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Litauen

 

Litauen

 

Zusammenfassung

Litauen - ein Volk leidet!

Die gegen die Kirche gerichteten Aktivitäten

der Sowjetregierung in Litauen von 1944 bis 1990

 

Zwei_Predigten von S.E. Bischof Jonas Kauneckas, Wigratzbad am  7.10.2007

Nach der Okkupation Litauens musste das sowjetische Regime das Problem der Beziehungen zur katholischen Kirche lösen. Die mar­xistische Lehre erklärte Religion als eine Ideologie der jeweils herrschenden Klassen, welche in der kommunistischen Gesellschaft überwunden sein sollte. Aber noch mehr als Vertreter der Ideologie wurde die katholische Kirche von der Okkupationsmacht als ein großes Hindernis beim Sowjetisierungsprozess des okkupierten Landes verstanden. Daher ist der Konflikt zwischen Kirche und Sowjetmacht ein wichtiger Aspekt der neuesten Geschichte Litauens. In den Jahren und Jahrzehnten der Okkupation war die Gesellschaft Litauens zur Mehrheit katholisch und wenig säkularisiert, die Kirche hatte eine ausgezeichnete Organisationsstruktur. Im sowjetischen System konnten religiöse Institutionen nur unter der strengen Kontrolle staatlicher Behörden und meistens als Hilfsinstrumente der Macht überleben.

Die Schwerpunkte der Forschung waren: die Aktivitäten sowjetischer Machtorgane, der Kirche das oben genannte Modell auf­zuzwingen, die wichtigsten Formen der antikirchlichen Tätigkeit, die Modifizierungen der antikirchlichen Politik der Sowjetregierung und deren Ursachen, die Handlungsweise der Kirche angesichts repres­siver Gewalt. Eines der wichtigsten Probleme war die Motivation antikirchlicher Politik: In welchem Grad war sie bewegt von der Feindseligkeit gegen Religion überhaupt, inwiefern sah man hier eine Bedrohung für die Stabilität des Regimes. In der Forschung fand die für die Geschichtsschreibung übliche Methode der Beschreibung, des Vergleichs und der Analyse Verwendung.

 

 

 

 

 

Links: Der heutige Bischof von Panevezys / Litauen, S.E. Jonas Kauneckas, zeigt auf ein Bild im "KGB-Folterbunker": "Das hier bin ich!"... (Er selbst war seit seiner Entlassung aus diesen Schreckensbunker jetzt zu ersten Mal hier!).

Rechts: Schnell noch ein Foto. Das "KOMITEE FÜR DIE VERTEIDIGUNG DER RECHTE DER GLÄUBIGEN" am Gründungstag  13. November 1978

(... wenn sie "Sowjets" draufkommen..., wer weiss, ob man sich noch einmal trifft...). In der Mitte der heutige Erzbischof von Kaunas, S.E. Sigitas Tamkevicius, rechts aussen Bischof Kauneckas (damals junger Pfarrer).

 

 

 

 

Es fehlt in Litauen an wissenschaftlichen Arbeiten, welche die Kirchengeschichte in der Zeit der Okkupation thematisieren. Deshalb muss vor allem auf archivalisches Material zurückgegriffen werden.

Es lassen sich zwei Gruppen von Quellen nennen, die in der Forschung Verwendung fanden. Erstens: Dokumente der Ämter, die damals

Kontrolle über die Kirche ausübten und Maßnahmen antikirchlicher Tätigkeit planten. Dazu zählten der Rat für die Angelegenheiten religiöser Kulte (weiter im Text - RARK) in Moska

u, der Bevollmächtigte dieses Rates in Litauen, schließlich der KGB. Besonders wertvoll und informativ waren Archivakten des Bevollmächtigten jenes Rates, bestehend aus dessen Schriftwechsel mit dem RARK, de

m Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Litauens (weiter im Text - LKP) und anderer Ämter. Dokumente des KGB bilden den zweiten, umfangreichen Teil dieser Gruppe. Am wichtigsten waren Dokumente der Abteilungen, welche die Tätigkeit der Kirche unmittelbar kontrollierten, aber sie sind nicht komplett erhalten geblieben. Die entstandene Lücke füllen Akten der operativen Verfolgung von Bischöfen und Priestern. Eine informative Quelle sind auch die Untersuchungsakten der Repressalien aus­gesetzten Geistlichen. Eine andere Gruppe von Quellen bilden die Zeugnisse der Kirche über Ereignisse aus der Sowjetzeit, Dokumente der diözesanischen Kurien, Memoiren der Geistlichen, die aktiv am kirchlichen Leben beteiligt waren.

Der Forschungsbericht setzt sich aus vier Teilen zusammen, denen eine Einführung vorangestellt ist. Am Ende werden die Schlussfolgerungen gezogen, es folgt ein Anlagenteil. Der erste Teil untersucht die Genese des Zusammenstoßes zwischen der katholi­schen Kirche und dem Sowjetstaat in Litauen, wobei die allgemeinen Prämissen der sowjetischen Ideologie, die antireligiöse Tätigkeit in Sowjetrussland 1918-1939, die Rolle der katholischen Kirche während der Unabhängigkeitsperiode, der Zusammenstoß der Kirche mit dem sowjetischen Regime 1940-1941, die Haltung der Kirche der nazisti­schen Okkupationsmacht gegenüber analysiert werden. Ein solcher Kontext bietet die Möglichkeit, die Ausgangspositionen zu erfassen, die von großer Bedeutung für den Verlauf und den Ausgang des Konfliktes waren. Die Entwicklung der Beziehungen zwischen der Kirche und der Sowjetregierung von 1944 an kann man in drei Perioden verschiedener Dauer einteilen. Die erste Etappe, die bis Ende der vierziger Jahre andauerte, bildet das Untersuchungsobjekt des zweiten Teils des Forschungsberichts.

Repressive Maßnahmen waren die dominante Form der Tätigkeit gegen die Kirche in den Jahren 1944-1949. Aber diese Repressalien waren von unterschiedlicher Intensität. Ihren Gipfel erreichten sie 1948 und 49. Bis dahin bestand eine äußerst komplizierte Situation im Land, es existierte eine bewaffnete Untergrundbewegung, dazu die Bestrebungen sowjetischer Machtorgane, die Kirche zu einem Instrument der Stilllegung des Widerstandes und der Sowjetisierung des Landes zu machen und entsprechend Druck auszuüben. Aber die Bischöfe Litauens weigerten sich, zu Helfershelfern zu werden, und viele Priester sympathisierten mit der Widerstandsbewegung. Repressive Maßnahmen wurden auch als das geeignete Instrument betrachtet, der Kirche das sowjetische Modell für religiöse Verbin­dungen aufzuzwingen. Die Dokumente der zentralen sowjetischen Behörde zeigen, dass die negative Haltung zum Vatikan in Moskau, durchsetzt wiederum mit der traditionellen russischen Feindschaft gegenüber dem Katholizismus, nicht die letzte Ursache der schweren Lage der Kirche in Litauen war. In der stalinistischen Rhetorik galt der Heilige Stuhl als der geistliche Führer antikommunistisch ausgerichteter westlicher „Imperialisten", deswegen geriet die katholische Kirche auf den ersten Platz der Liste in der Sowjetunion diskriminierter Konfessionen. Es ist bemerkenswert, dass die Bemühungen der Okkupationsmacht, eine so genannte Volkskirche in Litauen zu etablieren, im Unterschied zu vielen osteuropäischen Ländern des Kommunistischen Blocks gar keinen Erfolg hatte. Man kann die dominierende Haltung der Kirche in dieser Etappe als eine Strategie des Überlebens bezeichnen. Kennzeichnend dafür ist die Bestrebung, den Forderungen der Macht nicht nachzugeben und mit ihr nicht zusammenzuarbeiten.

Der dritte Teil behandelt den Zeitraum von Beginn der Fünfziger bis Mitte der Sechziger Jahr. Die Stellung der Kirche änderte sich Ende der Vierziger Jahre, als immer klarer wurde, dass sich die politische Situation in der nächsten Zukunft nicht verändern wird, die bewaffnete Widerstandsbewegung nachließ und der Druck der Macht abnahm. Eine Haltung des notgedrungenen Zusammenlebens verstärkte sich, es gab Chancen für eine gewisse Verbesserung der Lage der Kirche zu Beginn der Fünfziger. Eine Initiative, die Diskriminierung der Katholischen Kirche zu stoppen und deren Lage zu verbessern, kam unmittelbar aus Moskau. Eine Voraussetzung dafür war der Wechsel der sowjetischen außenpolitischen Kon­zeption: Mitte der Fünfziger wurde von den sowjetischen Führern die Idee der „friedlichen Koexistenz" proklamiert. Die Vertreter der Sowjetmacht in Vilnius begegneten diesen Tendenzen der Milderung der antikirchlichen Politik ohne Begeisterung. Die örtliche Verwal­tung war der Festigkeit des Regimes in Litauen nicht gewiss. Zweifellos hing viel von den konkreten Personen ab. Der langjährige erste Sekretär der LKP, A. Snieckus und seine engsten Mitarbeiter waren typische Kommunisten der stalinistischen Epoche. Deshalb nahmen die Machthaber der Republik mit viel größerer Gewogenheit die neue Wendung der Religionspolitik Moskaus an.

Ende der fünfziger Jahre gab es wieder die Tendenz, die Tätigkeit religiöser Vereine und Organisationen zu beschränken. Sie berührte viel stärker die russisch-orthodoxe Kirche, die im Rahmen der ganzen Sowjetunion die zahlenmäßig stärkste religiöse Konfession war und in den letzten Jahren der Stalinära offensichtlich bessere Bedingungen als andere Kirchen hatte. In paradoxer Weise erfuhr die katholische Kirche in Litauen die geringsten Einbußen dieser groß angelegten antireligiösen Kampagne. Hier hatte die Tätigkeit von Papst Johannes XXIII. Einfluss, der einen neuen Kurs vatikanischer Ostpolitik einleitete. Die sowjetische Regierung versuchte dies auszunutzen, um die Beziehungen zum Vatikan zu verbessern.

Trotzdem begann die Kirche in Litauen, die Aussichtslosigkeit der Haltung des geregelten Zusammenlebens zu erfassen. Letztere war auf die Überzeugung gegründet, dass die Gehorsamsver­weigerung gegenüber der Macht die Umstände für die Existenz der Kirche nur verschlechterte. Die antireligiöse Kampagne hat klar gezeigt, dass die passive Haltung auch die Aggressivität des Regimes hervorrufen kann. Außerdem blieb nach dem Ende der antireligiösen Kampagne der Raum für religiöse Aktivität sehr beschränkt. Und die Anstrengungen des kommunistischen Staates, die Gesellschaft zum Atheismus zu erziehen, verringerten sich nicht, sie bekam nur eine andere Richtung. Statt die Kirche von oben, also von ihrer Organisationsstruktur her zu zerstören, begann man sie „von unten" zu attackieren, indem die atheistische Propaganda verstärkt wurde. Auch versuchte man, quasireligiöse säkulare Riten für Taufe, Vermählung und Beerdigung einzuführen. Das weckte die Sorge, dass das Regime im Laufe der Zeit, sollte die Kirche passiv bleiben, seine Ziele erreichen könnte. Die Beschlüsse des zweiten Vatikani­schen Konzils hatten Anteil an der Änderung der Haltung der Kirche zur Sowjetmacht.

Die Protestbriefe, die verfasst wurden, um die Rechte der Gläubigen zu respektieren, waren Ende der Sechziger Jahre die ersten Zeichen einer neuen Haltung, die forderte. Später wurde daraus eine mächtige Bewegung für die Rechte der Gläubigen und der Kirche, die sich als stärkste Kraft der allgemeinen menschenrechtlichen Bewegung in Litauen erwies. Ihr Hauptaugenmerk richtete sie auf Bemühungen, das Monopol der Informationskontrolle aufzubrechen. Im vierten Teil des Forschungsberichts wird beschrieben, mit welchen Methoden die Sowjetregierung die Bewegung für die Gläubigen Rechte zum Stillstand zu bringen versuchte. Man wagte nicht, der Bewegung allein mit Repressalien zu begegnen. Die Verfolgung von Aktivisten wurde mit begrenzten Zugeständnissen gegenüber der Kirche verbunden. Fazit: Das Regime begann allmählich Boden zu verlieren, aber es stand bis zu seinem Ende mit der Kirche in Konflikt.

Diesen Konflikt hat die Kirche letztendlich gewonnen, wenn auch nicht ohne schwerwiegende Folgen. Die Behinderung des Bildungs­prozesses von Priestern, die Beschränkung der Kontakte zur universalen Kirche behinderten lange Zeit die notwendige Er­neuerung. Die ständige und massive atheistische Propaganda und der Isolation der Kirche von der Gesellschaft schränkte die Möglich­keiten eines lebendigen und bewussten Glaubens ein. Man kann behaupten, dass während der sowjetischen Okkupation sich eine Generation ohne Gott etablierte. Die traditionelle Treue, die dem verfolgten Glauben entgegengebracht wurde, war, ähnlich wie die litauische Sprache, ein Fixpunkt nationaler Identitätsfindung, daher blieben die Mehrheit der Litauer Katholiken.

 

 

Zwei Predigten

Liebe Schwestern und Brüder,

 

es entbehrt nicht einer gewissen Symbolkraft, das ich heute hier sein darf.  Ich will hier, an der Wallfahrtsstätte  „Maria vom Sieg“, der Muttergottes danken.

 

Nach vielen, vielen Jahren der Verfolgung hat der Glaube in Litauen erneut gesiegt. Spuren für diesen Sieg wurden schon in der Sowjetzeit gelegt. So hat der für diese Wallfahrtsstäte zuständige Bischof von Augsburg, Josef Stimpfle, uns damals so viel geholfen. Er hat das Drucken des Neuen Testaments in Österreich in der Zeit der  Sowjetherrschaft  für Litauen organisiert. Er hat im Sowjetgefängnis den Strafgefangenen und Glaubenskämpfer Pater Alfons Svarinskas besucht. Er hat unserem Exilbischof eine Bleibe in Bad Wörishofen gegeben.

 

Aber am meisten erfuhren  wir Hilfe durch die Gottesmutter Maria. Sie wissen doch, dass nach dem Zweiten Weltkrieg Litauen mit vielen anderen Völkern in sowjetische Besatzung geriet. Aber es war in meinem Land Litauen viel schwieriger als in den anderen Ländern Ost-Europas,  die zwar im Ostblock leben mussten, jedoch nicht Teil des Sowjetreiches waren!

Die Sowjets haben ein Drittel der Litauer nach Sibirien verschleppt, Tausende wurden in Kerkern getötet. Der Glaube war unterdrückt und blutig verfolgt. Wir hatten keine katholische Presse, keine Hl. Schrift. Die Klöster und Priesterseminare wurden vernichtet. Es war nur ein Priesterseminar für das  ganze Land zugelassen. Und dasselbe mit streng limitierten Aufnahmezahlen belegt: Nur 5 Seminaristen pro Jahr. Ich selbst bekam keine Erlaubnis, ins Priesterseminar einzutreten, was ich dreizehn Jahre erfolglos versuchte.

 

Aber ganz Litauen hat indessen um seinen Glauben und um sein Volk gerungen. Wir hatten 10 Jahre lang im Partisanenkampf gegen die  große Übermacht  UdSSR durchgehalten! Wir hatten Bücher im Untergrund mit der Hand oder mit der Schreibmaschine vervielfältigt. So haben wir trotz strengstem Verbot viel über Lourdes und Fatima gehört. Ganz besonders war diese Nachricht Marias in Fatima für uns sehr teuer: „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren.“ Wir haben vom Rosenkranzsieg in Österreich über die sowjetischen Besatzer gehört. Das war die große Hoffnung auch für uns! Wir hatten in allen Siedlungen Marienandachten und beteten den Rosenkranz. Die vertriebenen Litauer in Sibirien hatten dieselbe Hoffnung.

 

1968 haben wir in Radio Vatikan gehört: Pater Pio habe im Geist von Fatima vorausgesagt: das kommunistische Russland würde sich bekehren und mit der Glaubensverfolgung wird erst dann Schluss sein, wenn die Zahl der Mitglieder der Blauen Armee Mariens in der Welt die Zahl der Kommunisten erreicht. Damals waren 25 Millionen Kommunisten und ungefähr 20 Millionen Mitglieder der Blauen  Armee Mariens. Das spornte uns an,  das Rosenkranzgebet immer mehr zu verbreiten.

 

Persönlich stellte ich damals folgende Überlegung an, und mit solchen Gedanken trösteten wir uns: Der russische Zar hat die litauische Schrift im 19. Jahrhundert verboten. Ohne Schrift sind wir 40 Jahre lang gewesen. Aber das war das 19. Jahrhundert. Die Kommunisten haben die Religion und das katholische Schrifttum in der Mitte des 20. Jahrhunderts verboten. Das 20. Jahrhundert ist viel moderner als das 19. darum müsste diese Verfolgung eigentlich viel kürzer sein... Das habe ich immer gepredigt und die Christen damit getröstet. Als ich im Jahre 1977 zum Priester geweiht wurde sagte ich  Die Freiheit des Glaubens kommt, sie kommt bald! Die Gläubigen haben mich gefragt, woher ich das wisse, wer mir das sagte. Meine Antwort war immer denkbar einfach: Von der Heiligen Gottesmutter in Fatima. Sie hat den Sieg des Glaubens versprochen. Daraufhin wurde ich Mitglied des Katholischen Komitees für die Verteidigung der Rechte der Gläubigen. Eine sehr gefährliche Arbeit im Untergrund – aber meine Hoffnung auf die Befreiung war grösser und stärker als die Angst!

 

Damals war meine Schwester Chefbuchhalterin in einer Bank. Eines Tages kamen die KGB-Leute (die sowjetische Gestapo)  zu ihr und sagten: Dein Bruder sollte das Priesteramt aufgeben, ansonsten könnten wir dich kaputt machen. Nach dieser Ankündigung kamen die KGB-Leute jede Nacht und klopften an Fenster und Türen, um meine Schwester zu zermürben, damit sie Einfluss nehme  auf mich, das Priesteramt zu verlassen.  Meine Mutter, die bei der Schwester wohnte, wurde sehr bald nervenkrank. Die Schwester konnte ohne Schlaf nicht lang arbeiten. Sie suchte Hilfe beim Arzt, um einige Tage von der Arbeit frei zu bekommen. Aber der Arzt sagte ihr eindeutig: Die Arbeit, nur die Arbeit macht dich gesund und entließ sie. Sie kehrte zur Bank zurück. Noch am selben Tag kamen Sanitäter, steckten sie in einen Krankenwagen und brachten sie in eine Nervenklink. Der behandelnde Arzt muss sie wohl an die KGB verraten haben. Von dort kehrte sie nach einem Monat heim, jedoch durch die vielen absichtlich verabreichten Medikamente körperlich völlig zerstört, konnte sie nur noch auf allen Vieren, Händen und Füssen, kriechen und konnte nie wieder zur Arbeitsstelle zurückkehren. An eine Rente durfte sie unter diesen Umständen erst gar nicht denken!

Und ich? - Ich habe meine Arbeit im Untergrund weiter verrichtet. Dabei zählte ich immer wieder und rechnete, wie groß wohl die Zahl der Kommunisten  und der Marienverehrer in der Welt schon sei.

Und was meinen Sie, in welchem Jahr die Zahl Kommunisten durch die Zahl der Mitglieder der Blauen Armee Mariens erreicht wurde?  Wir Litauer sind davon  überzeugt: Zu Neujahr 1989!  Denn zu dieser Jahrwende wurde mit der Glaubensverfolgung in der UdSSR Schluss gemacht. Es begann die sogenannte Perestroika. Es war der Anfang des Sieges des Unbefleckten Herzens Mariens in unserem Land!

 

Im Jahre 1990 haben wir die Unabhängigkeit Litauens errungen. Obschon einer wirtschaftlichen Blockade seitens der Sowjetunion unterworfen: Kein Gas im Winter, kein Erdöl, kein Strom… stattdessen hat die  Sowjetunion nach Litauen immer mehr Soldaten und Panzer geschickt. Und wir standen da ohne Waffen, nur mit dem  Rosenkranz in der Hand.

Damals hatten die meisten von uns schon über die berühmte Rosenkranzrevolution auf den Philippinen gehört. Auch wir setzten unsere Hoffnung auf den Rosenkranz!

 

Nach den spanischen, japanischen und amerikanischen langjährigen Besatzungen wurden die Philippinen endlich unabhängig. Aber der 1. Präsident, Marcos, war ein Diktator. Er hat den Oppositionsführer Akino töten lassen. In den Medien wurde zwar zu gegebener Zeit  über den Sturz des diktatorischen Marcos-Regimes berichtet, aber nur weniges über die eigentlichen Hintergründe. Es war kein Zufall, dass das marianische Jahr 1985, welches die philippinischen Bischöfe eigens von Rom erbeten hatten, als ein Jahr der Bekehrung, Hingabe und Sühne der Rosenkranzrevolution vorausging. Alles begann im Februar, als sich die gewaltigen Menschenmassen mit dem Rosenkranz in der Hand, gegen die Militärdiktatur von Marcos erhoben. Innerhalb von 4 Tagen beteten zwischen 3 und 4 Millionen Philippinos Tag und Nacht auf den Straßen der Hauptstadt Manila und feierten dort auch das Hl. Messopfer. Militärtruppen wollten die Menschenmenge zerstreuen, doch mit hocherhobenen Rosenkränzen zogen die Gläubigen betend und singend den Panzern entgegen. „Noch nie wurden in Manila und im ganzen Land so viele Rosenkränze gebetet, wie in diesen 4 Tagen im Februar“, bezeugte ein junger Jesuitenpater, der am 2. Revolutionstag zum Priester geweiht worden war und seine erste Hl. Messe zwischen Panzern und betendem Volk feierte. Es spielten sich erschütternde Szenen ab. Viele Soldaten stiegen von ihren Panzern herunter und wurden selber zu Betern, nachdem ihnen Blumen als Ausdruck des Friedens und der Brüderlichkeit hinaufgereicht worden waren. Es gab keine Toten. Am 25. Februar musste Marcos kapitulieren. Es war genau am Fest „Unsere liebe Frau vom Sieg!“

 

Dieser Vorfall diente uns als gutes Beispiel. Anfang Januar 1991 hat die kommunistische Regierung damit gedroht, wenn unser Parlament weiter wirkt, werde sie mit Gewalt Schluss machen.  Unser damaliger Parlamentsvorsitzender  Vytautas Landsbergis richtete daraufhin einen Aufruf  an alle Litauer, in die Hauptstadt Vilnius zu kommen um friedlich, ohne Waffen, das Parlament und den Fernsehturm zu verteidigen. Hunderte, ja Tausenden sind zum Turm und zum Platz beim Parlament gekommen.

Haben Sie vielleicht über den 13. Januar 1991 gehört? Die Kommunisten beorderten die Panzer zum Fernsehturm gegen das Volk. Es waren 13 Tote und achthundert Verletzte zu beklagen. Das Fernsehen Litauens hat daraufhin die kommunistische Propaganda wieder gesendet. Es wurde durch Fernsehen, Radio und Lautsprecher verkündet: alle sollten vor dem Parlament abzie

 

 

hen, denn die Panzer kämen. Aber 2-3 Hunderttausend  beteten weiter den  Rosenkranz oder sangen Lieder. Und die Panzer hielten an. Sehr bald begannen in der Welt Proteste gegen das Vorgehen der Sowjetarmee, doch nur das kleine Island hat sich beeilt, die Unabhängigkeit Litauens offiziell sofort anzuerkennen. Nach und nach erst meldeten das auch andere Länder

 

Litauen!

 

 

Du hast deine Freiheit durch den Rosenkranz bekommen! Das wissen wir heute alle und danken der Muttergottes für die so sichtbare Erfüllung ihres Versprechens, dass man mit dem Rosenkranz sogar Kriege verhindern und gewinnen kann!

Wir Litauer werden immer treue Marienkinder sein!

 

Bischof Jonas Kauneckas

Panevezys/Litauen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Mitchristen!

 

Wie können Sie das Litauen von anderen Ländern unter­scheiden? Welches besondere Merkmal, welches Unter­scheidungszeichen werden Sie bei Ihrem Besuch in Litauen fin­den?

Ein litaui­scher (kommunistischer) Schriftsteller, Baltusis, gibt uns eine treffende Schilderung in seinen Kindheitser­innerungen und beantwortet damit unsere eben gestellte Frage. Darin beschreibt er folgende Szene:

Er kehrte mit sei­nen Eltern aus Riga in Let­tland in die Heimat zurück.

Mit Pferd und Schlitten.

Es ist tiefer Winter.

Viel Schnee und eine beißende Kälte!

Es schneit ohne Unterlass.

Plötzlich hält der Vater das Pferd an. Die Mut­ter schreit: "Was machst du denn? Bitte fahre doch! Wir werden erfrie­ren!"...

Der Vater antwor­tet: "Schau, das Kreuz! Schau doch, Mutter; schaut alle! Das Kreuz! Wenn das Kreuz da ist, so ist das schon Litauen!".

 

Es war verboten, in der Sowjetzeit über das Kreuz zu schreiben. Dennoch stammen diese Worte aus der Feder eines Kommunisten. Auch er hat kein anderes Erkennungszeichen für Litauen gefunden...

 

Drei Kreuze begleiten den Litauer immer: Ein Kreuz an der Wand im Zimmer, das andere am Tor des Hauses und das dritte an der Straßenkreuzung. So war es in Litauen zumindest vor der sowjetischen Besatzung unseres Landes. Die Statistik weiß darum, dass an den litauischen Straßen ein Kreuz jede 50 Meter stand, das sind 20 Kreuze pro Kilo­me­ter!

 

Die Sowjets haben ein Freilicht­museum Litauens ge­baut. Und in jedem litauischen Bauernhof wurden diese 3 Kreuze angebracht, sonst hätten alle Besucher gesagt: Das ist nicht Litauen!

Die Sowjets haben Millio­nen Kreuze vernichtet. Der weltbe­rühmte Kreuzberg wurde beispielsweise  achtmal vernichtet. Doch eines konnte die So­w­jets nicht, nämlich alle Kreuze Litauens vernichten. In al­len Friedhöfen und Zimmern, so­gar an den Straßen haben wir immer wieder nach deren Abriss neue Kreuze erbaut.

 

Unser Volk lebt, was der Apostel Paulus meinte wenn er schrieb: „Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unsere Herrn, rühmen!“ (Gal 6,14).

 

Nun, so ist es von außen gesehen. Aber wie ist es mit dem litaui­schen Geist?

Die ganze Welt zog über unser Land hinweg und hat ein Jahrtau­send lang versucht, den litaui­schen Geist zu ver­nichten: Die Kreuzritter, Germanen, Rus­sen, Deutschen, Schweden, Polen, sogar Mon­golen haben Jahrhunderte gegen die Litauer gekämpft. Das Land Litauen war einmal groß, so­gar sehr groß: Es reichte vom Baltischen Meer bis zum Schwarzen Meer. Nur ein kleiner Teil davon ist bis heute für Li­tauen übriggeblieben.

Ein litaui­scher Naturfor­scher hat diese schwerwiegenden Worte niederge­schrieben: „Im Land Litauens ist es gefährlich zu leben".

Im mo­dernen zwanzigsten Jahr­hundert sind wir ohne Schrift angekom­men: Die litauische Schrift war durch russische Zaren 40 Jahre lang völlig verboten. Kein Volk in der Welt hatte so ein Schicksal.

Litauen war vielmals nicht nur besetzt, ver­nichtet sondern auch verkauft: Zuletzt noch in der Mitte des 20. Jahr­hun­derts durch den deutsch-­russi­schen Pakt.  Im Kaufvertrag kostete jeder Li­tauer 7 goldene Deutsche Mark. Wo in der Welt fin­den Sie ein anderes Volk, das zusammen mit seiner Heimat verkauft wurde?  Und das geschieht beinahe im geo­graphi­schen Zentrum Eu­ropas!

 

Was hast Du Eu­ropa dagegen getan? Niemand protestiert in der Welt! Die christliche Welt hat für die Verteidigung des ver­kauften Litauens auch nicht ge­kämpft? Und Folge war verheerend!

Bis zur Ende des 20. Jahr­hunderts war bei uns erneut der Glaube völlig verboten. So sind wir in die Unabhängigkeit vor 17 Jahren ohne Gebetbücher und ohne der Heiligen. Schrift angekommen. Und schauen Sie, dennoch sind nach so kurzer Zeit 80% unseres Volkes wieder katho­lisch, 90% sind getauft und gefirmt. Die Kreuze stehen wieder in und an jedem Haus. Maian­dachten werden in jeder Sied­lung abgehalten.

Ich erinnere mich noch an meine Ju­gendzeit, wo alle, die im Kolchosdorf arbeiteten, trotz Verbot zu den Marien-Andachten eilten, keiner blieb zu Hause.

Dabei hatten wir alle nur handgeschriebe­ne Gebetbücher!

 

Unser Land beherbergt den einzigen Lreuzberg der Welt - ein Uni­kum der Welt! Der Heilige Vater, Johannes Paul der Zweite, hat uns dafür gedankt  beim Besuch in  Litauen 1993. [neunzehnhundert dreiundneunzig].

 

Unsere Fahne ist gelb, grün, rot,  das bedeutet Glaube, Hoff­nung und Liebe. Der amerika­nische Kardinal Cu­shing sagt: „Den Glauben der Li­tauer konnte niemand in der Welt überholen."

 

Und dennoch ist die Frage gerechtfertigt: Ist der Litauer wirklich so stark?

Der russische Schriftsteller Ehrenburg hat diese Frage so beantwortet: „Schlecht kannten den litaui­schen Geist, die die Litauer zu siegen versuchten. Der Li­tauer ist still, aber seine Stille ist so stark wie das Ei­sen. Er ist still, aber er unter­wirft sich nicht, er verbeugt sich nicht. Der Litauer kann >Nein< sagen und sein >Nein> kann man nicht zerbrechen. Solcher Art sind die Hochlitauer.

Aber die Niederlitauer sind starker als ein Stein. In Li­tauen lacht man;  den Niederli­tauer kann man nicht bestrei­ten, den Niederlitauer kann man nicht beugen, den Niederlitauer kann man nicht einmal verbrennen."

 

Woher kommt solche Stärke? Wir sind durch Kreuz, durch Christi Blut stark.

Als die russischen Gendar­men die Kirchen Litauens zu vernichten versuchten, haben die Li­tauer bis zur Blutvergießen dagegen ge­kämpft.

Ein Vater kehrte bei­nahe totgeschlagen, blu­tüberströmt nach Hause. Er wäscht sein Gesicht. Das Wasser im Geschirr bleibt dunkelrot wie Blut. Die Mutter ruft die Kin­der: „Schaut, Kinder, wie Christi Blut! Christi Blut garantiert, dass wir siegen werden“.

Also wir hatten unsere Hoffnung immer auf Christi Kreuz und Blut gesetzt. Und wir haben viele große Gegner unseres Volkes besiegt.

 

Und die Zukunft?

Liebe Brüder und Schwes­tern,

ich habe Angst wegen der Zu­kunft Litauens. Nie zuvor hatte ich Angst. Ich war Kämpfer in der Sowjet­zeit, ich war Mitglied des Komitees für die Verteidi­gung der Rechte der Gläubi­gen. Ich hatte damals nie Angst gehabt! Wusste ich  doch, mit Gewalt kann man uns nicht besiegen.

Aber jetzt habe ich Angst. Der so schreckliche Li­beralismus ist auch bei uns ange­kommen. So viel Unsittlichkeit. So viele Prostituierte. Und all das, weil es materiell für die Litauer viel schlimmer geworden ist als je zuvor.

Viele Bettler, viele Arbeitslose!

Unsere einzige Hoffnung, die uns geblieben ist, ist das Gebet. Bitte beten Sie auch für uns! Wir wollen auch im Kapitalismus stark bleiben! Stark im Glauben, stark mit dem Kreuz, stark mit der Marienverehrung, mit dem Rosenkranz in der Hand.

Die Gottesmutter verspricht in Fatima: Mit dem Rosenkranz könnt ihr siegen! Man betet den Rosenkranz in Litauen in jeder Kirche, vor der Messe, an jeden Sonntag und in vielen Kirchen sogar täglich.

 

In der Hl. Schrift lesen wir, wenn in Sodom und Gomorrha zehn treue Leute geblieben wären, so würden diese Städte nicht verloren gehen   Es gibt in Litauen in jeder Siedlung mehr als zehn Fromme und Treue.  Jeden Sonntag gibt es in allen Kirchen  Aussetzung des Allerheiligsten und Anbetung. Da beten Hunderte, ja Tausende vor dem Allerheiligsten...

Darum bin ich davon überzeugt, dass nach einer schrecklichen atheistischer Besatzung in Litauen der Glaube sie­gen wird!

Ich habe diese Hoffnung.

Amen.

 

Bischof Jonas Kauneckas

Panevezys/Litauen

 

Predigt im Hochamt am 7. Oktober 2007, 14.00 Uhr, in Wigratzbad

 

 

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