Nächsten entfalten können und, nachdem sie selbst die Vergebung Gottes empfangen haben, ihrerseits angeregt werden, sogleich den Brüdern und Schwestern zu vergeben. Die Gläubigen werden dann den Geist des Evangeliums vollkommener beobachten, indem sie ihr Innerstes erneuern, entsprechend den Worten und der Einführung des II. Ökumenischen Vatikanischen Konzils: „Die Christen können, eingedenk des Wortes des Herrn: ,Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt‘ (Joh 13, 35), nichts sehnlicher wünschen, als den Menschen unserer Zeit immer großherziger und wirksamer zu dienen... Der Vater will, daß wir in allen Menschen Christus als Bruder sehen und lieben in Wort und Tat“ (Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 93).

Mit dem brennenden Wünsch, im christlichen Volk diese Verehrung der göttlichen Barmherzigkeit auf Grund der von ihr zu erhoffenden reichen geistlichen Früchte zu fördern, hat der Papst in der Audienz am 13. Juni 2002 sich gewürdigt, den unterzeichneten Seitens der Apostolischen Pönitentiarie die Ablässe unter folgenden Bedingungen zu gewähren:

Der vollkommene Ablaß wird unter den gewohnten Bedingungen (Empfang des Bußsakraments, der heiligen Eucharistie und Gebet nach der Meinung des Heiligen Vaters) dem Gläubigen gewährt, der mit reinem, jeder, auch der läßlichen, Sünde abgewandtem Herzen am zweiten Sonntag der Osterzeit, das heißt dem „der göttlichen Barmherzigkeit“, in einer Kirche oder einem Oratorium an den zu Ehren der göttlichen Barmherzigkeit durchgeführten Andachtsübungen teilnimmt oder wenigstens vor dem Allerheiligsten Sakrament der Eucharistie – öffentlich ausgesetzt oder im Tabernakel aufbewahrt – das „Vater unser“ und das „Credo“ betet mit dem Zusatz einer kurzen Anrufung des barmherzigen Herrn Jesus (z. B. „Barmherziger Jesus, ich vertraue auf dich!“). Ein Teilablaß wird dem Gläubigen gewährt, wenn er mit reuigem Herzen an den barmherzigen Herrn Jesus eine der rechtmäßig genehmigten Anrufungen richtet.

Die Seefahrer, die ihre Pflicht im weiten Meer tun; die zahllosen Brüder und Schwestern, die durch das Unheil des Krieges, die politischen Wirrnisse, die Unbarmherzigkeit der Orte und aus anderen Gründen ihre Heimat verlassen haben; die Kranken und ihre Pfleger und alle, die aus berechtigten Gründen nicht außer Haus gehen können oder zugunsten der Gemeinschaft eine unaufschiebbare Tätigkeit ausüben, können den vollkommenen Ablaß am Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit gewinnen, wenn sie unter vollständiger Abkehr von jeder Sünde, wie zuvor gesagt, und mit dem Vorsatz, baldmöglichst die drei gewohnten Bedingungen zu erfüllen, vor dem Bild unseres barmherzigen Herrn Jesus das „Vater unser“ und das Glaubensbekenntnis beten und eine Anrufung an den barmherzigen Herrn Jesus hinzufügen (z. B. „Barmherziger Jesus, ich vertraue auf dich!“). Sollte den Gläubigen auch das nicht möglich sein, können an demselben Tag den vollkommenen Ablaß erlangen, die sich in der Absicht und Gesinnung des Herzens geistig mit denen vereinen, die in ordentlicher Weise das für den Ablaß vorgeschriebene Werk erfüllen und dem barmherzigen Gott ein Gebet und die Leiden, die Krankheit und die Beschwerlichkeiten ihres Lebens aufopfern, wobei auch sie den Vorsatz haben, baldmöglichst die für die Gewinnung des vollkommenen Ablasses vorgeschriebenen drei Bedingungen zu erfüllen.

Die Priester, die den pastoralen Dienst versehen, vor allem die Pfarrer, sollen ihre Gläubigen in der angemessensten Weise von dieser heilsamen Verfügung der Kirche unterrichten; sie sollen selbstlos und hilfsbereit deren Beichte hören und am Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit nach der Feier der heiligen Messe oder der Vesper oder während einer Andacht zu Ehren der göttlichen Barmherzigkeit die vorgenannten Gebete mit der dem Ritus entsprechenden Würde leiten; sie sollen, gemäß dem Wort des Herrn: „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5, 7), die Gläubigen in der Katechese behutsam dazu drängen, so häufig wie möglich Werke der Barmherzigkeit zu tun und dem Beispiel und Auftrag Jesu Christi folgen, wie es in der zweiten allgemeinen Gewährung des Enchiridion Indulgentiarum angegeben ist.

Das vorliegende Dekret bleibt immer in Kraft, ungeachtet jeglicher gegenteilig lautenden Vorschrift.

Rom, beim Sitz der Apostolischen Pönitentiarie, am 29. Juni 2002, am Hochfest der hll. Apostel Petrus und Paulus 2002.
+ Luigi De Mestris Titularerzbischof von Nova, Pro-Großpönitentiar
+ Gianfranco Girotti OFMConv, Regent

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Vatikan warnt vor Ehen zwischen Katholikinnen und Muslimen
Vatikan, 17. Mai 2004


Es gebe "bittere Erfahrungen", vor allem der "weniger geschützte Teil der muslimischen Familie" müsse geschützt werden, die Frau.

Vatikan. Der Vatikan rät in der neuen Instruktion Erga migrantes caritas Christi ("Die Liebe Christi zu den Migranten") von Eheschließungen zwischen Katholiken und nichtchristlichen Migranten ab. Besonders problematisch seien meist Ehen zwischen katholischen Frauen und Muslimen. In dem Dokument heißt es, dass es "bittere Erfahrungen" gebe und eine "genaue und vertiefte Vorbereitung" erfolgen müsse.

Aufgabe der katholischen Beratungsstellen müsse es sein, diesen Familien bei der Erziehung der Kinder zu helfen, gegebenenfalls auch den "weniger geschützten Teil der muslimischen Familie, das heißt der Frau", damit sie ihre eigenen Rechte wahrnehmen und verfolgen könne. Im Fall der Eintragung der Ehe bei einem Konsulat des islamischen Herkunftslandes müsse der katholische Teil darauf achten, nicht die "Shahada", das Bekenntnis des muslimischen Glaubens, auszusprechen oder Dokumente zu unterschreiben, die sie enthalten, heißt es in dem Dokument.

Katholiken müssten heute "eine überzeugte Bereitschaft zum echten interreligiösen Dialog" bringen, was voraussetze, dass es eine solide Bildung und Information über die anderen Religionen gibt, "damit Vorurteile ausgeräumt werden können, der religiöse Relativismus überwunden wird sowie Abschottungen und ungerechtfertigte Ängste vermieden werden, die den Dialog hemmen und Barrieren errichten wie auch Unverständnis und Gewalt provozieren".

Der Dialog zwischen den Religionen dürfe jedoch nicht nur als "Suche nach gemeinsamen Punkten verstanden werden, um miteinander Frieden zu schaffen, sondern vor allem als eine Gelegenheit, innerhalb der entsprechenden Gemeinschaften die gemeinsamen Dimensionen wieder zu gewinnen".

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Papst-Autobiografie erscheint mit 1 Million Auflage

Die deutsche "Bild"-Zeitung bringt ab 18. Mai Auszüge aus dem rund 200 Seiten umfassenden Werk.

Papst Johannes Paul II. hat eine Autobiografie geschrieben, die zu seinem 84. Geburtstag am 18. Mai in mehreren Sprachen gleichzeitig veröffentlicht wird. "Steht auf, lasst uns gehen" lautet der Titel des rund 200 Seiten umfassenden Werkes. Das Buch umfasst die Zeit zwischen 1958, als Karol Wojtyla zum Krakauer Weihbischof ernannt wurde, und 1978, als er zum Papst gewählt wurde. Die deutsche Erstauflage liegt bei rund 100.000 Exemplaren; international beträgt sie rund eine Million Exemplare. Die deutsche "Bild"-Zeitung bringt ab Dienstag, 18. Mai, Auszüge aus der Autobiografie des Papstes.

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Ratzinger

SCHREIBEN AN DIE BISCHÖFE DER KATHOLISCHEN KIRCHE
ÜBER DIE ZUSAMMENARBEIT VON MANN UND FRAU
IN DER KIRCHE UND IN DER WELT

 

EINLEITUNG

1. Erfahren in der Menschlichkeit, ist die Kirche immer an den Belangen von Mann und Frau interessiert. In der letzten Zeit wurde viel über die Würde der Frau, über ihre Rechte und Pflichten in den verschiedenen Bereichen der bürgerlichen und der kirchlichen Gemeinschaft nachgedacht. Die Kirche, die besonders durch die Lehre von Johannes Paul II. zur Vertiefung dieses grundlegenden Themas beigetragen hat,1 wird heute von einigen Denkströmungen herausgefordert, deren Ideen oft nicht mit den genuinen Zielsetzungen der Förderung der Frau übereinstimmen.

Nach einer kurzen Darlegung und kritischen Bewertung verschiedener gegenwärtiger anthropologischer Auffassungen möchte das vorliegende Dokument Überlegungen über einige Voraussetzungen für ein rechtes Verständnis der aktiven Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt — bei ausdrücklicher Anerkennung ihrer Verschiedenheit — bieten. Diese Überlegungen sind inspiriert von den Lehraussagen der biblischen Anthropologie, die unerlässlich sind, um die Identität der menschlichen Person zu wahren. Sie wollen überdies Ausgangspunkt für einen Weg der Vertiefung innerhalb der Kirche und für den Aufbau eines Dialogs mit allen Männern und Frauen guten Willens sein, in der aufrichtigen Suche nach der Wahrheit und im gemeinsamen Bemühen um die Förderung von immer authentischeren Beziehungen.

 

I. DAS PROBLEM

2. In den letzten Jahren haben sich in der Auseinandersetzung mit der Frauenfrage neue Tendenzen abgezeichnet. Eine erste Tendenz unterstreicht stark den Zustand der Unterordnung der Frau, um eine Haltung des Protestes hervorzurufen. So macht sich die Frau, um wirklich Frau zu sein, zum Gegner des Mannes. Auf die Missbräuche der Macht antwortet sie mit einer Strategie des Strebens nach Macht. Dieser Prozess führt zu einer Rivalität der Geschlechter, bei der die Identität und die Rolle des einen zum Nachteil des anderen gereichen. Die Folge davon ist eine Verwirrung in der Anthropologie, die Schaden bringt und ihre unmittelbarste und unheilvollste Auswirkung in der Struktur der Familie hat.

Im Sog dieser ersten Tendenz ergibt sich eine zweite. Um jegliche Überlegenheit des einen oder des anderen Geschlechts zu vermeiden, neigt man dazu, ihre Unterschiede zu beseitigen und als bloße Auswirkungen einer historisch-kulturellen Gegebenheit zu betrachten. Bei dieser Einebnung wird die leibliche Verschiedenheit, Geschlecht genannt, auf ein Minimum reduziert, während die streng kulturelle Dimension, Gender genannt, in höchstem Maß herausgestrichen und für vorrangig gehalten wird. Die Verschleierung der Verschiedenheit oder Dualität der Geschlechter bringt gewaltige Auswirkungen auf verschiedenen Ebenen mit sich. Diese Anthropologie, die Perspektiven für eine Gleichberechtigung der Frau fördern und sie von jedem biologischen Determinismus befreien wollte, inspiriert in Wirklichkeit Ideologien, die zum Beispiel die Infragestellung der Familie, zu der naturgemäß Eltern, also Vater und Mutter, gehören, die Gleichstellung der Homosexualität mit der Heterosexualität sowie ein neues Modell polymorpher Sexualität fördern.

3. Die unmittelbare Wurzel der genannten Tendenz findet sich im Kontext der Frauenfrage. Ihre tiefste Begründung muss aber im Versuch der mensch- lichen Person nach Befreiung von den eigenen biologischen Gegebenheiten gesucht werden.2 Gemäß dieser anthropologischen Perspektive hätte die menschliche Natur keine Merkmale an sich, die sich ihr in absoluter Weise auferlegen: Jede Person könnte und müsste sich nach eigenem Gutdünken formen, weil sie von jeder Vorausbestimmung auf Grund ihrer Wesenskonstitution frei wäre.

Diese Perspektive hat vielfältige Auswirkungen. Zum einen wird dadurch die Meinung bekräftigt, die Befreiung der Frau bringe eine Kritik an der Heiligen Schrift mit sich, die ein patriarchalisches Verständnis von Gott überliefere, das von einer wesentlich männlichen Kultur genährt sei. Zum anderen ist es gemäß dieser Tendenz unwichtig und bedeutungslos, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur als Mann angenommen hat.

4. Angesichts dieser Denkströmungen spricht die Kirche hingegen, erleuchtet vom Glauben an Jesus Christus, von aktiver Zusammenarbeit von Mann und Frau bei ausdrücklicher Anerkennung ihrer Verschiedenheit.

Um die Grundlage, den Sinn und die Auswirkungen dieser Antwort besser zu verstehen, ist es angebracht, wenigstens kurz auf die Heilige Schrift zurückzugreifen, die auch reich ist an menschlicher Weisheit. In ihr wurde diese Antwort Schritt für Schritt dank des Eingreifens Gottes zum Wohl des Menschen offenbart.3

 

II. DIE GRUNDAUSSAGEN
DER BIBLISCHEN ANTHROPOLOGIE

5. Eine erste Reihe biblischer Texte, die es zu untersuchen gilt, sind die ersten drei Kapitel der Genesis. Sie führen uns »in den Bereich jenes biblischen "Anfangs", wo die über den Menschen als "Abbild und Gleichnis Gottes" offenbarte Wahrheit die unveränderliche Grundlage der gesamten christlichen Anthropologie darstellt«.4

Der erste Text (Gen 1,1-2,4) beschreibt die Schöpfermacht des Wortes Gottes, die bewirkt, dass im ursprünglichen Chaos das eine vom anderen geschieden wird. So erscheinen Licht und Finsternis, Meer und Land, Tag und Nacht, Pflanzen und Bäume, Fische und Vögel, alle »nach ihrer Art«. Ausgehend von Verschiedenheiten, die zugleich neue Beziehungen verheißen, entsteht eine geordnete Welt. Dies ist der allgemeine Rahmen, in den die Erschaffung des Menschen eingeordnet ist. »Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich... Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1,26-27). Der Mensch wird hier als ein Wesen beschrieben, das sich von seinem ersten Anfang an in der Beziehung von Mann und Frau artikuliert. Dieser geschlechtlich differenzierte Mensch wird ausdrücklich »Abbild Gottes« genannt.

6. Der zweite Schöpfungsbericht (Gen 2,4-25) bekräftigt in unzweideutiger Weise die Wichtigkeit der geschlechtlichen Verschiedenheit. Einmal von Gott geformt und in den Garten gesetzt, um ihn zu bebauen, macht jener, der noch mit dem allgemeinen Ausdruck Mensch beschrieben wird, die Erfahrung einer Einsamkeit, die von den anwesenden Tieren nicht ausgefüllt werden kann. Er braucht eine Hilfe, die ihm entspricht. Dieser Ausdruck bezeichnet hier nicht eine untergeordnete Rolle, sondern eine vitale Hilfe.5 Das Ziel besteht darin, es möglich zu machen, dass das Leben des Menschen nicht in einer fruchtlosen und am Ende tödlichen Beschäftigung nur mit sich selbst versinkt. Es ist notwendig, dass er mit einem anderen, auf seiner Ebene lebenden Wesen in Beziehung tritt. Nur die Frau, die aus demselben «Fleisch» geschaffen und von demselben Mysterium umhüllt ist, gibt dem Leben des Mannes eine Zukunft. Die Erschaffung der Frau durch Gott charakterisiert den Menschen auf seinsmäßiger Ebene als Wesen in Beziehung. In dieser Begegnung fällt auch das Wort, das den Mund des Mannes zum ersten Mal in einem Ausdruck des Staunens öffnet: »Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch« (Gen 2,23).

Der Heilige Vater hat mit Bezug auf diesen Text der Genesis geschrieben: »Die Frau ist ein anderes "Ich" im gemeinsamen Menschsein. Von Anfang an erscheinen sie [Mann und Frau] als "Einheit von zweien", und das bedeutet die Überwindung der ursprünglichen Einsamkeit, in welcher der Mensch "keine Hilfe fand, die ihm entsprach" (Gen 2,20). Handelt es sich hier nur um die "Hilfe" bei der Arbeit, beim "Unterwerfen der Erde" (vgl. Gen 1,28)? Mit Sicherheit handelt es sich um die Lebensgefährtin, mit der sich der Mann als mit seiner Frau verbinden kann, so dass er "ein Fleisch" mit ihr wird und deshalb "Vater und Mutter verlässt" (vgl. Gen 2,24)«.6

Die vitale Verschiedenheit ist auf die Gemeinschaft ausgerichtet und wird in friedlicher Weise gelebt, wie es im Thema des Nacktseins zum Ausdruck kommt. »Beide, Adam und Eva, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander« (Gen 2,25). Der menschliche Leib, der vom Siegel der Männlichkeit bzw. der Weiblichkeit geprägt ist, »umfasst von "Anfang" an auch die Eigenschaft des "Bräutlichen", das heißt die Fähigkeit, der Liebe Ausdruck zu geben: jener Liebe, in welcher der Mensch als Person Geschenk wird und — durch dieses Geschenk — den eigentlichen Sinn seines Seins und seiner Existenz verwirklicht«.7 In der weiteren Auslegung dieser Verse der Genesis fährt der Heilige Vater fort: »In dieser seiner Besonderheit ist der Leib Ausdruck des Geistes und dazu gerufen, gerade im Mysterium der Schöpfung in der Gemeinschaft der Personen "das Ebenbild Gottes" zu sein«.8

In der gleichen bräutlichen Perspektive versteht man, in welchem Sinn der alte Bericht der Genesis erkennen lässt, wie die Frau in ihrem tiefsten und ursprünglichsten Sein »für den anderen« (vgl. 1 Kor 11,9) da ist. Diese Aussage will in keiner Weise eine Entfremdung heraufbeschwören. Sie bringt vielmehr einen grundlegenden Aspekt der Ähnlichkeit mit der heiligen Dreifaltigkeit zum Ausdruck, deren Personen sich durch das Kommen Christi als Gemeinschaft der gegenseitigen Liebe offenbaren. »In der "Einheit der zwei" sind Mann und Frau von Anfang an gerufen, nicht nur "nebeneinander" oder "miteinander", sondern auch einer für den anderen zu leben... Der Text von Gen 2,18-25 weist darauf hin, dass die Ehe die erste und gewissermaßen grundlegende Dimension dieser Berufung ist. Allerdings nicht die einzige. Die gesamte Geschichte des Menschen auf Erden vollzieht sich im Rahmen dieser Berufung. Aufgrund des Prinzips, dass in der interpersonalen "Gemeinschaft" einer "für" den anderen da ist, entwickelt sich in dieser Geschichte die Integration dessen, was "männlich" und was "weiblich" ist, in das von Gott gewollte Menschsein«.9

Die friedliche Schau am Ende des zweiten Schöpfungsberichts ist ein Echo jenes »sehr gut«, das im ersten Bericht die Erschaffung des ersten Menschenpaares abgeschlossen hat. Hier ist die Herzmitte des ursprünglichen Planes Gottes und der tiefsten Wahrheit über Mann und Frau, so wie Gott sie gewollt und geschaffen hat. Diese ursprünglichen Verfügungen des Schöpfers, wie sehr sie auch durch die Sünde entstellt und verdunkelt sind, können niemals zunichte gemacht werden.

7. Die Erbsünde verfälscht die Art, in welcher der Mann und die Frau das Wort Gottes aufnehmen und leben, sowie ihre Beziehung zum Schöpfer. Sofort nachdem Gott dem Menschen den Garten anvertraut hat, gibt er ihm ein positives (vgl. Gen 2,16) und dann ein negatives Gebot (vgl. Gen 2,17), in dem implizit die wesentliche Verschiedenheit zwischen Gott und Mensch ausgesagt wird. Verführt durch die Schlange, wird diese Verschiedenheit vom Mann und von der Frau bestritten. Als Folge davon wird auch die Art verzerrt, in der sie ihre geschlechtliche Verschiedenheit leben. Der Bericht der Genesis stellt so eine Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen den beiden Verschiedenheiten her: Wenn der Mensch Gott als seinen Feind betrachtet, wird auch die Beziehung von Mann und Frau verdorben. Andererseits droht der Zugang zum Antlitz Gottes gefährdet zu werden, wenn die Beziehung von Mann und Frau entstellt wird.

In den Worten, die Gott nach dem Sündenfall an die Frau richtet, kommt in knapper, aber erschütternder Weise zum Ausdruck, welches Gepräge die Beziehungen zwischen Mann und Frau nun haben werden: »Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen« (Gen 3,16). Häufig wird die Liebe durch die bloße Suche nach dem eigenen Ich entstellt, so dass eine Beziehung entsteht, in der die Liebe missachtet und getötet und durch das Joch der Herrschaft des einen Geschlechts über das andere ersetzt wird. Die Geschichte der Menschheit gibt diese Verhältnisse wieder, in denen sich offen die dreifache Begierde ausdrückt, an die der heilige Johannes erinnert, wenn er von der Begierde des Fleisches, der Begierde der Augen und der Hoffart der Welt spricht (vgl. 1 Joh 2,16). In dieser tragischen Situation gehen jene Gleichheit, Achtung und Liebe verloren, die für die Beziehung von Mann und Frau nach dem ursprünglichen Plan Gottes erforderlich sind.

8. Eine Durchsicht dieser grundlegenden Texte macht es möglich, einige Kernaussagen der biblischen Anthropologie zu bekräftigen.

Vor allem muss der personale Charakter des Menschen unterstrichen werden. »Der Mensch ist eine Person: das gilt in gleichem Maße für den Mann und für die Frau; denn beide sind nach dem Bild und Gleichnis des personhaften Gottes geschaffen«.10 Die gleiche Würde der Personen verwirklicht sich als physische, psychologische und ontologische Komplementarität, die eine auf Beziehung angelegte harmonische »Einheit in der Zweiheit« schafft. Nur die Sünde und die in der Kultur eingeschriebenen »Strukturen der Sünde« haben aus dieser Beziehung eine potentielle Konfliktsituation gemacht. Die biblische Anthropologie legt nahe, die Probleme im Zusammenhang mit der Verschiedenheit des Geschlechts auf öffentlicher und privater Ebene in einer Weise anzugehen, die von der gegenseitigen Beziehung und nicht von Konkurrenz oder Rache ausgeht.

Darüber hinaus ist zu unterstreichen, wie wichtig und sinnvoll die Verschiedenheit der Geschlechter als eine dem Mann und der Frau tief eingeschriebene Wirklichkeit ist. »Die Geschlechtlichkeit kennzeichnet Mann und Frau nicht nur auf der physischen, sondern auch auf der psychologischen und geistigen Ebene und prägt alle ihre Ausdrucksweisen«.11 Sie kann nicht auf einen unbedeutenden biologischen Aspekt reduziert werden, sondern »ist eine grundlegende Komponente der Persönlichkeit; sie ist eine ihrer Weisen zu sein, sich zu äußern, mit den anderen in Kontakt zu treten und die menschliche Liebe zu empfinden, auszudrücken und zu leben«.12 Diese Fähigkeit zu lieben, Abglanz und Bild Gottes, der die Liebe ist, äußert sich auch im bräutlichen Charakter des Leibes, in dem die Männlichkeit bzw. die Weiblichkeit der Person eingeschrieben ist.

Diese anthropologische Dimension der Geschlechtlichkeit kann nicht von der theologischen Dimension getrennt werden. Das menschliche Geschöpf in seiner Einheit von Seele und Leib ist von Anfang an durch die Beziehung zum anderen gekennzeichnet. Diese Beziehung ist immer gut und zugleich entstellt. Sie ist gut, von einer ursprünglichen Güte, die Gott vom ersten Augenblick der Schöpfung an kundgetan hat. Sie ist aber auch entstellt durch die Disharmonie zwischen Gott und Mensch, die mit der Sünde gekommen ist. Diese Verfälschung entspricht jedoch weder dem anfänglichen Plan Gottes über Mann und Frau noch der Wahrheit der Beziehung zwischen den Geschlechtern. Daraus ergibt sich, dass diese gute, aber verwundete Beziehung der Heilung bedarf.

Welche Wege der Heilung kann es geben? Würden die Probleme im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen den Geschlechtern nur ausgehend von der durch die Sünde geprägten Situation betrachtet und analysiert, fiele das Denken notwendigerweise in die oben erwähnten Irrtümer zurück. Man muss deshalb die Logik der Sünde durchbrechen und einen Weg suchen, der es möglich macht, diese Logik aus dem Herzen des sündigen Menschen zu beseitigen. Einen klaren Hinweis in diesem Sinn enthält die göttliche Verheißung eines Retters, in welche die »Frau« und ihr »Nachwuchs« einbezogen sind (vgl. Gen 3,15). Diese Verheißung kennt vor ihrer Verwirklichung eine lange Vorbereitung in der Geschichte.

9. Ein erster Sieg über das Böse wird in der Geschichte des Noach geschildert, einem gerechten Mann, der von Gott geführt wird und mit seiner Familie und den verschiedenen Tierarten der Sintflut entkommt (vgl. Gen 6-9). Aber vor allem durch die göttliche Erwählung Abrahams und seiner Nachkommen (vgl. Gen 12,1ff.) wird die Hoffnung auf Heil bekräftigt. So beginnt Gott, sein Antlitz zu enthüllen, damit die Menschheit durch das auserwählte Volk den Weg der Ähnlichkeit mit ihm lerne: den Weg der Heiligkeit und damit der Verwandlung des Herzens. Unter den vielen Weisen, in denen sich Gott — gemäß einer langen und geduldigen Pädagogik — seinem Volk offenbart (vgl. Hebr 1,1), findet sich auch der regelmäßig wiederkehrende Hinweis auf das Thema des Bundes von Mann und Frau. Dies ist paradox, wenn man das Drama, an das die Genesis erinnert und das sich zur Zeit der Propheten auf sehr konkrete Weise wiederholt hat, sowie die Vermischung zwischen Sakralem und Sexualität in den Religionen rund um Israel in Betracht zieht. Dieser Symbolismus scheint aber unerlässlich, um die Weise zu verstehen, in der Gott sein Volk liebt: Er gibt sich als Bräutigam zu erkennen, der Israel, seine Braut, liebt.

Wenn Gott in dieser Beziehung als »eifersüchtiger Gott« (vgl. Ex 20,5; Nah 1,2) beschrieben und Israel als »ehebrecherische« Frau oder als »Dirne« (vgl. Hos 2,4-15; Ez 16,15-34) angeklagt wird, hat dies seinen Grund gerade in der durch das Prophetenwort bekräftigten Hoffnung, das neue Jerusalem als die vollkommen gewordene Braut zu sehen: »Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich« (Jes 62,5). Neu geschaffen in »Gerechtigkeit und Recht«, in »Liebe und Erbarmen« (Hos 2,21), wird jene, die sich abgewandt hat, um Leben und Glück bei falschen Göttern zu suchen, zu dem zurückkehren, der zu ihrem Herzen spricht. Sie wird singen »wie in den Tagen ihrer Jugend« (Hos 2,17), und sie wird hören, wie er verkündet: »Dein Schöpfer ist dein Gemahl« (Jes 54,5). Hier kommt im Wesentlichen dasselbe zum Ausdruck wie an den Stellen, an denen das Buch Jesaja parallel zum Mysterium des Werkes, das Gott durch die männliche Gestalt des leidenden Knechts vollbringt, die weibliche Gestalt von Zion erwähnt, die geschmückt ist mit einer Transzendenz und Heiligkeit, die das Geschenk des für Israel bestimmten Heils ankündigen.

Im Gebrauch dieser Weise der Offenbarung ist das Hohelied zweifellos von herausragender Bedeutung. In den Worten einer ganz und gar menschlichen Liebe, welche die Schönheit der Leiber und das Glück der gegenseitigen Suche besingt, kommt auch die göttliche Liebe für sein Volk zum Ausdruck. Die Kirche ist deshalb nicht in die Irre gegangen, wenn sie in der kühnen Verbindung des ganz und gar Menschlichen mit dem ganz und gar Göttlichen durch die Verwendung derselben Ausdrücke das Mysterium ihrer Beziehung zu Christus erkannt hat.

Das ganze Alte Testament hindurch nimmt eine Heilsgeschichte Gestalt an, bei der sowohl männliche als auch weibliche Gestalten mitwirken. Die Begriffe von Bräutigam und Braut oder auch von Bund, durch die sich die Dynamik des Heils auszeichnet, haben gewiss eine offenkundig bildliche Dimension, sind aber doch viel mehr als bloße Metaphern. Das hochzeitliche Vokabular berührt nämlich das Wesen der Beziehung, die Gott mit seinem Volk aufbaut, auch wenn diese Beziehung über das hinausgeht, was mit der menschlichen Erfahrung der Hochzeit zum Ausdruck gebracht werden kann. Zugleich sind in der Art, in der etwa die Weissagungen des Jesaja männliche und weibliche Rollen bei der Ankündigung und Verheißung des Heilswerkes durch Gott miteinander verknüpfen, die konkreten Bedingungen der Erlösung im Spiel. Dieses Heil weist den Leser sowohl auf die männliche Gestalt des leidenden Knechts als auch auf die weibliche Gestalt von Zion hin. In den Weissagungen des Jesaja wechseln die Gestalt von Zion und jene des Gottesknechts einander ab, bevor sie am Ende des Buches in der geheimnisvollen Schau der Stadt Jerusalem gipfeln, die ein Volk an einem einzigen Tag gebiert (vgl. Jes 66,7-14): Prophetie der großen Neuheit, die Gott dabei ist zu verwirklichen (vgl. Jes 48,6-8).

10. Im Neuen Testament gehen alle diese Verheißungen in Erfüllung. Auf der einen Seite umfasst und verwandelt Maria, die auserwählte Tochter Zions, als Frau das Brautsein des Volkes Israel, das auf den Tag seines Heils wartet. Auf der anderen Seite kann man im Mannsein des Sohnes erkennen, wie Jesus in seiner Person all das aufnimmt, was der alttestamentliche Symbolismus auf die Liebe Gottes zu seinem Volk angewandt hatte, die als die Liebe eines Bräutigams zu seiner Braut beschrieben wird. Jesus und Maria, seine Mutter, sichern so nicht nur die Kontinuität des Alten Testaments mit dem Neuen, sondern ragen darüber hinaus, weil mit Jesus Christus »die ganze Neuheit«13 sichtbar wird, wie der heilige Irenäus sagt.

Dieser Aspekt wird besonders durch das Johannesevangelium herausgestrichen. Bei der Hochzeit in Kana zum Beispiel wird Jesus von seiner Mutter — die »Frau« genannt wird — gebeten, für das Zeichen des neuen Weines der zukünftigen Hochzeit mit der Menschheit zu sorgen (vgl. Joh 2,1-12). Diese messianische Hochzeit verwirklicht sich unter dem Kreuz, wo — wieder in Gegenwart der Mutter, die als »Frau« angesprochen wird — aus dem geöffneten Herzen des Gekreuzigten das Blut/der Wein des Neuen Bundes strömt (vgl. Joh 19,25-27.34).14 Es ist deshalb nicht überraschend, dass Johannes der Täufer auf die Frage, wer er sei, sich »Freund des Bräutigams« nennt, der sich freut, wenn er die Stimme des Bräutigams hört, und der bei seinem Kommen zurücktreten muss: »Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabei steht und ihn hört, freut sich über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden. Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden« (Joh3,29-30).15

In seinem apostolischen Wirken entfaltet Paulus den ganzen hochzeitlichen Sinn der Erlösung, wenn er das christliche Leben als hochzeitliches Mysterium begreift. Er schreibt an die von ihm gegründete Kirche von Korinth: »Ich liebe euch mit der Eifersucht Gottes; ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen« (2 Kor 11,2).

Im Brief an die Epheser wird die bräutliche Beziehung zwischen Christus und der Kirche aufgegriffen und ausführlich vertieft. Im Neuen Bund ist die geliebte Braut die Kirche. Im Brief an die Familien lehrt der Heilige Vater: »Diese Braut, von der der Epheserbrief spricht, vergegenwärtigt sich in jedem Getauften und ist wie eine Person, die vor dem Blick ihres Bräutigams erscheint: Er hat "die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben... So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos" (Eph 5,25-27)«.16

Bei der Betrachtung der Vereinigung von Mann und Frau, wie sie im Zusammenhang mit der Erschaffung der Welt beschrieben wird (vgl. Gen 2,24), ruft der Apostel aus: »Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche« (Eph 5,32). Die in der Kraft der Taufgnade gelebte Liebe von Mann und Frau wird nun zum Sakrament der Liebe Christi und der Kirche, zum Zeugnis für das Mysterium der Treue und der Einheit, aus dem die »neue Eva« geboren wird und von dem sie auf ihrem irdischen Pilgerweg lebt, während sie auf die Vollendung der ewigen Hochzeit wartet.

11. Die christlichen Eheleute, die in das Paschamysterium eingetaucht und zu lebendigen Zeichen der Liebe Christi und der Kirche gemacht wurden, sind in ihrem Herzen erneuert. Sie können die Beziehungen meiden, die von der Begierde und der Tendenz, den anderen zu beherrschen, geprägt sind, welche der Bruch mit Gott durch die Sünde im ersten Menschenpaar hinterlassen hatte. Die Güte der Liebe, nach der sich das verwundete menschliche Herz immerfort gesehnt hatte, offenbart sich durch sie mit neuen Akzenten und Möglichkeiten. In diesem Licht kann Jesus im Zusammenhang mit der Frage nach der Scheidung (vgl. Mt 19,3-9) an die Forderungen des Bundes zwischen Mann und Frau erinnern, wie Gott sie am Anfang stellte, also vor dem Einbruch der Sünde, der die nachfolgenden Anordnungen des mosaischen Gesetzes gerechtfertigt hatte. Dieses Wort Jesu will in keiner Weise eine starre, unbarmherzige Ordnung auferlegen, sondern ist in Wirklichkeit die Ankündigung einer »frohen Botschaft«, der Botschaft der Treue, die stärker ist als die Sünde. In der Kraft der Auferstehung ist der Sieg der Treue über die Schwächen, die erlittenen Verwundungen und die Sünden des Ehepaares möglich. In der Gnade Christi, der ihr Herz erneuert, werden Mann und Frau fähig, sich von der Sünde zu befreien und die Freude der gegenseitigen Hingabe zu erkennen.

12. »Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Es gibt nicht mehr... Mann und Frau«, schreibt der heilige Paulus an die Galater (3,27-28). Der Apostel erklärt hier nicht, dass die Unterscheidung von Mann und Frau hinfällig ist, von der er an anderer Stelle sagt, dass sie zum Plan Gottes gehört. Er will vielmehr sagen, dass in Christus die Rivalität, die Feindschaft und die Gewalt, welche die Beziehung von Mann und Frau entstellt haben, überwunden werden können und überwunden wurden. In diesem Sinn wird die Unterscheidung von Mann und Frau mehr als je zuvor bekräftigt, welche die biblische Offenbarung übrigens bis zum Ende begleitet. In der letzten Stunde der gegenwärtigen Geschichte erscheinen in der Offenbarung des Johannes «ein neuer Himmel« und »eine neue Erde« (Offb 21,1), und es taucht in der Vision die weibliche Gestalt der Stadt Jerusalem auf, »bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat« (Offb 21,2). Die Offenbarung schließt mit dem Wort des Geistes und der Braut, die um das Kommen des Bräutigams beten: »Komm, Herr Jesus!« (Offb 22,20).

Mannsein und Frausein sind so als ontologisch zur Schöpfung gehörend offenbart und deshalb dazu bestimmt, über die gegenwärtige Zeit hinaus Bestand zu haben, natürlich in einer verwandelten Form. Auf diese Weise charakterisieren sie die Liebe, die niemals aufhört (vgl. 1 Kor 13,8), wenngleich die zeitliche, irdische Ausdrucksweise der Geschlechtlichkeit in ihrer Hinordnung auf die durch Zeugung und Tod geprägten Lebensbedingungen vergänglich ist. Für diese Form der zukünftigen Verwirklichung des Mann- und Frauseins will die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ein prophetisches Zeichen sein. Jene, die zölibatär leben, nehmen eine Wirklichkeit des Daseins vorweg, die jene eines Mannes bzw. einer Frau bleibt, aber nicht mehr den gegenwärtigen Begrenzungen der ehelichen Beziehung unterworfen sein wird (vgl. Mt 22,30). Für jene, die in der Ehe leben, ist dieser Stand zudem ein Hinweis und ein prophetisches Zeichen für die Vollendung, die ihre Beziehung in der Begegnung mit Gott von Angesicht zu Angesicht finden wird.

Mann und Frau sind von Beginn der Schöpfung an unterschieden und bleiben es in alle Ewigkeit. In das Paschamysterium Christi eingefügt, erfahren sie ihre Verschiedenheit nicht mehr als Ursache von Uneinigkeit, die durch Leugnung oder Einebnung überwunden werden müsste, sondern als Möglichkeit zur Zusammenarbeit, die in der gegenseitigen Achtung der Verschiedenheit zu verwirklichen ist. Von hier aus eröffnen sich neue Perspektiven für ein tieferes Verständnis der Würde der Frau und ihrer Rolle in der menschlichen Gesellschaft und in der Kirche.

 

III. DIE AKTUALITÄT
DER FRAULICHEN WERTE
IM LEBEN DER GESELLSCHAFT

13. Unter den Grundwerten, die mit dem konkreten Leben der Frau verbunden sind, ist jener zu erwähnen, den man ihre »Fähigkeit für den anderen« genannt hat. Trotz der Tatsache, dass eine gewisse Strömung des Feminismus Ansprüche »für sie selber« einfordert, bewahrt die Frau doch die tiefgründige Intuition, dass das Beste ihres Lebens darin besteht, sich für das Wohl des anderen einzusetzen, für sein Wachstum, für seinen Schutz.

Diese Intuition ist mit ihrer physischen Fähigkeit verbunden, Leben zu schenken. Die gelebte oder potentielle Fähigkeit zur Mutterschaft ist eine Wirklichkeit, die die weibliche Persönlichkeit zutiefst prägt. Sie hilft ihr, sehr schnell Reife, Sinn für die Bedeutung des Lebens und die damit verbundene Verantwortung zu erlangen. Sie entfaltet in ihr den Sinn und die Ehrfurcht gegenüber dem Konkreten, das sich den Ab- straktionen entgegenstellt, die für das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft oft tödlich sind. Schließlich besitzt die Frau auch in den aussichtslosesten Situationen — Vergangenheit und Gegenwart sind dafür Zeugen — eine einzigartige Fähigkeit, in den Widerwärtigkeiten standzuhalten, in extremen Umständen das Leben noch möglich zu machen, einen festen Sinn für die Zukunft zu bewahren und durch Tränen an den Preis jedes Menschenlebens zu erinnern.

Auch wenn die Mutterschaft eine zentrale Bedeutung für die weibliche Identität hat, ist es aber nicht richtig, die Frau nur unter dem Aspekt der biologischen Fortpflanzung zu sehen. In dieser Hinsicht kann es schwerwiegende Übertreibungen geben, welche die biologische Fruchtbarkeit mit vitalistischen Ausdrücken verherrlichen und oft mit einer gefährlichen Abwertung der Frau verbunden sind. Die christliche Berufung zur Jungfräulichkeit, die gegenüber der alttestamentlichen Tradition und den Ansprüchen vieler menschlicher Gesellschaftssysteme eine echte Herausforderung ist, hat in dieser Hinsicht größte Bedeutung.17 Diese Berufung widerlegt radikal jeden Anspruch, die Frauen in ein bloß biologisches Schicksal einzuschließen. Wie die Jungfräulichkeit durch die leibliche Mutterschaft daran erinnert wird, dass zur christlichen Berufung immer die konkrete Selbsthingabe an den anderen gehört, so wird die leibliche Mutterschaft durch die Jungfräulichkeit an ihre wesentlich geistliche Dimension erinnert: Um dem anderen wirklich das Leben zu schenken, darf man sich nicht mit der physischen Zeugung begnügen. Dies bedeutet, dass es Formen der vollen Verwirklichung der Mutterschaft auch dort geben kann, wo keine physische Zeugung erfolgt.18

In dieser Perspektive wird die unersetzliche Rolle der Frau in allen Bereichen des familiären und gesellschaftlichen Lebens verständlich, bei denen es um die menschlichen Beziehungen und die Sorge um den anderen geht. Hier zeigt sich deutlich, was der Heilige Vater den Genius der Frau genannt hat.19 Dies beinhaltet vor allem, dass die Frauen aktiv und auch fest in der Familie, »der anfänglichen und in gewissem Sinn "souveränen" Gesellschaft«,20 gegenwärtig sein sollen. Besonders hier wird nämlich das Antlitz eines Volkes geformt, hier eignen sich seine Glieder die grundlegenden Kenntnisse an. Sie lernen lieben, weil sie selber umsonst geliebt werden; sie lernen jede andere Person achten, weil sie selber geachtet werden; sie lernen das Antlitz Gottes kennen, weil sie dessen erste Offenbarung von einem Vater und einer Mutter erhalten, die ihnen ihre ganze Zuwendung schenken. Jedes Mal, wenn diese Grunderfahrungen fehlen, wird der ganzen Gesellschaft Gewalt angetan und bringt die Gesellschaft dann ihrerseits vielfältige Formen der Gewalt hervor. Dies beinhaltet darüber hinaus, dass die Frauen in der Welt der Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens gegenwärtig sein und zu verantwortungsvollen Stellen Zugang haben sollen, die ihnen die Möglichkeit bieten, die Politik der Völker zu inspirieren und neue Lösungen für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme anzuregen.

Man darf aber in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass die Überschneidung von zwei Tätigkeiten — Familie und Arbeit — bei der Frau andere Merkmale annimmt als beim Mann. Deshalb stellt sich die Aufgabe, die Gesetzgebung und die Organisation der Arbeit mit den Anforderungen der Sendung der Frau innerhalb der Familie zu harmonisieren. Hier geht es nicht nur um eine rechtliche, wirtschaftliche und organisatorische Frage, sondern vor allem um eine Frage der Mentalität, der Kultur und der Ach- tung. Erforderlich ist eine gerechte Wertschätzung der Arbeit, welche die Frau in der Familie leistet. So könnten die Frauen, die es freiwillig wünschen, ihre ganze Zeit der häuslichen Arbeit widmen, ohne sozial gebrandmarkt und wirtschaftlich bestraft zu werden. Jene hingegen, die auch andere Tätigkeiten verrichten möchten, könnten dies in einem angepassten Arbeitsrhythmus tun, ohne vor die Alternative gestellt zu werden, ihr Familienleben aufzugeben oder einer ständigen Stresssituation ausgesetzt zu sein, die weder dem persönlichen Gleichgewicht noch der Harmonie in der Familie förderlich ist. Johannes Paul II. hat darüber geschrieben: »Es wird einer Gesellschaft zur Ehre gereichen, wenn sie es der Mutter ermöglicht, sich ohne Behinderung ihrer freien Entscheidung, ohne psychologische oder praktische Diskriminierung und ohne Benachteiligung gegenüber ihren Kolleginnen der Pflege und Erziehung ihrer Kinder je nach den verschiedenen Bedürfnissen ihres Alters zu widmen«.21

14. Es ist jedoch angebracht, daran zu erinnern, dass die eben erwähnten fraulichen Werte vor allem menschliche Werte sind: Die menschliche Verfassung, sowohl des Mannes als auch der Frau, die als Abbild Gottes erschaffen wurden, ist nämlich eine und unteilbar. Nur weil die Frauen spontaner mit den genannten Werten übereinstimmen, können sie ein Aufruf und ein bevorzugtes Zeichen für diese Werte sein. Letztlich ist aber jeder Mensch, ob Mann oder Frau, dazu bestimmt, »für den anderen« da zu sein. In dieser Perspektive ist das, was man »Fraulichkeit« nennt, mehr als ein bloßes Attribut des weiblichen Geschlechts. Der Ausdruck beschreibt nämlich die grundlegende Fähigkeit des Menschen, für den anderen und dank des anderen zu leben.

Deshalb muss die Förderung der Frau innerhalb der Gesellschaft als eine Vermenschlichung verstanden und gewollt werden, welche durch die dank der Frauen neu entdeckten Werte Wirklichkeit wird. Jede Perspektive, die sich als Kampf der Geschlechter ausgeben möchte, ist nur Illusion und Gefahr: Sie würde in Situationen der Abkapselung und der Rivalität zwischen Männern und Frauen enden und eine Ichbezogenheit fördern, die von einem falschen Freiheitsverständnis genährt wird.

Unbeschadet der Bemühungen zur Förderung der Rechte, welche die Frauen in der Gesellschaft und in der Familie anstreben, wollen diese Anmerkungen eine Perspektive korrigieren, in der die Männer als Feinde betrachtet werden, die zu besiegen wären. Die Beziehung zwischen Mann und Frau kann ihre gerechte Ordnung nicht in einer Art misstrauischer, defensiver Gegnerschaft finden. Es ist notwendig, dass diese Beziehung im Frieden und im Glück der ungeteilten Liebe gelebt wird.

Auf einer mehr konkreten Ebene müssen die sozialpolitischen Maßnahmen — bezüglich der Erziehung, der Familie, der Arbeit, dem Zugang zu Dienstleistungen, der Mitwirkung am bürgerlichen Leben — auf der einen Seite jegliche ungerechte geschlechtliche Diskriminierung bekämpfen und auf der anderen Seite die Bestrebungen und Bedürfnisse eines jeden wahrzunehmen und zu erkennen wissen. Die Verteidigung und die Förderung der gleichen Würde und der gemeinsamen persönlichen Werte müssen mit der sorgsamen Anerkennung der gegenseitigen Verschiedenheit harmonisiert werden, wo dies von der Verwirklichung des eigenen Mann- oder Frauseins gefordert wird.

 

IV. DIE AKTUALITÄT
DER FRAULICHEN WERTE
IM LEBEN DER KIRCHE

15. Was die Kirche betrifft, ist das Zeichen der Frau mehr denn je zentral und fruchtbar. Dies hängt mit der Identität zusammen, welche die Kirche von Gott erhalten und im Glauben angenommen hat. Diese »mystische«, grundlegende, seinshafte Identität muss man beim Nachdenken über die entsprechenden Rollen des Mannes und der Frau in der Kirche gegenwärtig halten.

Seit den ersten christlichen Generationen betrachtet sich die Kirche als Gemeinschaft, die von Christus gezeugt wurde und durch eine Beziehung der Liebe an ihn gebunden bleibt, deren vorzüglichster Ausdruck die hochzeitliche Erfahrung ist. Daraus ergibt sich, dass die erste Aufgabe der Kirche darin besteht, in der Gegenwart dieses Mysteriums der Liebe Gottes zu bleiben, das in Jesus Christus offenbar wurde, es zu betrachten und zu feiern. In dieser Hinsicht ist Maria in der Kirche der grundlegende Bezugspunkt. Man könnte mit einer Metapher sagen, dass Maria der Kirche den Spiegel reicht, in dem sie ihre eigene Identität erkennen soll, aber auch die Einstellungen des Herzens, die Haltungen und die Taten, die Gott von ihr erwartet.

Marias Dasein ist für die Kirche eine Einladung, ihr Sein im Hören und Aufnehmen des Wortes Gottes zu verankern. Der Glaube ist nämlich nicht so sehr die Suche des Menschen nach Gott, sondern vielmehr die Anerkennung des Menschen, dass Gott zu ihm kommt, ihn heimsucht und zu ihm spricht. Dieser Glaube, gemäß dem »für Gott nichts unmöglich ist« (vgl. Gen 18,14; Lk 1,37), lebt und wächst im demütigen, liebenden Gehorsam, mit dem die Kirche zum Vater sagen kann: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1,38). Der Glaube weist immerfort auf Jesus hin: »Was er euch sagt, das tut!« (Joh 2,5). Der Glaube geht mit Jesus den Weg bis unter das Kreuz. In der Stunde der tiefsten Finsternis harrt Maria mutig und getreu aus, weil sie mit einzigartiger Gewissheit auf das Wort Gottes vertraut.

Von Maria lernt die Kirche die Vertrautheit mit Christus. Maria, die das kleine Kind von Betlehem in ihren Händen getragen hat, lehrt die unendliche Demut Gottes erkennen. Sie, die den gemarterten, vom Kreuz abgenommenen Leib Jesu in ihre Arme genommen hat, zeigt der Kirche, wie sie sich aller Menschen annehmen soll, die in dieser Welt durch Gewalt und Sünde entstellt sind. Von Maria lernt die Kirche die Bedeutung der Macht der Liebe, wie Gott sie im Leben seines vielgeliebten Sohnes zeigt und offenbart: »Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind... und erhöht die Niedrigen« (Lk 1,51-52). Von Maria empfangen die Jünger Christi den Sinn und den Geschmack für den Lobpreis vor dem Werk der Hände Gottes: »Der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk1,49). Sie lernen, dass sie in der Welt sind, um das Andenken an diese »Großtaten« zu bewahren und den Tag des Herrn wachsam zu erwarten.

16. Auf Maria schauen und sie nachahmen, bedeutet aber nicht, die Kirche einer Passivität preiszugeben, die von einer überwundenen Auffassung der Weiblichkeit inspiriert ist, und sie einer Verwundbarkeit auszusetzen, die gefährlich ist in einer Welt, in der vor allem die Herrschaft und die Macht zählen. Der Weg Christi ist nämlich weder der Weg der Herrschaft (vgl. Phil 2,6) noch der Weg der Macht im weltlichen Sinn (vgl. Joh 18,36). Vom Sohn Gottes kann man lernen, dass diese »Passivität« in Wirklichkeit der Weg der Liebe ist, dass sie eine königliche Macht darstellt, die jede Gewalt besiegt, dass sie »Passion« ist, welche die Welt von Sünde und Tod erlöst und die Menschheit neu schafft. Der Gekreuzigte, der den Apostel Johannes seiner Mutter anvertraut, lädt seine Kirche ein, von Maria das Geheimnis jener Liebe zu lernen, die triumphiert.

Der Hinweis auf Maria und ihre Haltungen des Hörens, des Aufnehmens, der Demut, der Treue, des Lobpreises und der Erwartung verleiht der Kirche in keiner Weise eine Identität, die in einem zufälligen Modell der Weiblichkeit gründet, sondern stellt sie in die Kontinuität mit der geistlichen Geschichte Israels. In Jesus und durch Jesus werden diese Haltungen zur Berufung eines jeden Getauften. Unabhängig von den Verhältnissen, den Lebensständen, den verschiedenen Berufungen — mit oder ohne öffentliche Verantwortung — machen die genannten Haltungen einen wesentlichen Aspekt der Identität des christlichen Lebens aus. Auch wenn es sich dabei um Einstellungen handelt, die jeden Getauften prägen sollten, zeichnet sich die Frau dadurch aus, dass sie diese Haltungen mit besonderer Intensität und Natürlichkeit lebt. So erfüllen die Frauen eine Rolle von größter Wichtigkeit im kirchlichen Leben. Sie rufen allen Getauften diese Haltungen in Erinnerung und tragen auf einzigartige Weise dazu bei, das wahre Antlitz der Kirche, der Braut Christi und der Mutter der Gläubigen, zu offenbaren.

In dieser Perspektive wird auch verständlich, wie die Tatsache, dass die Priesterweihe ausschließlich Männern vorbehalten ist,22 die Frauen in keiner Weise daran hindert, zur Herzmitte des christlichen Lebens zu gelangen. Die Frauen sind berufen, unersetzliche Vorbilder und Zeugen dafür zu sein, wie die Kirche als Braut mit Liebe auf die Liebe des Bräutigams antworten muss.

 

SCHLUSS

17. In Jesus Christus ist alles neu gemacht worden (vgl. Offb 21,5). Es gibt aber keine Erneuerung in der Gnade ohne die Bekehrung der Herzen. Im Blick auf Jesus und im Bekenntnis, dass er der Herr ist, geht es darum, den Weg der Liebe zu erkennen, der die Sünde besiegt und den er seinen Jüngern weist.

So wird die Beziehung des Mannes zur Frau umgestaltet und die dreifache Begierde, von der der erste Johannesbrief spricht (vgl. 1 Joh 2,16), hat nicht mehr die Oberhand. Man muss das Zeugnis annehmen, das vom Leben der Frauen ausgeht und Werte offenbart, ohne die sich die Menschheit in Selbstgenügsamkeit, in Machtträumen und im Drama der Gewalt einsperren würde. Auch die Frau muss sich bekehren lassen und die einzigartigen, in der Liebe zum anderen so wirksamen Werte anerkennen, deren Trägerin sie als Frau ist. In beiden Fällen handelt es sich um die Bekehrung des Menschen zu Gott, so dass sowohl der Mann als auch die Frau Gott in Wahrheit anerkennen als ihre »Hilfe«, als Schöpfer, der voll Erbarmen ist, als Erlöser, der »die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3,16).

Eine solche Bekehrung kann es nicht ohne demütiges Gebet geben, um von Gott jenen klaren Blick zu erhalten, der sowohl die eigene Sünde als auch die heilende Gnade erkennt. In besonderer Weise muss man die Jungfrau Maria anrufen, die Frau nach dem Herzen Gottes, »gesegnet mehr als alle anderen Frauen« (vgl. Lk 1,42) und dazu auserwählt, den Menschen, Männern und Frauen, den Weg der Liebe zu offenbaren. Nur so kann in jedem Mann und in jeder Frau, nach der je eigenen Gnade, das »Abbild Gottes« sichtbar werden, jenes heilige Bild, mit dem sie ausgezeichnet sind (vgl. Gen 1,27). Nur so kann die Straße des Friedens und des Staunens wiedergefunden werden, welche die biblische Tradition in den Versen des Hohenliedes bezeugt, in denen die Leiber und die Herzen in denselben Jubel ausbrechen.

Die Kirche weiß um die Macht der Sünde, die in den Einzelnen und in den Gesellschaftssystemen am Werk ist und manchmal dazu führen könnte, die Hoffnung auf das Gutsein von Mann und Frau zu verlieren. Aber auf Grund ihres Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Christus weiß sie noch mehr um die Kraft der Vergebung und der Hingabe trotz aller Wunden und Ungerechtigkeiten. Der Friede und das Staunen, auf die sie die Männer und Frauen von heute mit Vertrauen hinweist, sind der Friede und das Staunen, die im Garten der Auferstehung unsere Welt und die ganze Geschichte erleuchtet haben mit der Offenbarung: »Gott ist die Liebe« (1Joh 4,8.16).

Papst Johannes Paul II. hat das vorliegende Schreiben, das in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz approbiert und seine Veröffentlichung angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, am 31. Mai 2004, dem Fest Mariä Heimsuchung.

+ Joseph Card. Ratzinger
Präfekt

+ Angelo Amato, SDB
Titularerzbischof von Sila
Sekretär

 

1Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981): AAS 74 (1982) 81-191; Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988): AAS 80 (1988) 1653-1729; Brief an die Familien (2. Februar 1994): AAS 86 (1994) 868-925; Brief an die Frauen (29. Juni 1995): AAS 87 (1995) 803-812; Katechesen über die menschliche Liebe (1979-1984): Insegnamenti II (1979) - VII (1984); Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Orientierung zur Erziehung in der menschlichen Liebe. Hinweise zur geschlechtlichen Erziehung (1. November 1983): Ench. Vat. 9, 420-456; Päpstlicher Rat für die Familie, Menschliche Sexualität: Wahrheit und Bedeutung. Orientierungshilfen für die Erziehung in der Familie (8. Dezember 1995): Ench. Vat. 14, 2008-2077.

2Zur komplexen Frage des Gender vgl. auch Päpstlicher Rat für die Familie, Familie, Ehe und »de-facto« Lebensgemeinschaften (26. Juli 2000), 8: L'Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache (22.Dezember 2000), 8.

3 Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio (14. September 1998), 21: AAS 91 (1999) 22: »Diese Öffnung für das Geheimnis, die ihm [dem biblischen Menschen] von der Offenbarung zukam, war schließlich für ihn die Quelle einer wahren Erkenntnis, die seiner Vernunft das Eintauchen in die Räume des Unendlichen erlaubte, wodurch er bis dahin unverhoffte Verständnismöglichkeiten erhielt«.

4Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 6: AAS 80 (1988) 1662; vgl. hl. Irenäus, Adversus haereses, 5, 6, 1; 5, 16, 2-3: SC 153, 72-81; 216-221; hl. Gregor von Nyssa, De hominis opificio, 16: PG 44, 180; In Canticum homilia, 2: PG 44, 805-808; hl. Augustinus, Enarratio in Psalmum, 4, 8: CCL 38,17.

5Das hebräische Wort ezer, das mit Hilfe übersetzt wird, bezeichnet eine Hilfeleistung, die nur eine Person einer anderen Person gewährt. Der Ausdruck hat in keiner Weise den Beigeschmack des Minderwertigen oder Zweckdienlichen, wenn man bedenkt, dass auch Gott in seinem Verhältnis zum Menschen manchmal ezer genannt wird (vgl. Ex 18,4; Ps 10,14).

6 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 6: AAS 80 (1988) 1664.

7 Johannes Paul II., Katechese Der Mensch als Person wird Geschenk in der Freiheit der Liebe (16. Januar 1980), 1: Insegnamenti III, 1 (1980) 148.

8Johannes Paul II., Katechese Die Begehrlichkeit des Leibes entstellt die Beziehungen zwischen Mann und Frau (23. Juli 1980), 1: Insegnamenti III, 2 (1980) 288. 

9 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 7: AAS 80 (1988) 1666.

10Ebd., 6: a.a.O. 1663.11 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Orientierung zur Erziehung in der menschlichen Liebe. Hinweise zur geschlechtlichen Erziehung (1. November 1983), 4: Ench. Vat. 9, 423.

12Ebd.

13 Hl. Irenäus, Adversus haereses, 4, 34, 1: SC 100, 846: »Omnem novitatem attulit semetipsum afferens«.

14 Die alte exegetische Tradition sieht in Maria zu Kana die »figura Synagogae« und die »inchoatio Ecclesiae«.

15 Das vierte Evangelium vertieft hier ein Thema, das schon bei den Synoptikern zu finden ist (vgl. Mt 9,15 und Parallelstellen). Zum Thema Jesus, der Bräutigam, vgl. Johannes Paul II., Brief an die Familien (2. Februar 1994), 18: AAS 86 (1994) 906-910.

16Johannes Paul II., Brief an die Familien (2. Februar 1994), 19: AAS 86 (1994) 911; vgl. Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 23-25: AAS 80 (1988) 1708-1715.

17Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 16: AAS 74 (1982) 98-99.

18Ebd., 41: a.a.O. 132-133; Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae (22. Februar 1987), II, 8: AAS 80 (1988) 96-97.

19Vgl. Johannes Paul II., Brief an die Frauen (29. Juni 1995), 9-10: AAS 87 (1995) 809-810.

20Johannes Paul II., Brief an die Familien (2. Februar 1994), 17: AAS 86 (1994) 906.

21Enzyklika Laborem exercens (14. September 1981), 19: AAS 73 (1981) 627.

22Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Ordinatio sacerdotalis (22. Mai 1994): AAS 86 (1994) 545-548; Kongregation für die Glaubenslehre, Antwort auf den Zweifel bezüglich der im Apostolischen Schreiben »Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre (28. Oktober 1995): AAS 87 (1995) 1114.

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Apostolisches Schreiben "Mane nobiscum Domine" / Bleibe bei uns, Herr

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
MANE NOBISCUM DOMINE
SEINER HEILIGKEIT PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE, DEN KLERUS UND AN DIE GLÄUBIGEN
ZUM JAHR DER EUCHARISTIE

OKTOBER 2004 – OKTOBER 2005

 

EINFÜHRUNG

1. »Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden« (vgl. Lk 24,29). Dies sind die eindringlichen Worte der Einladung, mit denen sich die beiden Jünger, die am Abend des Auferstehungstages nach Emmaus unterwegs sind, an den Wanderer wenden, der sich auf dem Weg zu ihnen gesellt hatte. Mit trüben Gedanken beladen konnten sie sich nicht vorstellen, daß gerade dieser Unbekannte ihr Meister sein würde, der schon von den Toten auferstanden war. Dennoch verspürten sie, während er mit ihnen redete und ihnen den Sinn der Schrift ,,erschloß”, ein inneres ,,Brennen” (vgl. ebd. V. 32). Das Licht des Wortes löste die Blindheit ihres Herzens und ließ ihnen die Augen aufgehen (vgl. ebd. V. 31). Unter den Schatten des zu Ende gehenden Tages und in der Dunkelheit, die ihr Herz zu umhüllen drohte, war jener Wanderer ein Lichtstrahl, der Hoffnung zu wecken vermochte und ihren Geist für den Wunsch nach der Fülle des Lichtes öffnete. ,,Bleib doch bei uns”, drängten sie ihn. Und er akzeptierte. Kurz darauf war das Antlitz Jesu verschwunden. Der Herr jedoch war ,,geblieben”, und zwar unter dem Schleier des ,,gebrochenen Brotes”, vor dem ihnen die Augen aufgegangen waren.

2. Das Bild der Emmausjünger eignet sich gut dafür, einem Jahr Orientierung zu geben, in dem die Kirche sich in besonderer Weise bemühen wird, das Geheimnis der heiligen Eucharistie zu leben. Auf den Straßen unserer Fragen und unserer Unruhe, zuweilen unserer tiefen Enttäuschungen, will der göttliche ,,Wanderer” uns weiterhin Gefährte sein, um uns durch die Auslegung der Heiligen Schrift in das Verstehen der Geheimnisse Gottes einzuführen. Wenn die Begegnung mit dem Herrn zur Fülle gelangt, tritt an die Stelle des ,,Lichtes des Wortes” jenes Licht, das aus dem ,,Brot des Lebens” hervorgeht, mit dem Christus in höchster Form seine Zusage ,,Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt” erfüllt (Mt 28,20).

3. Das ,,Brotbrechen”, wie die Eucharistie im Anfang genannt wurde, steht von je her im Mittelpunkt des Lebens der Kirche. Mittels ihrer macht Christus durch den Zeitenlauf hindurch das Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung gegenwärtig. In ihr empfangen wir Christus in Person als ,,das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist” (Joh 6,51). In Ihm ist uns das Unterpfand des ewigen Lebens gegeben, dank dessen wir das ewige Gastmahl des himmlischen Jerusalem vorauskosten dürfen. Im Gleichklang mit der Lehre der Kirchenväter, der ökumenischen Konzilien und mit meinen Vorgängern habe ich die Kirche mehrfach eingeladen, über die Eucharistie nachzudenken, zuletzt in der Enzyklika Ecclesia de Eucharistia. In diesem Schreiben beabsichtige ich daher nicht, die schon dargebotene Lehre erneut vorzulegen, vielmehr verweise ich darauf, damit sie vertieft und aufgenommen wird. Jedenfalls glaube ich, daß es gerade auf dieses Ziel hin sehr hilfreich sein könnte, ein Jahr zu begehen, das ganz diesem wunderbaren Sakrament gewidmet ist.

4. Bekanntlich wird das Jahr der Eucharistie vom Oktober 2004 bis zum Oktober 2005 dauern. Zwei Ereignisse haben mir die günstige Gelegenheit zu dieser Initiative geboten; diese werden entsprechend den Beginn und das Ende des Jahres der Eucharistie markieren: der Internationale Eucharistische Kongreß, der vom 10. bis zum 17. Oktober 2004 in Guadalajara (Mexiko) stattfindet, und die Ordentliche Versammlung der Bischofs-synode, die sich im Vatikan vom 2. bis zum 29. Oktober 2005 mit dem Thema ,,Die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt des Lebens und der Sendung der Kirche” beschäftigen wird. Bei meinem Vorhaben hat sodann eine weitere Überlegung nicht gefehlt: In dieses Jahr fällt der Weltjugendtag, der vom 16. bis zum 21. August 2005 in Köln stattfinden wird. Die Eucharistie wird dabei der lebendige Mittelpunkt sein, um den herum — so wünsche ich es — sich die Jugendlichen sammeln, um ihren Glauben und ihren Enthusiasmus zu nähren. Den Gedanken an solch eine eucharistische Initiative trage ich schon länger im Herzen: Tatsächlich stellt sie die natürliche Entwicklung der pastoralen Ausrichtung dar, die ich der Kirche einzuprägen beabsichtigte, besonders seit Beginn der Vorbereitungszeit auf das Große Jubiläum, und die ich dann in den darauffolgenden Jahren wieder aufgegriffen habe.

5. In diesem Apostolischen Schreiben möchte ich die Kontinuität der Ausrichtung unterstreichen, damit es allen leichter wird, ihre geistliche Bedeutung zu erfassen. Hinsichtlich der konkreten Verwirklichung des Jahres der Eucharistie verlasse ich mich auf den persönlichen Einsatz der Hirten der Teilkirchen. Die Verehrung dieses so großen Geheimnisses wird es ihnen nicht daran mangeln lassen, opportune Aktivitäten vorzuschlagen. Meinen Mitbrüdern im Bischofsamt wird es überdies nicht schwer fallen zu erkennen, daß diese Initiative, die relativ kurz auf den Abschluß des Rosenkranzjahres folgt, sich auf einem derart hohen geistlichen Niveau bewegt, sodaß sie in keiner Weise die Pastoralprogramme der einzelnen Diözesen beeinträchtigt. Sie kann diese vielmehr wirksam erleuchten, indem sie sie sozusagen in jenem Mysterium verankert, das die Wurzel und das Geheimnis des geistlichen Lebens der Gläubigen wie ebenso jeder Initiative der Ortskirche ausmacht. Ich verlange daher nicht die Unterbrechung der pastoralen ,,Wege”, die die einzelnen Kirchen zurücklegen, sondern daß auf ihnen die eucharistische Dimension, die dem ganzen christlichen Leben zu eigen ist, eine Akzentuierung erfahren möge. Ich möchte meinerseits mit diesem Schreiben einige grundlegende Orientierungen anbieten. Dies geschieht in der Hoffnung, daß das Volk Gottes in seinen verschiedenen Gliedern meinen Vorschlag mit Bereitwilligkeit und eifriger Liebe aufnehmen wird.

I.

AUF DER LINIE DES KONZILS
UND DES JUBILÄUMS

Den Blick auf Christus gerichtet

6. Vor zehn Jahren hatte ich die Freude, mit dem SchreibenTertio millennio adveniente
(10. November 1994) den Weg der Vorbereitung auf das Große Jubiläum des Jahres 2000 aufzuweisen. Ich spürte, daß diese historische Gelegenheit sich am Horizont wie eine große Gnade abzeichnete. Gewiß habe ich mir nicht eingebildet, ein einfacher zeitlicher Übergang — mochte er noch so eindrücklich sein — könne schon selbst große Veränderungen mit sich bringen. Nach dem Beginn des Millenniums zeigte sich leider via facti eine Art rauher Kontinuität der vorausgehenden Ereignisse und oftmals der schlimmsten unter ihnen. Langsam hat so ein Szenarium sichtbare Formen angenommen, daß — neben tröstlichen Perspektiven — düstere Schatten der Gewalt und des Blutes erkennen läßt, die nicht aufhören, uns traurig zu stimmen. Als ich die Kirche einlud, das Jubiläum der zwei Jahrtausende seit der Menschwerdung Gottes zu feiern, war ich fest überzeugt — und ich bin es jetzt mehr denn zuvor! —, auf lange Sicht für die Menschheit zu arbeiten.

Christus steht in der Tat nicht nur im Zentrum der Kirchengeschichte, sondern auch der Menschheitsgeschichte. In ihm wird alles eins (vgl. Eph 1,10; Kol 1,15-20). Wie können wir nicht an den Aufbruch denken, mit dem das Zweite Vatikanische Konzil bekannte, indem es Papst Paul VI. zitierte, daß Christus ,,das Ziel der menschlichen Geschichte [ist], der Punkt, auf den hin alle Bestrebungen der Geschichte und der Kultur konvergieren, der Mittelpunkt der Menschheit, die Freude aller Herzen und die Erfüllung ihrer Sehnsüchte”.1 Die Lehre des Konzils trug zu einer neuen Vertiefung des Wissens um die Natur der Kirche bei, indem es die Herzen der Glaubenden für ein besseres Verstehen der Glaubensgeheimnisse und eben auch der irdischen Wirklichkeit im Lichte Christi öffnete. In Ihm, dem fleischgewordenen Wort, klärt sich nämlich nicht nur das Geheimnis Gottes auf, sondern das Geheimnis des Menschen selbst.2 In Ihm findet der Mensch Erlösung und Vollendung.

7. In der EnzyklikaRedemptor hominis zu Beginn meines Pontifikats habe ich ausführlich diese Thematik behandelt, die ich dann bei verschiedenen anderen Anlässen wieder aufgegriffen habe. Das Jubiläum war der günstige Augenblick, die Aufmerksamkeit der Gläubigen auf diese grundlegende Wahrheit zu lenken. Die Vorbereitung des großen Ereignisses war ganz trinitarisch und christozentrisch. Bei diesem thematischen Ansatz konnte die Eucharistie gewiß nicht ausgelassen werden. Wenn wir uns heute auf den Weg machen, ein Jahr der Eucharistie zu feiern, erinnere ich gern an das, was ich schon in Tertio millenio advenientegeschrieben habe: ,,Das Jahr 2000 soll ein intensiv eucharistisches Jahr sein: Im Sakrament der Eucharistie bietet sich der Erlöser, der vor zweitausend Jahren im Schoß Mariens Mensch geworden ist, weiterhin der Menschheit als Quelle göttlichen Lebens dar“.3 Der Internationale Eucharistische Kongreß in Rom verlieh diesem Merkmal des Großen Jubiläums konkreten Ausdruck. Es lohnt sich auch, daran zu erinnern, daß ich mitten in der Vorbereitung auf das Jubiläum im Apostolischen Schreiben Dies Domini das Thema des ,,Sonntags” als Tag des auferstandenen Herrn und als besonderer Tag der Kirche den Glaubenden zur Betrachtung vorgeschlagen habe. Damals lud ich alle ein, die Feier der Eucharistie als das Herz des Sonntags wiederzuentdecken.4

Mit Maria das Antlitz Christi betrachten

8. Das Erbe des Großen Jubiläums findet sich in gewisser Weise im Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte zusammengestellt. In diesem programmatischen Dokument empfahl ich eine Perspektive des pastoralen Einsatzes, der auf der Betrachtung des Antlitzes Christi gründet, innerhalb einer kirchlichen Pädagogik, die fähig ist, nach dem ,,hohen Maßstab” der Heiligkeit zu streben, besonders durch die Kunst des Gebets.5 Und wie konnte in dieser Perspektive der liturgische Einsatz und in besonderer Weise die Aufmerksamkeit gegenüber dem eucharistischen Leben fehlen? Damals schrieb ich: ,,Im 20. Jahrhundert, besonders seit dem Konzil, ist die christliche Gemeinde in der Feier der Sakramente, vor allem der Eucharistie, gewachsen. Man muß diese Richtung weiterverfolgen durch besondere Hervorhebung der sonntäglichen Eucharistiefeier und des Sonntags selbst, der als besonderer Tag des Glaubens, als Tag des auferstandenen Herrn und des Geschenkes des Geistes, als wöchentliches Ostern wahrgenommen wird”.6 Im Zusammenhang mit der Erziehung zum Gebet forderte ich dann dazu auf, das Stundengebet zu pflegen, durch das die Kirche die verschiedenen Stunden des Tages und den Rhythmus der Zeit in der dem liturgischen Jahr eigenen Gliederung heiligt.

9. Später, mit der Ausrufung des Jahres des Rosenkranzes und der Veröffentlichung des Apostolischen Schreibens Rosarium Virginis Mariæ, habe ich das Thema der Betrachtung des Antlitzes Christi von der marianischen Perspektive her durch das neuerliche Angebot des Rosenkranzes wieder aufgegriffen. Dieses traditionelle Gebet, vom Lehramt sehr empfohlen und dem Gottesvolk sehr teuer, hat in der Tat eine ausgesprochen biblische und evangeliumsentsprechende Gestalt, die vorwiegend auf den Namen und das Antlitz Jesu hin ausgerichtet ist in der Betrachtung der Geheimnisse und im Wiederholen des Ave Maria. Sein Fortgang in der Wiederholung stellt eine Art Pädagogik der Liebe dar, die dazu dient, den Geist der Liebe selbst zu entfachen, die Maria ihrem Sohn gegenüber hegte. Als weitere Reifung eines jahrhundertealten Weges wollte ich daher, daß diese bevorzugte Form der Betrachtung in ihren Grundzügen als ,,Kompendium des Evangeliums” durch die Eingliederung der lichtreichen Geheimnisse ergänzt wird.7 Und wie hätte man nicht die lichtreichen Geheimnisse des Rosenkranzes in der Betrachtung der heiligen Eucharistie gipfeln lassen sollen?

Vom Jahr des Rosenkranzes zum Jahr der Eucharistie

10. Mitten im Jahr des Rosenkranzes veröffentlichte ich die Enzyklika Ecclesia de Eucharistia, mit der ich das Geheimnis der Eucharistie in seiner untrennbaren und lebenswichtigen Beziehung zur Kirche veranschaulichen wollte. Ich ermahnte alle, das eucharistische Opfer mit dem ihm gebührenden Einsatz zu feiern, während Jesus, gegenwärtig in der Eucharistie, auch außerhalb der Messe ein Kult der Anbetung erwiesen wird, der dem so großen Geheimnis würdig ist. Vor allem warf ich wieder die Forderung nach einer eucharistischen Spiritualität auf, indem ich Maria, die ,,eucharistische Frau”,8 zum Vorbild gab.

Das Jahr der Eucharistie erscheint also vor einem Hintergrund, der von Jahr zu Jahr Bereicherung erfahren hat, wobei er jedoch thematisch immer gut auf Christus und die Betrachtung seines Antlitzes bezogen blieb. In einem gewissen Sinn bietet sich das Eucharistische Jahr als eine Synthese an, als eine Art Höhepunkt des beschrittenen Weges. Vieles könnte gesagt werden, um dieses Jahr gut zu begehen. Ich beschränke mich darauf, einige Perspektiven aufzuzeigen, die allen helfen können, in erleuchteten und fruchtbaren Handlungsweisen zusammenzuwirken.

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II.

DIE EUCHARISTIE
ALS GEHEIMNIS DES LICHTES

,,Er legte ihnen dar, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht” (Lk 24,27)

11. Der biblische Bericht von der Erscheinung des auferstandenen Jesus vor den zwei Jüngern von Emmaus hilft uns, einen ersten Aspekt des eucharistischen Geheimnisses zu beleuchten, der immer in der Frömmigkeit des Volkes Gottes vorhanden sein muß: die Eucharistie als Geheimnis des Lichtes! Wie kann man dies sagen und welche Folgen ergeben sich daraus für die Spiritualität und das christliche Leben?

Jesus hat sich selbst als ,,Licht der Welt” (Joh 8,12) bezeichnet. Diese Eigenschaft kommt in jenen Augenblicken seines Lebens, in denen seine göttliche Herrlichkeit klar erstrahlt, wie Verklärung und Auferstehung, gut zum Vorschein. In der Eucharistie hingegen ist die Glorie Christi verhüllt. Das Sakrament der Eucharistie ist ,,mysterium fidei” schlechthin! Dennoch wird Christus gerade durch das Geheimnis seines völligen Verborgenseins zum Geheimnis des Lichtes, dank dessen der Glaubende in die Tiefe des göttlichen Lebens eingeführt wird. Nicht ohne glückliche Eingebung stellt die Ikone der Dreifaltigkeit von Rublëv vielsagend die Eucharistie in die Mitte des dreifaltigen Lebens.

12. Die Eucharistie ist vor allem deshalb Licht, weil in jeder Messe der Wortgottesdienst der Eucharistiefeier in der Einheit der beiden ,,Tische” des Wortes und des Brotes vorausgeht. Diese Kontinuität tritt in der eucharistischen Rede des Johannesevangeliums zu Tage, in der die Verkündigung Jesu von der grundlegenden Darlegung seines Geheimnisses zur Veranschaulichung der eigentlich eucharistischen Dimension voranschreitet: ,,Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank” (Joh 6,55). Wir wissen, daß dieses Wort einen Großteil der Zuhörer in eine Krise stürzte und Petrus veranlaßte, sich zum Sprecher des Glaubens der anderen Apostel und der Kirche aller Zeiten zu machen: ,,Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens” (Joh 6,68). In der Erzählung der Emmausjünger greift Jesus selbst ein, um zu zeigen, ,,ausgehend von Mose und allen Propheten”, wie die ,,gesamte Schrift” zum Geheimnis seiner Person hinführt (vgl. Lk 24,27). Seine Worte bringen die Herzen der Jünger zum ,,Brennen”, sie entziehen sie dem Dunkel der Traurigkeit und der Verzweiflung und wecken in ihnen den Wunsch, bei ihm zu bleiben: ,,Bleibe bei uns, Herr” (vgl. Lk 24,29).

13. In der Konstitution Sacrosanctum Concilium verlangten die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils, daß der ,,Tisch des Wortes” den Gläubigen die Schätze der Schrift reich erschließt.9 Daher haben sie erlaubt, daß in der Feier der Liturgie insbesondere die biblischen Lesungen in der allen verständlichen Sprache vorgetragen werden. Christus selbst spricht, wenn in der Kirche die Heilige Schrift gelesen wird.10 Zugleich haben die Konzilsväter dem Zelebranten die Homilie als Teil der Liturgie selbst empfohlen: Sie soll dazu dienen, das Wort Gottes zu veranschaulichen und es auf das christliche Leben hin zu aktualisieren.11 Vierzig Jahre nach dem Konzil kann das Jahr der Eucharistie ein wichtiger Anlaß dafür werden, in den christlichen Gemeinden diesen Aspekt zu überprüfen. Denn es reicht nicht aus, daß die Abschnitte aus der Bibel in verständlicher Sprache vorgetragen werden, wenn die Verkündigung nicht mit jener Sorgfalt und vorausgehenden Vorbereitung, jenem ergebenen Hinhören und besinnlichen Schweigen einhergeht, die nötig sind, damit das Wort Gottes das Leben berührt und es erhellt.

,,Sie erkannten ihn, als er das Brot brach”(vgl. Lk 24,35)

14. Es ist von Bedeutung, daß die beiden Emmausjünger, die durch die Worte des Herrn entsprechend vorbereitet worden waren, ihn bei Tisch an der einfachen Geste des ,,Brotbrechens” erkannten. Wenn einmal der Verstand erleuchtet und das Herz erwärmt ist, dann ,,sprechen” die Zeichen. Die Eucharistie vollzieht sich ganz im dynamischen Kontext von Zeichen, die eine dichte und helle Botschaft in sich tragen. Durch die Zeichen öffnet sich in gewisser Weise das Geheimnis dem Auge des Glaubenden.

Wie ich in der Enzyklika Ecclesia de Eucharistia betont habe, ist es wichtig, daß kein Aspekt dieses Sakraments vernachlässigt wird. In der Tat steht der Mensch immer in der Versuchung, die Eucharistie auf eigene Gesichtspunkte zu reduzieren; hingegen ist er es, der sich in Wirklichkeit den Dimensionen des Mysteriums öffnen muß. ,,Die Eucharistie ist ein zu großes Gut, um Zweideutigkeiten und Verkürzungen zu dulden”.12

15. Es besteht kein Zweifel, daß unter den verschiedenen Aspekten der Eucharistie jener des Gastmahles am meisten ins Auge fällt. Die Eucharistie entstand im Kontext des Paschamahles am Abend des Gründonnerstages. Daher ist ihrer Struktur die Bedeutung der Tischgemeinschaft eingeschrieben: ,,Nehmt und eßt ... Dann nahm er den Kelch ... und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus” (Mt 26,26.27). Dieser Aspekt drückt die Gemeinschaftsbeziehung gut aus, die Gott mit uns aufnehmen will und die wir selbst untereinander entfalten müssen.

Dennoch darf nicht vergessen werden, daß das eucharistische Mahl auch und zuerst einen tiefen Opfercharakter besitzt.13 Christus legt uns darin das Opfer wieder vor, das er ein für allemal auf Golgota dargebracht hat. Wenn er darin auch als Auferstandener gegenwärtig ist, so trägt er doch die Zeichen seines Leidens, zu dessen ,,Gedächtnis” jede heilige Messe gefeiert wird. Daran erinnert uns die Liturgie in der Akklamation nach der Wandlung: ,,Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir ...”. Während die Eucharistie das Vergangene vergegenwärtigt, versetzt sie uns zugleich in die Zukunft der letzten Wiederkunft Christi am Ende der Geschichte. Dieser ,,eschatologische” Aspekt verleiht dem eucharistischen Sakrament eine mitreißende Dynamik, die den christlichen Weg mit dem Schritt der Hoffnung ausstattet.

,,Ich bin bei euch alle Tage ...” (Mt 28,20)

16. Diese Dimensionen der Eucharistie verdichten sich in einem Aspekt, der mehr als alle anderen unseren Glauben auf die Probe stellt: das Geheimnis der ,,Realpräsenz”. Mit der Gesamttradition der Kirche glauben wir, daß unter den eucharistischen Gestalten Jesus wirklich gegenwärtig ist. Es handelt sich um eine Gegenwart — wie Papst Paul VI. vortrefflich erklärte —, die ,,wirklich” genannt wird nicht im ausschließlichen Sinn, als ob die anderen Formen der Gegenwart nicht wirklich wären, sondern hervorhebend, denn kraft der Realpräsenz wird der ganze und vollständige Christus in der Wirklichkeit seines Leibes und seines Blutes substanziell gegenwärtig.14 Deswegen verlangt der Glaube von uns, vor der Eucharistie zu stehen im Bewußtsein, vor Christus selbst zu stehen. Gerade seine Gegenwart verleiht den übrigen Dimensionen — des Gastmahls, des Pascha-Gedächtnisses, der eschatologischen Vorausnahme — eine Bedeutung, die weit über einen reinen Symbolismus hinausgeht. Die Eucharistie ist das Geheimnis der Gegenwart, durch das sich die Verheißung Christi, immer bei uns zu sein bis ans Ende der Welt, auf höchste Weise verwirklicht.

Feiern, anbeten, betrachten

17. Die Eucharistie — ein großes Geheimnis! Es ist ein Geheimnis, das vor allem gut gefeiert werden muß. Die heilige Messe muß in die Mitte des christlichen Lebens gestellt werden. Jede Gemeinde soll alles tun, um sie gemäß den Vorschriften würdevoll zu feiern, unter Teilnahme des Volkes, wobei von den verschiedenen Diensten in der Ausübung der für sie vorgesehenen Aufgaben Gebrauch gemacht wird. Dazu gehört eine ernste Aufmerksamkeit gegenüber dem Aspekt der Sakralität, die den Gesang und die liturgische Musik kennzeichnen muß. Eine konkrete Aufgabe dieses Jahrs der Eucharistie könnte in jeder Pfarrgemeinde das gründliche Studium der Allgemeinen Einführung in das Römische Meßbuch sein. Der bevorzugte Weg, um in das Geheimnis der unter den heiligen ,,Zeichen” verwirklichten Erlösung eingeführt zu werden, besteht darin, den Ablauf des liturgischen Jahres treu mitzuverfolgen. Die Hirten sollen sich für die den Kirchen- vätern so kostbare ,,mystagogische” Katechese einsetzen. Sie trägt dazu bei, die Bedeutung der Handlungen und Worte der Liturgie zu entdecken, indem sie den Gläubigen hilft, von den Zeichen zum Geheimnis zu gelangen und in dieses ihr ganzes Dasein mit hineinzunehmen.

18. Insbesondere ist es notwendig, sowohl in der Feier der Messe als auch im eucharistischen Kult außerhalb der Messe das lebendige Bewußtsein der realen Gegenwart Christi zu pflegen, indem Sorgfalt darauf verwendet wird, diese Gegenwart mit dem Ton der Stimme, den Gesten, den Bewegungen, mit der Gesamtheit des Verhaltens zu bezeugen. In diesem Zusammenhang erinnern die Vorschriften — und ich selbst hatte kürzlich die Gelegenheit, dies zu bekräftigen15 — an die Bedeutung, die den Momenten der Stille sowohl bei der Feier der Eucharistie als auch bei der eucharistischen Anbetung gegeben werden muß. Mit einem Wort, es ist notwendig, daß die Art und Weise des Umgangs mit der Eucharistie seitens der in der Liturgie Mitwirkenden und der Gläubigen von tiefem Respekt geprägt sind.16 Die Gegenwart Jesu im Tabernakel muß ein Anziehungspunkt für eine immer größere Anzahl von Seelen sein, die von Liebe zu ihm erfüllt sind und fähig sind, lange da zu bleiben, um seine Stimme zu hören und gleichsam seinen Herzschlag zu spüren. ,,Kostet und seht, wie gütig der Herr ist” (Ps 34,9).

Die eucharistische Anbetung außerhalb der heiligen Messe soll während dieses Jahres zu einer besonderen Aufgabe für die einzelnen Pfarrgemeinden und Ordensgemeinschaften werden. Verweilen wir lange auf den Knien vor dem in der Eucharistie gegenwärtigen Herrn, indem wir mit unserem Glauben und unserer Liebe die Nachlässigkeit, die Vergessenheit und sogar die Beleidigungen wiedergutmachen, die unser Erlöser in vielen Teilen der Welt erleiden muß. Vertiefen wir in der eucharistischen Anbetung unsere persönliche und gemeinschaftliche Betrachtung, indem wir uns auch der Gebetshilfen bedienen, die vom Wort Gottes und von der Erfahrung vieler alter und neuer Mystiker durchdrungen sind. Selbst der Rosenkranz — verstanden in seiner tiefen biblischen und christozentrischen Bedeutung, die ich im Apostolischen SchreibenRosarium Virginis Mariæ ans Herz gelegt habe — kann ein Weg sein, der für die eucharistische Betrachtung besonders geeignet ist, wird sie doch in Gemeinschaft mit Maria und in der Schule Mariens vollzogen.17

Das Hochfest Fronleichnam mit seiner traditionellen Prozession soll in diesem Jahr mit besonderer Inbrunst begangen werden. Der Glaube an Gott, der in seiner Menschwerdung zum Gefährten auf unserer Reise wurde, soll überall verkündet werden, besonders auf unseren Straßen und in unseren Häusern als Ausdruck unserer dankbaren Liebe und als Quelle unerschöpflichen Segens.

 

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III.

DIE EUCHARISTIE ALS QUELLE UND EPIPHANIE DER GEMEINSCHAFT

,,Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch” (Joh 15,4)

19. Auf die Bitte der Jünger von Emmaus, ,,bei” ihnen zu bleiben, antwortet Jesus mit einem viel größeren Geschenk: Durch das Sakrament der Eucharistie fand er Gelegenheit, ,,in” ihnen zu bleiben. Die Eucharistie empfangen bedeutet in tiefe Gemeinschaft mit Jesus eintreten. ,,Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch” (Joh 15, 4). Diese Beziehung eines zuinnersten, wechselseitigen ,,Verbleibens”, erlaubt uns in gewisser Weise, den Himmel auf der Erde vorwegzunehmen. Ist dies nicht das größte Verlangen des Menschen? Ist es nicht das, was Gott sich vorgenommen hat in der Verwirklichung seines Heilsplans in der Geschichte? Er hat in das Herz des Menschen den ,,Hunger” nach seinem Wort gelegt (vgl. Am 8,11), einen Hunger, der nur in der vollen Einheit mit ihm gestillt werden wird. Die eucharistische Gemeinschaft ist uns geschenkt, um uns auf dieser Erde an Gott zu ,,sättigen” in Erwartung der vollen Befriedigung im Himmel.

Ein Brot, ein Leib

20. Diese besondere Vertrautheit aber, die sich in der eucharistischen ,,Gemeinschaft” mit dem Herrn vollzieht, kann außerhalb der kirchlichen Gemeinschaft weder richtig verstanden noch voll gelebt werden. Dies alles habe ich in der Enzyklika Ecclesia de Eucharistia mehrfach hervorgehoben. Die Kirche ist der Leib Christi: Man ist in dem Maß ,,mit Christus” auf dem Weg, in dem man in Beziehung ,,zu seinem Leib” steht. Um diese Einheit zu bilden und zu fördern, trägt Christus mit der Ausgießung des Heiligen Geistes Sorge. Und er selbst hört nicht auf, diese Einheit durch seine eucharistische Gegenwart zu nähren. Es ist wirklich das eine eucharistische Brot, das uns zu dem einen Leib vereint. Dies bekräftigt schon der Apostel Paulus: ,,Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot” (1 Kor 10,17). Im eucharistischen Geheimnis baut Christus die Kirche als Gemeinschaft auf gemäß dem höchsten, im hohepriesterlichen Gebet beschworenen Vorbild: ,,Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast” (Joh 17,21).

21. Wenn die Eucharistie die Quelle der kirchlichen Einheit ist, dann ist sie auch deren höchster Ausdruck. Die Eucharistie ist die Epiphanie der Gemeinschaft. Deswegen stellt die Kirche Bedingungen für die vollgültige Teilnahme an der Feier der Eucharistie.18 Die verschiedenen Einschränkungen sind dazu da, damit wir uns immer mehr bewußt werden, welche Erfordernisse die Gemeinschaft verlangt, die Jesus von uns erbittet. Diese ist eine hierarchische Gemeinschaft, die auf dem Bewußtsein der verschiedenen Aufgaben und Dienste beruht und auch im eucharistischen Hochgebet durch die Erwähnung des Papstes und des Diözesanbischofs ständig bekräftigt wird. Sie ist eine brüderliche Gemeinschaft, die mit einer ,,Spiritualität der Gemeinschaft” gepflegt werden will, welche uns zu einer Gesinnung von gegenseitiger Öffnung, Zuneigung, Verständnis und Vergebung bewegt.19

,,Ein Herz und eine Seele” (Apg 4,32)

22. Bei jeder heiligen Messe sind wir aufgerufen, uns am Ideal der Gemeinschaft messen zu lassen, das das Buch der Apostelgeschichte als Vorbild für die Kirche aller Zeiten umreißt. Es ist die um die Apostel gesammelte Kirche, die vom Wort Gottes zusammengerufen ist und fähig ist zu einem Teilen, das nicht nur die geistlichen, sondern auch die materiellen Güter selbst betrifft (Apg 2,42-47; 4,32-35). In diesem Jahr der Eucharistie lädt uns der Herr ein, uns so weit als möglich diesem Ideal anzunähern. Mit besonderem Einsatz sollen die Momente begangen werden, die schon von der Liturgie des ,,Stationsgottesdienstes” vorgeschlagen werden, bei dem der Bischof in der Kathedrale mit seinen Priestern und Diakonen zelebriert, unter Teilnahme des Volkes Gottes in all seinen Gliedern. Hier hauptsächlich ,,manifestiert” sich die Kirche.20 Es ist aber lobenswert, andere bedeutungsreiche Gelegenheiten festzulegen, auch auf Pfarrebene, damit der Gemeinschaftssinn wächst, der aus der Eucharistiefeier neue Inbrunst bezieht.

Der Tag des Herrn

23. Es ist mein besonderer Wunsch, daß in diesem Jahr ein spezieller Einsatz unternommen werde, um den Sonntag als Tag des Herrn und Tag der Kirche neu zu entdecken und voll zu begehen. Glücklich wäre ich, wenn man neu darüber nachdächte, was ich bereits im Apostolischen Schreiben Dies Domini ausgeführt habe. ,,In der Tat erleben die Christen in der Sonntagsmesse auf besonders intensive Weise wieder die Erfahrung, die von den versammelten Aposteln am Abend des ersten Tages der Woche gemacht wurde, als sich ihnen der Auferstandene zeigte (vgl. Joh 20,19). In jener kleinen Kerngruppe von Jüngern, in der Frühzeit der Kirche, war in gewisser Weise das Gottesvolk aller Zeiten gegenwärtig”.21 Während dieses Gnadenjahres mögen die Priester in ihrem seelsorglichen Einsatz eine noch größere Aufmerksamkeit der Sonntagsmesse als jener Feier schenken, bei der sich die Pfarrgemeinde gesammelt wiederfindet. Sie sieht dabei gewöhnlich auch die verschiedenen Gruppen, Bewegungen und Vereinigungen teilnehmen, die es in ihr gibt.

 

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IV.

DIE EUCHARISTIE ALS PRINZIP
UND PLAN DER ,,MISSION”

,,Noch in derselben Stunde brachen sie auf” (Lk 24,33)

24. Nachdem die beiden Emmausjünger den Herrn erkannt hatten, brachen sie noch in derselben Stunde auf (vgl. Lk 24,33), um über das Gesehene und Gehörte zu berichten. Wer eine wahre Erfahrung des Auferstandenen gemacht hat und sich durch seinen Leib und sein Blut nährt, kann die erlebte Freude nicht für sich behalten. Die Begegnung mit Christus, die in der Vertrautheit mit der Eucharistie stetig vertieft wird, erweckt in der Kirche und in jedem Christen den Drang zum Zeugnisgeben und zur Evangelisierung. Dies habe ich in der Predigt hervorgehoben, mit der ich das Jahr der Eucharistie ankündigte. Ich zitierte die Worte des heiligen Paulus: ,,Sooft ihr von diesem Brot eßt und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt” (1 Kor 11,26). Der Apostel setzt das Mahl und die Verkündigung in eine enge Beziehung zueinander: In Gemeinschaft mit Christus im Ostergedächtnis zu treten heißt zugleich, die Verpflichtung zu spüren, Boten und Verkünder des Ereignisses zu werden, das durch diesen Ritus vergegenwärtigt wird.22 Die Entlassung am Schluß jeder Messe stellt einen Auftrag dar, welcher den Christen zum Einsatz für die Verbreitung des Evangeliums und die christliche Beseelung der Gesellschaft drängt.

25. Für diese Sendung gibt die Eucharistie nicht nur die innere Kraft, sondern liefert auch — in gewissem Sinne — den Plan. Die Eucharistie ist wirklich eine Seinsweise, die von Jesus auf jeden Christen übergeht und durch sein bzw. ihr Zeugnis in die Gesellschaft und in die Kultur ausstrahlen möchte. Damit das geschieht, ist es nötig, daß jeder Gläubige in der persönlichen wie der gemeinschaftlichen Betrachtung die Werte in sich aufnimmt, welche die Eucharistie ausdrückt, die Geisteshaltung, die sie anregt, und die Lebensvorsätze, die sie auslöst. Ist hierin nicht auch der besondere Auftragzu sehen, der aus dem Jahr der Eucharistie entspringen könnte?

Dank sagen

26. Ein grundsätzliches Element dieses Plans ergibt sich aus der Bedeutung des Wortes ,,Eucharistie” selbst: Danksagung. In Jesus, in seiner Hingabe, in seinem bedingungslosen ,,Ja” zum Willen des Vaters fußt das ,,Ja”, das ,,Danke”, das ,,Amen” der ganzen Menschheit. Die Kirche ist aufgerufen, die Menschen an diese große Wahrheit zu erinnern. Es ist dringend erforderlich, dies vor allem in unserer säkularisierten Welt zu tun, die in Gottvergessenheit lebt und eine eitle Selbstgenügsamkeit des Menschen pflegt. Dem eucharistischen Plan im Alltag, dort, wo wir arbeiten und leben — in der Familie, in der Schule, in der Fabrik wie in den verschiedensten Lebensbedigungen —, eine Gestalt zu geben, heißt unter anderem zu bezeugen, daß sich die menschliche Wirklichkeit nicht ohne Bezug zum Schöpfer begründen läßt: ,,Denn das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts”.23 Der übernatürliche Bezug, der uns zu einem ewigen ,,Danke” für alles, was wir haben und sind, —also zu einer eucharistischen Haltung — verpflichtet, beeinträchtigt nicht die legitime Autonomie der irdischen Wirklichkeiten,24 sondern begründet sie in einer viel wahreren Weise, indem sie sie zugleich in ihren rechten Grenzen einordnet.

(26)In diesem Jahr der Eucharistie setze man sich von Seiten der Christen dafür ein, mit größerer Kraft die Gegenwart Gottes in der Welt zu bezeugen. Wir sollen keine Furcht haben, von Gott zu reden und die Zeichen des Glaubens auf hoher Stirn zu tragen. Die ,,Kultur der Eucharistie” fördert eine Kultur des Dialogs, die in ihr Kraft und Nahrung findet. Hier irren diejenigen, die meinen, daß der öffentliche Verweis auf den Glauben ein Angriff auf die rechte Autonomie des Staates und der öffentlichen Einrichtungen sei oder daß dieser sogar zu einer Haltung der Intoleranz ermutigen könne. Wenn es auch in der Vergangenheit unter den Gläubigen nicht an Fehlern in diesem Bereich gemangelt hat —wie ich anläßlich des Jubiläums bekannt habe —, so kann man dies nicht den ,,christlichen Wurzeln” anlasten, sondern der Inkohärenz der Christen gegenüber ihren eigenen Wurzeln. Wer auf Art des gekreuzigten Christus ,,Danke” sagen lernt, kann ein Märtyrer werden, aber nie ein Peiniger.

Der Weg der Solidarität

27. Die Eucharistie ist nicht nur ein Ausdruck der Lebensgemeinschaft der Kirche, sondern auch ein Projekt der Solidarität für die gesamte Menschheit. Die Kirche erneuert beständig in der Feier der Eucharistie ihr Bewußtsein, ,,Zeichen und Werkzeug” nicht nur der inneren Gemeinschaft mit Gott, sondern auch der Einheit des ganzen Menschengeschlechtes zu sein.25 Jede Messe, auch wenn sie im Verborgenen und in einer abgelegenen Region der Erde gefeiert wird, trägt immer das Zeichen der Universalität. Der an der Eucharistie teilnehmende Christ lernt daraus, sich zum Förderer von Gemeinschaft, Frieden und Solidarität zu machen, und zwar in allen Lebensumständen. Das zerrissene Bild unserer Welt, die das neue Jahrtausend mit einem Spektrum von Terrorismus und Kriegstragödien begonnen hat, ruft die Christen mehr denn je dazu auf, die Eucharistie wie eine große Schule der Liebe zu leben, in der sich Männer und Frauen bilden, die auf verschiedenen Verantwortungsebenen im sozialen, kulturellen und politischen Leben Strukturen des Dialogs und der Gemeinschaft weben.

Im Dienst an den Geringsten

28. Es gibt noch einen Punkt, auf den ich die Aufmerksamkeit lenken möchte, weil sich an ihm in beträchtlichem Maße die Echtheit der Teilnahme an der Eucharistie erweist, die in der Gemeinde gefeiert wird: es ist der Anstoß, den die Gemeinde aus ihr im Hinblick auf einen tatkräftigen Einsatz für die Errichtung einer gerechteren und brüderlichen Welt bezieht. In der Eucharistie hat unser Gott seine Liebe bis aufs äußerste gezeigt, indem er alle Kriterien der Herrschaft, die zu oft die menschlichen Beziehungen bestimmen, umkehrt und in radikaler Weise das Kriterium des Dienstes formuliert: ,,Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein” (Mk 9,35). Nicht von ungefähr finden wir im Johannesevangelium den Einsetzungsbericht der Eucharistie nicht, wohl aber den der ,,Fußwaschung” (vgl. Joh 13,1-20): Indem er sich herabbeugt, um die Füße seiner Jünger zu waschen, erklärt Jesus in unmißverständlicher Weise den Sinn der Eucharistie. Der heilige Paulus betont mit Nachdruck, daß eine Feier der Eucharistie nicht zulässig ist, wenn in ihr nicht die im konkreten Teilen mit den Ärmsten bezeugte Nächstenliebe aufleuchtet (vgl. 1 Kor 11,17-22.27-34).

Warum sollte in diesem Jahr der Eucharistie nicht ein Zeitraum geschaffen werden, in dem die Diözesen und Pfarrgemeinden sich in besonderer Weise dafür einsetzen, daß jeder der vielen Armutserscheinungen in unserer Welt mit brüderlicher Anstrengung begegnet wird? Ich denke an das Drama des Hungers, der hundertmillionen Menschen quält, ich denke an die Krankheiten, welche die Entwicklungsländer geißeln, ich denke an die Einsamkeit vieler älterer Mitmenschen, an die Beschwernisse der Arbeitslosen und an die Widrigkeiten, mit denen die Immigranten konfrontiert sind. Diese Übel kennzeichnen — wenn auch in unterschiedlichem Maße — selbst die reichen Länder. Wir können uns nicht täuschen: an der gegenseitigen Liebe und insbesondere an der Sorge für die Bedürftigen erkennt man uns als wahre Jünger Christi (vgl. Joh 13,35; Mt 25,31-46). Dies ist das Kriterium, auf Grund dessen die Echtheit unserer Eucharistiefeiern überprüft wird.

 

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SCHLUSS

29. O Sacrum Convivium, in quo Christus sumitur! Das Jahr der Eucharistie erwächst aus dem Staunen, mit dem die Kirche diesem großen Geheimnis begegnet. Es ist ein Staunen, das nicht aufhört, meinen Geist zu erfüllen. Die Enzyklika Ecclesia de Eucharistia ist daraus entstanden. Ich empfinde es als eine große Gnade im beginnenden siebenundzwanzigsten Jahr meines Petrusamtes, daß ich nun die ganze Kirche dazu aufrufen kann, dieses unaussprechliche Sakrament in besonderer Weise zu betrachten, zu preisen und anzubeten. Das Jahr der Eucharistie sei für alle eine kostbare Gelegenheit für ein erneuertes Bewußtsein dieses unvergleichlichen Schatzes, den Christus seiner Kirche anvertraut hat. Es sei ein Ansporn für eine lebendigere und innigere Feier der Eucharistie, aus der ein von der Liebe durchdrungenes christliches Leben entspringen möge.

Viele Initiativen könnten in dieser Hinsicht nach dem Urteil der Hirten der Teilkirchen verwirklicht werden. Die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung wird es nicht versäumen, dazu nützliche Empfehlungen und Vorschläge zu machen. Ich erwarte nicht, daß man außergewöhnliche Dinge unternimmt. Alle Initiativen seien aber von einer tiefen Innerlichkeit geprägt. Wenn die Frucht dieses Jahres auch nur in der Verlebendigung der Feier der Sonntagsmesse und in der Förderung der eucharistischen Anbetung außerhalb der heiligen Messe in allen christlichen Gemeinschaften bestünde, hätte dieses Gnadenjahr ein bedeutsames Ergebnis erreicht. Es ist gut, nach hohen Zielen zu streben und sich nicht mit dem Mittelmaß zufriedenzugeben, da wir immer auf Gottes Hilfe zählen können.

30. Euch, liebe Mitbrüder im Bischofsamt, vertraue ich dieses Jahr in der Gewißheit an, daß ihr meine Einladung mit eurem ganzen apostolischen Eifer annehmen werdet.

Ihr Priester, die ihr täglich neu die Konsekrationsworte sprecht und Zeugen wie Künder des großen, sich in euren Händen vollziehenden Geheimnisses der Liebe seid, laßt euch ansprechen von der Gnade dieses besonderen Jahres, indem ihr jeden Tag die heilige Messe mit der Freude und der Inbrunst des ersten Mals feiert und gerne im Gebet vor dem Tabernakel verharrt.

Dies sei ein Gnadenjahr für euch Diakone, die ihr ganz nahe am Dienst des Wortes und am Dienst des Altars teilnehmt. Auch ihr Lektoren, Akolythen und außerordentliche Kommunionhelfer: Seid euch der Gabe bewußt, die euch mit den euch anvertrauten Aufgaben im Hinblick auf eine würdige Feier der Eucharistie gemacht wird.

Besonders wende ich mich an euch, zukünftige Priester: Sucht im Seminarleben die Erfahrung zu machen, wie schön es ist, nicht nur täglich an der heiligen Messe teilzunehmen, sondern lange im Zwiegespräch mit dem eucharistischen Jesus zu verweilen.

Ihr Ordensleute seid durch eure Weihe an Gott zu einer längeren und tieferen Betrachtung gerufen. Erinnert euch, daß Jesus im Tabernakel euch an seiner Seite erwartet, um in eure Herzen jene innere Erfahrung seiner Freundschaft einfließen zu lassen, die eurem Leben allein Sinn und Erfüllung geben kann.

Ihr Gläubigen alle, entdeckt das Geschenk der Eucharistie neu als Licht und Kraftquelle für euer tägliches Leben in der Welt, in der Ausübung der jeweiligen Berufe und im Kontakt mit den verschiedensten Situationen. Entdeckt dieses Geschenk wieder neu, um ganz und gar die Familie in ihrer Schönheit und Aufgabe zu leben.

Sehr viel erwarte ich schließlich von euch, liebe Jugendliche, während ich unsere Verabredung für den Weltjugendtag in Köln in Erinnerung rufe. Das Thema ,,Wir sind gekommen, um ihn anzubeten” (vgl. Mt 2,2) eignet sich in besonderer Weise dafür, um euch die rechte Haltung nahezubringen, wie wir dieses eucharistische Jahr leben können. Bringt zu diesem Treffen mit dem unter dem eucharistischen Schleier verborgenen Jesus die ganze Begeisterung eurer Jugend, eurer Hoffnung und eurer Liebesfähigkeit mit!

31. Vor unseren Augen sind die Beispiele der Heiligen, die in der Eucharistie die Nahrung für ihren Weg der Vollkommenheit gefunden haben. Wie oft haben sie Tränen der Ergriffenheit in der Erfahrung eines so großen Geheimnisses vergossen und welch unsagbare Stunden ,,hochzeitlicher” Freude haben sie vor dem Altarssakrament verbracht! Es helfe uns vor allem die heilige Jungfrau Maria, die mit ihrer ganzen Existenz die Logik der Eucharistie verkörpert hat. ,,Die Kirche, die auf Maria wie auf ihr Urbild blickt, ist berufen, sie auch in ihrer Beziehung zu diesem heiligsten Mysterium nachzuahmen”.26 Das eucharistische Brot, das wir empfangen, ist das makellose Fleisch des Sohnes: ,,Ave verum Corpus natum de Maria Virgine”. In diesem Gnadenjahr möge die Kirche mit der Hilfe Marias neuen Elan für ihre Mission erhalten und in der Eucharistie immer mehr die Quelle und den Höhepunkt ihres ganzen Lebens erkennen.

Allen erteile ich als Unterpfand der Gnade und der Freude meinen Segen.

Aus dem Vatikan, am 7. Oktober, dem Gedenktag Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, im Jahr 2004, dem sechsundzwanzigsten meines Pontifikats.

IOANNES PAULUS PP.II

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1Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 45.

2Vgl. ebd., 22.

3Nr. 55: AAS 87 (1995), 38.

4Vgl. Nrn. 32-34: AAS 90 (1998), 732-734.

5Vgl. Nrn. 30-32: AAS 93 (2001), 287-289.

6Ebd., 35: a.a.O., 290-291.

7Vgl. Apostolisches Schreiben Rosarium Virginis Mariæ (16. Oktober 2002), 19.21: AAS 95 (2003), 18-20.

8Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17. April 2003), 53: AAS 95 (2003), 469.

9Vgl. Nr. 51.

10Vgl. ebd., 7.

11Vgl. ebd., 52.

12Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17. April 2003), 10: AAS 95 (2003), 439.

13Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17. April 2003), 10: AAS 95 (2003), 439; Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Instruktion Redemptionis Sacramentum über einige Dinge bezüglich der heiligsten Eucharistie, die einzuhalten und zu vermeiden sind (25. März 2004), 38: L'Osservatore Romano, 24. April 2004, Suppl., S. 3.

14Vgl. Enzyklika Mysterium fidei (3. September 1965): AAS 57 (1965), 764; Heilige Ritenkongregation, Instruktion Eucharisticum mysterium über den Kult des eucharistischen Mysteriums, 9: AAS 59 (1967), 547.

15Vgl. Botschaft Spiritus et Sponsa zum 40. Jahrestag der Konstitution Sacrosanctum Concilium über die heilige Liturgie (4.Dezember 2003), 13: AAS 96 (2004), 425.

16Vgl. Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, InstruktionRedemptionis Sacramentum über einige Dinge bezüglich der heiligsten Eucharistie, die einzuhalten und zu vermeiden sind (25. März 2004): L'Osservatore Romano, 24. April 2004, Suppl.

17Vgl. ebd., 137: a.a.O., S. 7.

18Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17. April 2003), 44: AAS 95 (2003), 462; Codex des kanonischen Rechtes, can. 908; Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen, can. 702; Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Directorium Œcumenicorum (25. März 1993), 122-125.129-131: AAS 85 (1993), 1086-1089; Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben Ad exsequendam (18. Mai 2001): AAS 93 (2001), 786.

19Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Novo millennio ineunte (6. Januar 2004), 43: AAS 93 (2001), 297.

20Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium, 41.

21Nr. 33: AAS 90 (1998), 733.

22Vgl. Homilie zum Hochfest des Leibes und Blutes Christi (10. Juni 2004), 1: L'Osservatore Romano, 11.-12. Juni 2004, S. 6.

23Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 36.

24Vgl. ebd.

25Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 1.

26Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (17. April 2003), 53: AAS 95 (2003), 469.

Publikationsdatum: 2004-10-14

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Vatikan veröffentlicht Vorschläge für das „Jahr der Eucharistie“

VATIKAN, 14. Oktober 2004 

Der Vatikan hat ein neues Dokument mit Anregungen und Vorschlägen zur Gestaltung des Jahres der Eucharistie herausgegeben, das am Sonntag beginnt. Der 35 Seiten lange Text wurde am Donnerstag von der vatikanischen Gottesdienstkongregation veröffentlicht; er liegt derzeit nur in italienischer Sprache vor.
Aus dem Dokument „Anno dell’Eucaristia: Suggerimenti e Proposte“ (Jahr der Eucharistie: Anregungen und Vorschläge) geht hervor, dass der Papst den Ortskirchen die Gestaltung des Jahres der Eucharistie anvertraut. Gleichzeitig bat er, dass den für die Pastoral Verantwortlichen nützliche Vorschläge zur Gestaltung gegeben werden.
Im Dokument finden sich Anregungen für Bischöfe, Diözesen, Pfarreien, Wallfahrtsorte, Klöster und Ordensgemeinschaften, Priesterseminare und Ausbildungsstätten sowie für katholische Bewegungen und Vereinigungen.
Die Bischofskonferenzen werden aufgefordert, sich mit den dringlichsten Probleme in der kirchlichen Lehre und der Pastoral in ihren eigenen Ländern zu befassen. Genannt werden unter anderem der Priestermangel, der geringe Besuch der Sonntagsmesse und die mangelnde Möglichkeit zur eucharistischen Anbetung. Die Bischofskonferenzen sollten außerdem die Qualität von Fernseh- und Radioübertragungen von Messfeiern überprüfen.
Die eucharistische Anbetung müsse gefördert werden, und es solle vermieden werden, dass sich die Gläubigen mit einer vom Fernsehen übertragenen Anbetung zufrieden geben.
Die Bischöfe sollten außerdem Initiativen für den Beginn und das Ende des Jahres der Eucharistie fördern sowie das Thema an den Universitäten einbringen und landesweite eucharistische Kongresse unterstützen. Die Diözesen sollten den offiziellen Beginn und das Ende des Jahres angemessen feiern und unter den Menschen jene Heiligen bekannt machen, die sich durch eine besondere Liebe zur Eucharistie ausgezeichnet haben.
In dem Dokument werden die Diözesen außerdem ermutigt, sich mit dem künstlerischen Erbe zu befassen, das einen Bezug zur Eucharistie aufweist; außerdem soll die ständige Anbetung des Allerheiligsten Sakramentes verstärkt eingeführt werden; auch der Weltjugendtag, der auf diözesaner Ebene am Palmsonntag begangen wird, soll unter dem Zeichen der Eucharistie stehen. Eigene Rubriken zu diesem Thema sollen auch in Kirchenzeitungen und diözesanen Medien, im Internet und in lokalen Radio- und Fernsehanstalten eingerichtet werden, lautet ein Vorschlag.
Die Pfarreien werden unter anderem angeregt, der Musik in der Liturgie besondere Aufmerksamkeit zu schenken und den jüngsten Weisungen von Johannes Paul II. zu folgen. Es sei nötig, die vom Papst und vom Heiligen Stuhl erlassenen liturgischen Normen zu kennen und anzuwenden.
In den Wallfahrtsorten mögen der gregorianische Gesang und die eucharistische Anbetung gepflegt werden, heißt es in dem Dokument; außerdem solle den Pilgern die Möglichkeit gegeben werden, das Sakrament der Versöhnung zu empfangen.
Klöster und Ordensgemeinschaften wird vorgeschlagen, über die Qualität der eucharistischen Anbetung in ihren Gemeinschaften zu reflektieren. Sie sollten sich mit der eucharistischen Dimension im Leben und in den Schriften ihrer jeweiligen Gründer befassen. Außerdem sollten sie sich selbst überprüfen, inwieweit sie Zeugnis für die Eucharistie in ihren Tätigkeitsfeldern geben, etwa in Pfarreien, Krankenhäusern, Schulen und Gefängnissen.
Priesterseminare und Ausbildungsstätten werden ermutigt, die Verbindung zwischen theologischer Ausbildung und geistlicher Erfahrung des eucharistischen Geheimnisses zu pflegen und aufmerksam zu sein für die innerliche und äußerliche Teilnahme an der Feier der Heiligen Messe. Es sei außerdem eine Kenntnis von der liturgischen Theologie und dem Ritus der Heiligen Messe nötig sowie eine Vertrautheit mit dem gregorianischen Gesang und Latein.
Das Schreiben richtet sich auch an Gemeinschaften und Bewegungen. Das Jahr der Eucharistie rufe sie auf, ihre Statuten zu überdenken und gegebenenfalls zu erneuern. Außerdem möge das Jahr eine Anregung sein, der eucharistischen Anbetung mehr Zeit zu schenken und auch andere Menschen in eine Art eucharistisches Apostolat einzubinden. Es sei eine Einladung, das Gebet und den Dienst am Nächsten miteinander zu verbinden.

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