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"Er ist nicht hier - Er ist auferstanden!*

ER IST HIER - WEIL ER AUFERSTANDEN IST!

Mediationsgedanken. Von der Eucharistie zur Auferstehung

 

1. Ende und Neuanfang

 

Gründonnerstag „Das ist mein Leib für euch hingegeben"

Es ist Abend geworden an diesem letzten Donnerstag des irdischen Lebens Jesu. In seinem Herzen aber beginnt umso stärker das neue Licht der Erlösung von Stunde zu Stunde intensiever zu strahlen. Es ist der Abend, den Jesus ganz ohne Vorbehalte in die Hände seines Vaters legt.

Aber es ist auch der Abend, der den Tag nicht nur in der Abenddämmerung versinken liess, sondern auch im Herzen eines Verräters Gestalt annimmt. „Ich zwinge ihn, Farbe zu bekennen" – wird er sich wohl gedacht haben. Von Jesus hat er das nicht gelernt, denn der Heiland zwang niemanden!

Nach dem Weggang des Verräters – die „Stunde Null" für die neue Zeit der Gnade hat geschlagen – setzt Jesus, der ewige und göttliche Hohepriester das alte Priestertum ausser Kraft und ein neues ein! In diesem Augenblick endet das Alte Testament und das Neue Testament nimmt seinen Lauf. Erst einige Minuten alt, stiftet der „Neue Hohepriester" sein Opfer der ewigen Gegenwart in der Hl. Eucharistie.

Der Priester muss Opfer darbringen. So war das im alten Priestertum, das ja auch in der Anordnung Gottes seinen Ursprung hatte, und so ist es im neuen Priestertum. Der Gang der Apostel mit Jesus in den Garten Gethsemani ist das „Introibo ad altare Dei" dieses Opfers. Das Stufengebet Jesu vor seinem Opfer schlechthin!

Das erste Opfer des Neuen Bundes im Blute Christi nimmt seinen Lauf. Beide zusammen genommen: Die Einsetzung des neuen Priestertums im Abendmahlssaal und das Kreuzesopfer Jesu sind Ursprung und Fundament der Möglichkeit, das Kreuzesopfer Christi tagtäglich auf unseren Altären zu erneuern. Keine Erinnerung – sondern Realität, denn was Gott tut, das endet nicht! So ist das Kreuzesopfer heute noch in der ewigen Zeitlosigkeit Gottes genau so präsent, wie es vor 2000 Jahren auf Golgotha war!

 

2. Karfreitag. „Vater, vergib ihnen!"

 

Denken wir noch einmal an irgend einen Tag zurück, wie ihn Jesus in Kapharnaum oder sonst einer Stadt verbrachte. Ein Wundertäter, ein Tröster der Betrübten, Hoffnung für die Kranken und Befreiung für die Sünder. Wenn dieser Mensch einmal stirbt, so dachte sich gar mancher, wird das ganze Land untröstlich weinen und trauern.

Und jetzt die Überraschung! Er stirbt den gräulichsten Verbrechertod und alle Schichten der Bevölkerung haben sich eingefunden, um ihn zu verhöhnen und zu lästern. Das Volk aber stand da und schaute zu. Kreuzigung auf Golgotha!

Als es in Jerusalem ruchbar geworden war, daß der Prophet von Nazareth mit dem Kreuze beladen zur Schädelstätte geführt wird, da erscholl wohl in manchem Hause Jerusalems der erregte Alarmruf: Kommt schnell, drei Verbrecher werden gekreuzigt; da gibt's was zu schauen. Wie sie laufen! Wirklich, sie haben sich einen guten Platz ergattert. Die meisten stehen teilnahmslos da und schauen. Wohl geht es ihnen auf die Nerven, aber Nervenkitzel haben sie ja gesucht. Und als ihnen die Sache langweilig wurde, gingen sie heim mit dem Gefühl, mal wieder etwas erlebt zu haben.

Dieses Volk von Jerusalem lebt heute weiter. Man macht es heute genauso, nur werden in unseren Tagen statt einer Kreuzigung andere Anlässe und Personen herhalten müssen. „Das Volk stand da und schaute". Gedankenlos und mit kindischer Schaulust behandelt man das Allerheiligste, das Ehrwürdigste, das Göttliche.

Wie Dolchesschärfe schneidet dem allwissenden Gekreuzigten solche gedankenlose Schaulust durch die Seele. Das Kind des Vaters wird sich beim Anblick dieser Schaulust immer wieder sagen müssen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Das ist die Antwort auf solcherlei Entweihungen und Gedankenlosigkeit.

Aber es gibt außer den passiven Schaulustigen auch noch die anderen. Die Zweifler. Unter den zahllosen Scharen, die während des Passahfestes bei allen Toren der Stadt ein- und ausfluten, naht soeben eine Gruppe Menschen. Sie sind betroffen: Drei Gekreuzigte! Der in der Mitte ist Jesus von Nazareth. Also doch ein Betrüger? Hätte man ihn ansonsten gekreuzigt? Können unsere Wortführer, unsere Priester sich irren? Ich habe es doch schon immer gesagt..." Halb in sich versunken, von Zweifel gequält, sein Haupt enttäuscht neigend, sagt einer: „Ei, der du den Tempel Gottes zerstörst und ihn in drei Tagen wieder aufbaust, hilf dir nun selbst!"

Diese bissigen Spottworte hört auch die unterm Kreuz stehende Mutter Jesu; ein unbeschreibliches Weh krampft das Herz zusammen.

Eine dritte Gruppe nähert sich dem Kreuz. Sie drängen sich soweit vor, wie die Soldaten dies zulassen. Sie scheinen ein Interesse zu haben, je näher beim Gekreuzigten zu sein. Er sollte sie, wenn wie reden, auch hören können. Was treibt die kleine Schar von Schriftgelehrten, Priester, Ältesten und Pharisäer am heißen Mittag an diese Stätte des Fluches hinaus? Sie gleichen gefräßigen Raubvögeln, die ein sterbendes Tier solange umkreisen, bis es in den letzten Zügen liegt, um es dann mit ihren großen Schnäbeln zu zerhacken. „Ja, andern hat er geholfen, sich selber kann er nicht helfen!" Diese verächtlichen Worte hat der Sprecher wohl absichtlich mit lauter Stimme gesagt, damit sie gehört werden, von dem da oben am Kreuze und von der Sippschaft um das Kreuz herum. Der zweite stimmt ein: „Er hat auf Gott vertraut, der erlöse ihn nun, wenn er ein Wohlgefallen an ihm hat. Er erlöse ihn nun!"

Wovon? Von der Kreuzesqual! Sie betrachten die Nägel, durch die Pfosten getrieben und an der Rückseite ins Holz hineingezogen, und triumphieren: Da kann er nicht mehr los! Auch der Hohepriester, Kaiphas, wird eigens als Spötter unterm Kreuz erwähnt. Man kann sich gut vorstellen, daß er, alle Welt übertrumpfen wollend, sich vordrängt: Laßt mich hin! - Den Hohenpriester lassen die Soldaten durch. Jetzt tritt er unmittelbar unters Kreuz. So wie er in der vergangenen Nacht Auge in Auge vor Christus stand, so steht er jetzt wieder da. Als Sieger. Am Kreuze sollte Jesus die Todesfrage noch einmal vernehmen. Drohend und theatralisch emporschauend ruft er seinem wehrlosen Gegner zu: „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann steige herab vom Kreuze - und wir werden an dich glauben!" Der Hohenpriester hat's gesagt. Wenn nicht alles Betrug und Lüge war, muß der Himmel jetzt Zeugnis geben. Alles blickt unwillkürlich zum Kreuz empor. Vielleicht fährt einem der sonderbare Gedanke durch den Kopf: Wenn er jetzt wirklich niederstiege...

Eine leise, kaum bemerkbare Kopfbewegung des Gekreuzigten ist die Antwort. Sein Auge scheint den Himmel zu suchen, seine Lippen bewegen sich: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Sank die erhobene Faust des Hohenpriesters ob solcher Worte? Hat er es noch gewagt, ein weiteres Spottwort hervorzubringen? Hat er die Worte Jesu richtig deuten können? Begriff er nun, daß Jesus sich auch am Kreuz eindeutig als den Sohn des Vaters ausgibt; so, wie er es am Abend zuvor bei seinem Verhör durch den Hohenpriester tat? Ahnte er es, daß seine Aufgabe, seine Sendung soeben abgelaufen ist, da ein neues Priestertum am Abend zuvor eingesetzt wurde?

„Wenn er der Sohn Gottes ist..." lautete die Provokation dem Gekreuzigten gegenüber. Jesus aber gibt erneut eine viel weiter reichende Antwort, als es dem Fragenden recht ist. Indem er zum Vater um Vergebung betet, bejaht er seine Gottessohnschaft und bekräftigt seine einziggültige Mittlerschaft beim Vater. Der für seine höhnenden Feinde noch in Todesnot betende Heiland hat sich ganz auf den Vater verlassen. Ohne Wenn und Aber. auch angesichts der schnell dämmernden Nacht des Todes. Er wird daher für die ganze Menschheit und alle kommenden Generationen das Beispiel der bedingungslosen Hingabe an den Willen den Vatergottes sein; ein Beispiel, das die Menschen bisher nicht erahnen konnten, das aber fortan zu den kostbarsten Juwelen heroischer Liebe gehört. Es war diese Ganzhingabe an den Vater, ein wahrhaft göttlicher Funke, der in dieser beginnenden Todesnacht des Heilands am Kreuze aufleuchtete.

Maria aber stand unter dem Kreuze und „bewahrte alles in Ihrem Herzen!" „Sie stand!" Das sagt alles über die Gottesmutter! Sie stand zu ihrem Ja, vor dreiunddreisig Jahren gegeben; sie stand zu Ihrem 12-jährigen Sohn in Jerusalem; sie stand in Sorgen und Seelenqualen bei all den Verleumdungen gegen Jesus; sie stand am Kreuzweg – und sie stand unter dem Kreuz. Maria „stand!"

 

Gebet

Daß sterbend ich den Weg zum Himmel finde

Sprich du vom Kreuz, wie einst auf Golgotha:

„Verzeihe, Vater, deinem blinden Kinde!

Das nichts von Ewigkeit und Himmel sah!"

Ein Blümchen war's, das nur im Dunkeln blühte,

Doch weißt Du, daß sein Herz in Liebe glühte.

 

Ein treues Kind der Mutter will ich bleiben,

der mich das Heilandswort so warm empfahl.

Will mich mit Leib und Seele ihr verschreiben,

solang ich walle hier druchs Tränental;

bis daß im Tod die Erdenschatten sinken,

bis sich ob meinem Leib der Hügel schließt;

bis mir des Paradieses Pforten winken

und liebend meine Mutter mich begrüßt.

 

 

2.1. „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist"

Die kahle Hügelspitze, die Finsternis, drei Kreuze, die gespensterhaft aufragen, daran drei lebende Menschen genagelt - man sieht sie kaum, aber man hört ihr Stöhnen und Seufzen. Der in der Mitte ist still geworden. Seit mehr als zwei Stunden hat er nichts mehr gesprochen. Dann kommt sein Ende, eingeleitet mit dem schrecklich klagenden Ruf der ersten Worte eines Psalms: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

 

Gebet

Heil’ges Kreuz sei hochverehret

Kreuzstamm Christi, meines Herrn!

Einstmals sehn wir dich verkläret

strahlend gleich dem Morgenstern.

Sei mit Mund und Herz verehret

Kreuzstamm Christi, meines Herrn!

 

Dies laute Gebet hat die Umgebung wieder in Aufregung versetzt. Man drängt sich näher ans Kreuz. Freund und Feind. Dann kommt die Szene mit dem Essig. Dann wird es wieder still. Aber die Vorboten der nahenden menschlichen Auflösung zeigen sich bereits: Bleierne Totenblässe, der zuckende Mund, die krampfhaften, zitternden Bewegungen des ganzen Körpers, der kalte Schweiß. Das Herz zuckt in starken, unregelmäßigen Schlägen. Man erwartet einen letzten, leisen Seufzer.

Noch am Abend zuvor rang er um die Erfüllung des Willens seines Vaters (vgl. Mt 26,42). Diesen zu erfüllen ist er gekommen (vgl. Joh 4,34). Einiges von dem, was die Schriften des Alten Bundes über den Messias schrieben, war noch nicht in Erfüllung gegangen, insbesondere jene Aussagen, die in Psalm 22 aufgezählt werden. Jetzt, am Kreuze erhöht, sieht er, wie die Menschen auch diese letzte Prophezeiung erfüllen. „Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf: 'Er wälze die Last auf den Herrn, der soll ihn befreien...' Sie durchbohren mir Hände und Füße, man kann alle meine Knochen zählen... sie verteilen unter sich meine Kleider..."

Dem Vater dankend, daß auch diese Worte in Erfüllung gehen, erinnert er sich des Psalms und beginnt ihn laut, zum Zeugnis für jene, die unterm Kreuze stehen, zur beten. Doch die Kraft reicht nur für die erste Zeile. Nun ist alles erfüllt. Mit einer plötzlichen Anstrengung hebt er sein Haupt zum Himmel, die Augen suchen die Weite und durchbrechen Wolken und Finsternis; mit bleicher Lippe und blutiger Zunge schöpft er aus dem innersten Grunde seiner Brust den letzten starken Atemzug zum Doppel-Todesschrei: „Es ist vollbracht - Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!"

 

Gebet

Es bohrt die Scham! Man raubt Dir die Gewande,

und lässt Dich nackt am Hügel droben stehn.

Der Feinde Lästerzunge fügt zur Schande

den grimmen Spott: O seht, was hier geschehn!

Durchstich auch mich mit Deinem Feuerpfeil:

Die rechte Scham ist meiner Seele Heil.

 

Es war das letze Wort des Erlösers. Nun läßt er sein Haupt sinken. Ein stummer Seufzer, und der Meister aus Nazareth war tot. Nach drei Tagen wird er den verunsicherten Emmausjüngern sagen: „Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seiner Herrlichkeit einzugehen?" Und er erklärte ihnen die Schrift. Doch jetzt hängt er regungslos am Kreuz. Der Schmerz hat aufgehört. Die Hand ist starr, sie segnet nicht mehr; die Zunge schweigt. Die schönste Blütezeit der Erde, da Gott unter den Menschen wandelte, ist vorbei.

 

Gebet

Verstehst Du, Mensch, im Ernst selig zu sterben

Und ist dir vor dem Tode auch noch bang,

O, wieviel Ruhe könnte dir erwerben

Nach Golgotha zum Herrn ein stiller Gang!

Ein stummes Knien an seines Kreuzes Fuße

Ein treues Horchen auf sein göttlich Wort.

Gewiß des Geistes allertiefster Busse

Und Mut zum Sterben holst du dir von dort!

 

Das erst Wort, das uns die Evangelien aus dem Munde Jesu überliefern, lautete: „Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?" (Lk 2,49). Das letzte seiner Worte klingt diesem so überraschend ähnlich: „Vater, in deine Hände..." Sein ganzes Leben stand im Dienste des Vaters. Diesem erhabenen, großen Gott will er auch den Dienst der Jünger zu führen. So lehrte er sie, wenn sie vor Gott treten wollen, zu beten: „Vaterunser..." Wie viel Glaube, welch große Liebe setzt das voraus, wenn Menschen solcherart mit Gott reden? Daß wir alle in der Hand des Allmächtigen, uns liebenden Vaters stehen, hat Christus uns recht lebendig noch am Kreuze eingeprägt.

Und wir? Noch ist Gottes Name in unseren Lehrbüchern zu finden, auf unseren Lippen und Bildern - aber ist er auch in unserem Herzen? Reden wir nicht zu viel über Gott und zu wenig mit Gott? Wenn es aufs Letzte ankommt, sich unbedingt auf den Vater zu verlassen, wie viele unter Tausend halten da noch stand? Unter dem Kreuze werden wir erneut lernen müssen, wie Christus im feierlichsten Augenblick seines irdischen Lebens das Größte, die Erlösung selbst, in die Hände des Vaters gelegt hat. Das ist die siegende Gnade Jesu Christi! Wenn wir vom Kreuz nicht die unbedingte Hingabe an den Vatergott lernen, dann sind unsere Kreuzzeichen nur Luftgebilde und die dazugesprochenen Worte nur platzende Seifenblasen. Wollen wir in allem Ernst den Namen eines Christen verdienen, müssen wir ernst damit machen, was wir im Glaubensbekenntnis so oft wiederholen: „Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde"

 

3. Ostersonntag. Am dritten Tage auferstanden von den Toten

Es kann nicht die Absicht sein, an dieser Stelle auf die üblichen Gedankengänge abzuheben, wie das von den Pharisäern in Umlauf gebrachte Gerücht der schlafenden römischen Soldaten einerseits - ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes Scheinargument, denn Schlafende können nichts bezeugen - oder auf die verschiedenen Leugnungen der tatsächlichen Auferstehung Jesu, wie sie von Papst Pius X. im gemeinsamen "Sammelbecken" modernistischer Heräsien verurteilt wurden. (Hierzu gehören die Formen alter rationalistischer Auferstehungsleugnung wie die Betrugshypothese, die Scheintodhypothese oder die Visionshypothese. Letztere ist in neuester Zeit durch modernistische Theologen erneut "salonfähig" gemacht worden, indem man in der "sogenannten Auferstehung Jesu" nur ein inneres "Visionserlebnis" der Apostel - also ein hysterischer Selbstbetrug - sehen möchte). Dem muß entschieden die katholische Lehre der zweitausend Jahre Christentum entgegengehalten werden, die besagt: "Am dritten Tage nach seinem Tode stand Christus glorreich von den Toten auf" (verbindlicher Glaubenssatz/Dogma). Zugleich muß hinzugefügt werden, daß dieser Satz zu den absoluten Grundwahrheiten des Christentums gehört und in allen Glaubensbekenntnissen und Glaubensregeln aller Zeiten seit Christus unverändert vorkommt. Die Auferstehung Jesu ist Mittelpunkt sämtlicher Lehrverkündigung der Apostel. "Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung des Herrn Jesus Christus" (Apg 4,33). Die Auferstehung Jesu ist mit Sicherheit das größte aller Wunder Christi und der stärkste Beweis für die Wahrheit seiner Lehre: "Wenn aber Christus nicht auferstanden ist", so Paulus (1 Kor 15,14f.), ist unsere Predigt ohne Sinne und ohne Sinn auch euer Glaube." (Liegt hier der Ursprung des modernistischen Glaubensabfalls? Haben die vielen sinnentleerten Predigten hier ihren Anfang?) Fest steht, wer in die Auferstehung Jesu etwas anderes hineininterpretiert, und sei es auch nur die kleinste Abweichung vom zweitausendjährigen Glaubensgut, der setzt sich mit seiner Lehre nicht nur außerhalb der katholischen Kirche, sondern außerhalb der von allen Christen und christlichen Kirchen zu allen Zeiten bekannten Glaubensüberlieferung - mit einer einzigen Ausnahme: die der Herätiker, der Irrlehrer! In konsequenter Fortführung des oben erwähnten Dogmas lehrt die Kirche, daß Christus aus eigener Kraft auferstanden ist. Das allein deckt die volle Wahrheit über die Auferstehung Christi ab. So beten wir auch im Glaubensbekenntnis folgerichtig: "Am dritten Tage auferstanden von den Toten!"

 

3.1. Menschenpfade zwischen Auferstehung und Geistsendung

 

Welch merkwürdiges Leben führte doch der Erstandene in den folgende vierzig Tagen auf Erden! Waren seine Erscheinungen auch nicht zahlreich - die Bibel berichtet nur über eine kleine Anzahl - so schien er doch alles darauf anzulegen, seine Weggefährten vor der Kreuzigung davon zu überzeugen, daß er wirklich derselbe ist, der er vorher war. Obwohl er seine himmlische Herrlichkeit während des irdischen Daseins auf dem Berge Tabor dreien seiner Aposteln offenbarte, wird nirgends berichtet, daß er nun, nachdem er schon eine Vielzahl von guten Seelen des Alten Bundes zum Vater heimführte, je in seinem himmlischen Glanze erschienen wäre.

Seine Engel, die er voraussadte - Gabriel bei Maria in Nazareth, der Trostengel am Ölberg, Moses und Elias bei der Verklärung - sie alle waren in ein wunderbares, von Menschen nicht greifbares Licht gehüllt. Er selbst aber wollte nach seiner Auferstehung kommen als der Bruder, als "der Menschensohn", denn gerade auf diesen Glanz, den er hatte bei seinem Vater von Anbeginn, "ehe noch die Welt war" (vgl. Joh 17,5), hatte er in seinem Kommen in Bethlehem verzichtet. So wurde die Auferstehung Jesu zum sicheren Unterpfand für unsere eigene Auferstehung - für unseren Eingang ins himmlische Reich des Vaters, das uns von Anbeginn bereitet ist.

Das große Passahfest der Juden war vorbei. Gar viele von den auswärtigen Pilgern trachteten möglichst rasch heimwärts zu kommen. Der Alltag hat sie eingeholt. Unter den Osterpilgern befinden sich auch zwei Jünger Jesu. Sie ziehen Richtung Emmaus. Noch vor der Abreise triftf sie die unglaubliche Kunde: Das Grab des Herrn soll leer sein, der Leichnam ist weg! Frauen waren am Grab und bestätigten dies. Nachdenklich verlassen sie die Stadt.

Im Evangelium bittet Jesus für seine Jünger (Joh 17,9-11). Es ist das Gebet zum Vater, damit sie im Glauben bleiben auch dann, wenn er nicht mehr unter ihnen weilt. Auf die schwierigste Probe gestellt wird ihr Glaube zwischen seiner Himmelfahr bis zur Geistsendung! Und beachten wir mit feinem Gespür: Nicht für die Welt betet Jesus - sondern für seine Jünger, die in der Welt sind! Die Welt hat den Hl. Geist nicht empfangen - sie seufzt in Geburtswehen bis ans Ende der Zeiten, so Paulus, darum wird ein Sich-angleichen an die Welt immer zugleich auch ein weg-von-Gott sein! Das scheint zwar unmodern, dafür aber realistisch zu sein!

Werfen wir einen Blick auf die Emmausjünger, deren Verhalten Grundlage einer nachösterlichen" biblischen Betrachtung sein kann. Sie sind geradezu das Abbild unserer Zeit: Heute noch sind wir „gut katholisch", morgen schon können wir mit unserem Verhalten beweisen, dass wir mit dem Pfingstgeist Gottes noch nich viel anzufangen wissen. Wir ziehen uns zurück und überlassen anderen das Spielfeld. Nachdenklich - das sind auch wir heute, um uns dann auf leisen Sohlen jenen anzuschliessen, die auf „den Weg nach Emmaus" sind. Die folgenden Gedanken sind dem biblischen Ereignis nachgedacht, ihre Anwendung jedoch sollte dem heutigen Menschen gelten! Auch für ihn betet Jesus!

Als Jesus vor den Emmausjüngern auftaucht, erkennen sie ihn nicht. Wie sollten sie es auch? Dachten sie nicht soeben über das Grab nach, in dem "der Leichnam" nicht mehr ist? "Ihr sucht den Lebenden bei den Toten?" (vgl. Lk 24,5). Wer einen Leichnam sucht, wird sicher keinen lebenden Menschen finden!

Das ist auch mit unseren Glauben so: Wer Stärkung im Glauben bei den Irrlehrern sucht, wird sie nicht finden: "Laßt die Toten ihre Toten begraben", sagt Jesus! Den Glauben muß man beim Lehramt der Kirche suchen. Sonst könnte man schnell Glaubensleichen finden...

Doch der Herr geht auf sie zu und fragt, was das für Reden seien, die sie hier auf dem Wege miteinander führten? (vgl. Lk 24,13-35). Freilich, ihr Herz ist traurig, weil sie beim Leichnam stehengeblieben sind! Merkwürdig! Die beiden Jünger werden einer Erscheinung gewürdigt, obwohl sie durch den Tod Christi ganz "aus dem Lot geschmissen" wurden. Aber, ist Christus nicht gekommen, um "den glimmenden Docht nicht auszulöschen" (vgl. Jes 42,3; Mt 12,20), um alle, die ihn aufnehmen, zu Kindern Gottes zu machen? (vgl. Joh 1,12). In ihnen, die weggelaufen sind, mußte der Glaube neu belebt werden. Die anderen, die in Jerusalem verblieben, hatten den Glauben bewahrt. Darum mußte Jesus in seiner Güte und Liebe zuerst denen nachgehen, die sich im Dornengestrüpp der Sorgen und der Enttäuschung über seinen Tod verrannt haben. Er nimmt sie, gleich dem guten Hirten, auf seine Arme, er geht mit ihnen ihren Weg mit, um sie so zur Umkehr zu lenken. Gott zwingt nicht - er begleitet uns, er bietet an, er hilft jedem mit so viel Gnaden, wie notwendig sind zur Umkehr. Es ist seither keine Schande mehr, sich auf dem Wege zu Gott auch mal verrannt zu haben; wenn es noch so schwer fällt, die Umkehr des Menschen ist möglich - eine Tatsache, die heute viele Menschen bedenken sollten! Nicht die Sünde sieht der Erlöser – sondern die Reueträne im Auge! Doch genau dies ist eine der Grundbotschaften des ganzen Lebens Jesu. Die erste Botschaft über ihn, von Johannes dem Täufer verkündet, lautete: Kehrt um! Und nach seiner Auferstehung bewegt er die Jünger von Emmaus buchstäblich zur Umkehr. Dadurch setzt er einen herrlichen Schlussakkord unter seine Botschaft der immer notwendigen Umkehr und Hinkehr zu Gott.

Es ist interessant, den Wandel der beiden Emmausjünger zu beobachten. Am Anfang des Gesprächs stehen sie dem "Fremden" missttrauisch und ablehnend gegenüber als einem, der nicht einmal die Geschichte des Herrn Jesus kennt. Noch auf demselben Wege jedoch werden sie unbemerkt um der Worte Jesu Willen bereit sein, sich von demselben "Fremden" belehren zu lassen. Dafür erhalten sie noch vor dem Brechen des Brotes in ihrem Heim den ins Wanken geratenen Glauben zurück (vgl. Lk 24,13ff.). Bei Gott ist eben nichts unmöglich (vgl. Lk 1,37). In seinem Reiche gibt es auch keine Fremde. Hier hat jeder seine Aufgabe - von Ihm zugeteilt; sein Reich kennt keine menschlich gezogenen Grenzen. „Für sie bitte ich - die in der Welt sind..."

 

3.2. Brannte nicht unser Herz!

 

Nein, dies ist keine Frage. Vielmehr war es ein Aufschrei der Enttäuschung über sich selbst, über die Glaubensschwäche, über das mangelnde Vertrauen in ihren Meister. Denn im Glauben hätten sie ihn sofort erkennen können.

Der Zweifel verbirgt Jesu Gesicht vor unseren Augen! Zweifel sind gut und wichtig für einen, der von den Gaben dieser Welt angeekelt, wie der verlorene Sohn im Evangelium, sich erneut auf die Spurensuche ins Haus seines Vaters aufgemacht hat; sind gut und angebracht, wenn der feste Wille vorhanden ist, einen Anker daraus zu schmieden, der, in Gott ausgeworfen, Hoffnung und Zukunft verleiht.

Der Glaubende jedoch muß über dem Zweifel stehen - er muß eben glauben können! Glauben mit allen Konsequenzen des Menschseins, der Endlichkeit unserer Begabungen, der Kleinheit vor Gott, der Unwissenheit angesichts des nächsten Augenblicks, der Schwäche. Der aktiv gelebte Augenblick ist für den Glaubenden immer und überall Teil der Vorsehung Gottes! Und gerade in den Augenblicken, in denen wir den uns begleitenden Christus so gar nicht spüren können, sollten auch wir das Wort der Emmausjünger uns selbst laut und deutlich zurufen: Brannte nicht unser Herz!

Glaubensschwäche - Glaubenskraft. Worin liegt nun die große Aussage dieses Emmausganges in Verbindung mit dem Gebet Jesu im Evangelium? Es ist dies der Weg zwischen der Nachricht der Auferstehung des Herrn und der Erleuchtung durch den Geist Gottes. Es ist der rat- und rastlose Gang der Glaubensschwachen einerseits und auf der anderen Seite der ruhige, starke, nachhaltige Trost des echten Glaubens, der anspornt und zurück zu den Aposteln führt (vgl. Lk24,34).

Zwei Jünger! Ganze Menschenheere machen es seither genauso. Die Jünger hatten genug erlebt, erfahren, gesehen; sie sind zur Überzeugung der Prophetenwürde ihres Meister gelangt. Da kommt ein unerwartet plötzlicher Tod dazwischen und ihre Begeisterung gerät ins Wanken, ihre Sicherheit schwindet dahin, in ihnen herrscht Verunsicherung und Verwirrung. Ob ihr bisheriger Glaube an den Meister nicht doch zu sehr vom Gefühl geprägt war? Folgen sie ihm um ihrer selbst Willen oder vergaßen sie sich, um dem Meister um seinetwillen zu folgen? Dies ist die alles entscheidende Frage - auch unseres Glaubenslebens! Suchen wir im Glauben Trost für uns oder bieten wir unseren Glauben vorbehaltlos Gott an? Glaubten die Jünger an Jesus, weil sie seine Werke sahen; hatte ihr Liebe zum Meister tiefere Wurzeln, über die der göttliche Meister selber sagt: Selig, die nicht sehen und doch glauben?

Diese Fragen, an uns immer wieder gerichtet, sind wichtiger, als dies auf den ersten Augenblick zu sein scheint! Von ihnen hängt Glaubensschwäche und Glaubenskraft zugleich ab. Auf eine konkrete Situation bezogen: Tage und Wochen vor einer Wallfahrt bete ich inständig darum, Gott möge mich davor behüten, irgend ein Wunder sehen zu lassen. Ich würde mit Gott im Gebet hadern, sollte es einmal anders kommen! Nicht sehen will ich, sondern glauben dürfen! Und davon kann mir Gott gar nicht genug geben; hier bin ich unersättlich und gierig, ein Bettler, dessen "Taschen" nie voll werden, der seinem Herrn Tag und Nacht nachläuft, ihm "auf die Nerven geht" (vgl. Lk 11,8) bis er erhält, um was er bittet. Hier, Herr, laß uns glauben, damit wir in der Ewigkeit Dich sehen können!

 

3.3. Mußte nicht Jesus all das leiden?

 

Die Frage ist gerechtfertigt. Dies um so mehr, als sich heute viele Menschen gerade von Leiden, Kreuz und Tod Jesu allzu leicht distanzieren. Doch ist diese Frage der Universalschlüssel zum Glauben an die Erlösung überhaupt. Die Frage nach dem Leid ist die Frage der Menschheit schlechthin! Sie ist der Schlüssel zu dem schweren Schloß, um dessen Öffnung sich das Christentum bemüht! Nähern wir uns daher im Glauben und nicht im offenen Zweifel dieser Frage, sind wir bereit, zugunsten der Glaubensvermehrung in uns auf ein allzu menschliches Wissenwollen zu verzichten, dann erst eröffnet sich uns das Tor der Erkenntnis und des Verständnisses über dieses Geheimnis, warum Gott unsere Erlösung so und nicht anders wollte und auch durchführte.

Viele fragen sich, wie kann das Leiden des "Gottesknechtes" mit dem an Weihnachten von den Engeln gepriesenen "Friedensfürst" in Einklang gebracht werden? Leidet man nicht nur in der Diktatur? Ist der Friede nicht ein Zustand, in dem das Leid aufhört? Warum gibt es das Leid noch, da uns Christus erlöst hat?

Fragen! Ein Beispiel sei hier erlaubt. Da gibt es einen großen Fürsten, König, Präsidenten... Man kennt seine Friedensliebe. Kein Mensch wurde seit Jahrzehnten ungerecht behandelt. Er sei die Gerechtigkeit und der Friede - sagt man weitum. Und dennoch: Auch er wird es nicht verhindern können, das irgendwo in seinem Reiche zwei Nachbarn miteinander im Streit liegen...

Gott hat das Chaos, das Leid, den Unfrieden nicht gewollt. Doch gab er uns den freien Willen - so frei, daß wir uns auch ganz gegen ihn entscheiden können! Nur weil der Mensch sich auch gegen Gott, also für das Böse, für die Sünde, frei entscheiden kann, hat seine Entscheidung für das Gute einen Wert, der einen "Schatz im Himmel" bildet (vgl. Mt 6,19f.). Sünde aber heißt sich von Gott "absundern"; sie ist Unordnung - und Unordnung gebiert Leid, Tod. Hierzu sagt Paulus, daß Gott seinen Sohn in der Fülle der Zeiten "unter das Gesetz" stellte, um "die unter dem Gesetz Stehenden zu erlösen, damit wir an Kindes Statt angenommen werden" (vgl. Gal 4,4). Und im hl. Messopfer bekennen wir im Kanon, daß Jesus uns in allem gleich wurde, "außer der Sünde". Da aber "die Kraft der Sünde das Gesetz ist" (1 Kor 15,56), hat uns Jesus in erster Linie "von dem Fluch des Gesetzes erlöst" (Gal 2,13), das heißt, er hat das Chaos, die Unordnung, die durch die Sünde auf uns zukam und Leid und Tod hervorbrachte, in seinem Leiden in exemplarischer Weise ein für allemal beseitigt. Zugleich hat er uns aufgerufen, seine Jünger zu sein und die von ihm begonnene Erlösung bis zum Ende der Welt in seinem Sinne fortzusetzen (vgl. Mt 10,38 und 16,24).

Mußte Jesus nicht all das leiden? Eindeutig ja! Denn, wollte er den ganzen Menschen erlösen, mußte er auch ganz Mensch werden - Mensch wie wir, außer der Ursünde und der persönlichen Sünde, jedoch mit der Möglichkeit, vom Bösen, von der Sünde versucht zu werden (vgl. Mt 4, 1-11), die Konsequenzen der Unordnung, die sich im Sündenfall in die Schöpfung einnistete (also Leid und Tod), ertragen zu können und menschlicher Mühsal, Erfolglosigkeit, seelischen und körperlichen Enttäuschungen, Leid und Plage unterworfen zu sein. Und Jesu nahm reichlichen Anteil an allem, um uns von allem zu erlösen. Doch ist die Erlösung nicht so zu verstehen, daß sie mit der Kreuzigung Christi beendet wurde; sie war die alleingültige Genugtuung dem himmlischen Vater für die Trennung von ihm in der Sünde und zugleich der Aufruf zur Christusnachfolge in der Kreuzesnachfolge, zur Vollendung der Erlösung, zur Bekämpfung der Sünde und der von ihr verursachten Unordnung bis ans Ende der Welt, "um so in die Herrlichkeit einzugehen!" (vgl. Lk 24,26).

„Für sie bitte ich, Vater, nicht für die Welt! ...

Sie sind in der Welt... Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen!"

 

Gebet

Freu Dich, Du Himmelskönigin,

Freu Dich, Maria!

Freu Dich, das Leid ist alles hin!

Alleluja!

Bitt Gott für uns, Maria!

(Pfr. Dr. A. Fugel)

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Kreuzweg

Kreuzweg 2006



Kreuzwegmeditation, gehalten von Erzbischof Angelo Comastri, Vikar des Heiligen Vaters für die Heilige Stadt.

 

Kreuzweg am Kolosseum unter dem Vorsitz des Heiligen Vaters Benedikt XVI., Karfreitag 2006.

Einführung

Einige Worte, die Dich auf dem Weg begleiten sollen
Wenn wir den „Kreuzweg" gehen, werden wir von zwei Gewissheiten wie von einem Blitz getroffen: von der Gewissheit der zerstörerischen Macht der Sünde und von der Gewissheit der heilenden Macht der Liebe Gottes.

Die zerstörerische Macht der Sünde: Unermüdlich wiederholt die Bibel, dass das Schlechte schlecht ist, weil es schadet; die Sünde ist nämlich selbstbestrafend, denn sie enthält die Strafe bereits in sich. Dazu einige erhellende Texte des Propheten Jeremia: „Sie liefen dem Nichtigen nach und wurden so selber zunichte"(vgl. Jer 2, 5); „Dein böses Tun straft dich, deine Abtrünnigkeit klagt dich an. So erkenne doch und sieh ein, wie schlimm und bitter es ist, den Herrn, deinen Gott, zu verlassen und keine Furcht vor mir zu haben" (Jer 2, 19); „Eure Frevel haben die Ordnung gestört, eure Sünden haben euch den Regen vorenthalten"(Jer 5, 25).

Und Jesaja bleibt nicht dahinter zurück: „Darum – so spricht der Heilige Israels: Weil ihr dieses Wort missachtet, weil ihr auf Ränke vertraut und euch auf das Falsche verlasst, darum wird eure Schuld für euch sein wie ein herab fallendes Bruchstück von einer hoch aufragenden Mauer, die dann plötzlich, urplötzlich einstürzt. Sie zerbricht wie der Krug eines Töpfers, den man ohne Erbarmen zerschlägt, so dass sich unter all den Stücken keine Scherbe mehr findet, mit der man Feuer vom Herd holen kann oder Wasser schöpfen aus der Zisterne" (Jes 30, 12-14).

Und indem er den aufrichtigeren Gefühlen des Gottesvolkes seine Stimme verleiht, ruft der Prophet aus: „Wie Unreines sind wir alle geworden, unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid. Wie Laub sind wir alle verwelkt, unsere Schuld trägt uns fort wie der Wind" (Jes 64, 5).

Doch zugleich prangern die Propheten die Verhärtung des Herzens an, die eine schreckliche Blindheit verursacht und die Schwere der Sünde nicht mehr empfinden lässt. Hören wir Jeremia: „Sie sind doch alle, vom Kleinsten bis zum Größten, nur auf Gewinn aus; vom Propheten bis zum Priester betrügen sie alle. Den Schaden meines Volkes möchten sie leichthin heilen, indem sie rufen: Heil, Heil! Aber kein Heil ist da. Schämen müssten sie sich, weil sie Greuel verüben. Doch sie schämen sich nicht; Scham ist ihnen unbekannt" (Jer 6, 13-15).

Indem Jesus in diese von der Sünde verwüstete Geschichte eingetreten ist, hat er sich vom Gewicht und von der Gewalt unserer Sünden überfallen lassen: Aus diesem Grund wird einem im Blick auf Jesus deutlich spürbar, wie zerstörerisch die Sünde und wie krank die Menschheitsfamilie ist – das heißt wir! Du und ich!

Doch – und das ist die zweite Gewissheit – Jesus hat auf unseren Hochmut mit Demut reagiert; auf unsere Gewalt hat er mit Sanftmut geantwortet und auf unseren Hass mit verzeihender Liebe: Das Kreuz ist das Ereignis, durch das die Liebe Gottes in unsere Geschichte eindringt, einem jeden von uns nahe kommt und zu einer heilenden und rettenden Erfahrung wird.

Eine Tatsache kann uns nicht entgehen: Vom Anfang seines Wirkens an spricht Jesus von seiner „Stunde" (Joh 2, 4), von einer Stunde, „für die Er gekommen ist" (vgl. Joh 12, 27), von einer Stunde, die Er mit Freude begrüßt, wenn Er zu Beginn seiner Passion ausruft: „Die Stunde ist da!" (Joh 17, 1).

Die Kirche hütet die Erinnerung an diese Tatsache mit Sorgfalt, und nachdem sie im Credo bekannt hat, dass Gottes Sohn Fleisch angenommen hat durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und Mensch geworden ist, fügt sie sofort hinzu: „Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden".

Er wurde für uns gekreuzigt! Jesus hat sich im Sterben zutiefst in die dramatische Erfahrung des Todes hineinbegeben, so wie dieser durch unsere Sünden geschaffen wurde; doch sterbend hat Er das Sterben angefüllt mit Liebe und es deshalb mit der Gegenwart Gottes erfüllt. Mit dem Tod Christi ist nun der Tod bezwungen, denn Christus hat in den Tod die Fülle gerade jener Kraft eingesenkt, die der Gegensatz zu der Sünde ist, die ihn verursacht hatte: Jesus hat ihn mit Liebe erfüllt!

Durch den Glauben und die Taufe kommen wir mit dem Tod Christi in Berührung, das heißt mit dem Geheimnis der Liebe, mit der Christus ihn erfahren und besiegt hat… Und so beginnt der Weg unserer Rückkehr zu Gott, einer Rückkehr, die ihre Vollendung finden wird im Moment unseres eigenen Todes, den wir in und mit Christus erfahren, und das heißt: in Liebe! Wenn du den „Kreuzweg" gehst, lass dich von Maria an die Hand nehmen: Erbitte dir von ihr ein Quäntchen ihrer Demut und ihrer Verfügbarkeit, damit die Liebe des gekreuzigten Christus in dich eindringt und dein Herz wieder aufbaut nach dem Maß des Herzens Gottes. Gutes Vorankommen!

+ Angelo Comastri

Vorbereitungsgebet

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
R. Amen.
Herr Jesus,
Deine Passion
ist die Geschichte der ganzen Menschheit:
die Geschichte, in der die Guten gedemütigt werden,
die Sanftmütigen … angegriffen,
die Anständigen … mit Füßen getreten
und die, welche ein reines Herz haben, spöttisch verlacht werden.

Wer wird der Sieger sein?
Wer wird das letzte Wort haben?

Herr Jesus,
wir glauben, dass Du das letzte Wort bist:
In Dir haben die Guten schon gesiegt,
in Dir haben die Sanftmütigen schon triumphiert,
in Dir werden die Anständigen gekrönt
und die, welche ein reines Herz haben, leuchten wie Sterne in der Nacht.

Herr Jesus,
heute Abend werden wir Deinen Kreuzweg nachgehen,
und wir wissen, dass es auch unser Weg ist.
Doch eine Gewissheit gibt uns Licht:
Der Weg endet nicht am Kreuz,
sondern er führt weiter,
führt ins Reich des Lebens
und in die Explosion der Freude,
die uns niemand mehr nehmen kann!

Lektor:
O Jesus, nachdenklich halte ich inne
zu Füßen Deines Kreuzes:
Auch ich habe es gezimmert mit meinen Sünden!
Deine Güte, die sich nicht verteidigt
und sich kreuzigen lässt,
ist ein Geheimnis, das mich überwältigt
und mich zutiefst erschüttert.

Herr, für mich bist Du in die Welt gekommen,
um mich zu suchen, um mir zu bringen
die Umarmung des Vaters:
die Umarmung, die mir fehlt!

Du bist das Angesicht der Güte
und der Barmherzigkeit:
Deshalb willst Du mich retten!

In mir ist so viel Egoismus:
Komm mit Deiner grenzenlosen Liebe!
In mir ist Hochmut und Boshaftigkeit:
Komm mit Deiner Milde und Deiner Demut!

Herr, der zu rettende Sünder bin ich:
Ich bin der verlorene Sohn, der zurückkehren muss!
Herr, gewähre mir die Gabe der Tränen,
um die Freiheit wieder zu finden und das Leben,
den Frieden mit Dir und die Freude in Dir.



Erste Station
Jesus wird zum Tode verurteilt

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi. / Wir beten Dich an, Herr Jesus Chrisatus und preisen Dich
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum. / Denn durch Dein Heiliges Kreuz hast Du die Welt erllöst

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus. 27, 22-23.26

Chronist: Pilatus sagte zu ihnen:
Lektor: „Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt?"
C. Da schrien sie alle:
L. „Ans Kreuz mit ihm!"
C. Er erwiderte:
L. „Was für ein Verbrechen hat er denn begangen?"
C. Da schrien sie noch lauter:
L. „Ans Kreuz mit ihm!"
C. Darauf ließ er Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geisseln und zu kreuzigen.

Betrachtung

Diese Szene einer Verurteilung kennen wir gut: Es ist Tagesgeschehen! Doch eine Frage brennt uns auf der Seele: Warum ist es überhaupt möglich, Gott zu verurteilen? Warum zeigt Gott, der Allmächtige, sich im Gewand der Schwäche? Warum läßt Gott sich angreifen vom Hochmut, von der Anmaßung und von der Arroganz der Menschen? Warum schweigt Gott?

Das Schweigen Gottes ist unsere Qual, ist unsere Prüfung! Doch es ist auch die Läuterung unserer Eile, es ist die Therapie gegen unsere Rachsucht. Das Schweigen Gottes ist der Boden, auf dem unser Hochmut stirbt und der wahre Glaube aufkeimt, der demütige Glaube, der Glaube, der Gott keine Fragen stellt, sondern sich ihm anheim gibt in kindlichem Vertrauen.

Gebet

Herr,
wie leicht ist es, zu verurteilen!
Wie leicht ist es, Steine zu werfen:
die Steine des Urteils und der Verleumdung,
die Steine der Gleichgültigkeit und des Sich-Abwendens!

Herr, Du wolltest stehen
auf der Seite der Besiegten,
auf der Seite der Gedemütigten und der Verurteilten.

Hilf uns, niemals zum Henker
der wehrlosen Brüder zu werden,
hilf uns, mutig Stellung zu nehmen, um die Schwachen zu verteidigen, hilf uns, das Wasser des Pilatus abzulehnen, denn es reinigt nicht die Hände, sondern beschmutzt sie mit unschuldigem Blut.

Alle:  (Das Vaterunser in lateinischer Sprache)

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

(Je eine Strophe des Liedes: Christi Mutter stand mit Schmerzen)

Stabat Mater dolorosa,
iuxta crucem lacrimosa,
dum pendebat Filius.



Zweite Station
Jesus nimmt das Kreuz auf sich

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus. 27, 27-31

C. Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen:
L. „Heil dir, König der Juden!"
C. Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf. Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an. Dann führten sie ihn hinaus, um ihn zu kreuzigen.

Betrachtung

In der Passion Christi hat sich der Hass ausgetobt, unser Hass, der Hass der ganzen Menschheit. In der Passion Christi hat unsere Schlechtigkeit reagiert auf die Güte, hat sich unser Hochmut gereizt entladen angesichts der Demut, fühlte sich unsere Verkommenheit beleidigt angesichts der strahlenden Lauterkeit Gottes!

Und so sind wir … das Kreuz Gottes geworden!

Wir, die wir uns töricht auflehnen, wir haben mit unseren widersinnigen Sünden das Kreuz unserer Ruhelosigkeit und unseres Unglücks gezimmert: Wir haben unsere Strafe geschaffen.

Doch Gott nimmt das Kreuz auf die Schultern, unser Kreuz, und er fordert uns heraus mit der Macht seiner Liebe.

Gott nimmt das Kreuz! Unergründliches Geheimnis der Güte! Geheimnis der Demut, das uns mit Scham darüber erfüllt, noch hochmütig zu sein!

Gebet

Herr Jesus,
Du bist in die menschliche Geschichte eingetreten,
und sie ist Dir feindselig begegnet, in Auflehnung gegen Gott,
wahnsinnig geworden aufgrund des Hochmuts,
der den Menschen glauben lässt,
von großer Statur zu sein
… wie sein Schatten!

Herr Jesus,
Du hast uns nicht angegriffen,
sondern hast Dich angreifen lassen von uns,
von mir, von einem jeden!

Sorge für mich, Jesus, mit Deiner Geduld,
heile mich mit Deiner Demut,
gib mir die Statur des Geschöpfes zurück:
meine Statur des Kleinen … von Dir unendlich Geliebten!

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Cuius animam gementem,
contristatam et dolentem
pertransivit gladius.



Dritte Station
Jesus fällt zum ersten Male unter dem Kreuz

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Buch Jesaja. 53, 4-6

C. Aber er hat unsere Krankheit getragen
und unsere Schmerzen auf sich geladen.
Wir meinten, er sei von Gott geschlagen,
von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen,
wegen unserer Sünden zermalmt.
Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm,
durch seine Wunden sind wir geheilt.
L. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe,
jeder ging für sich seinen Weg.
Doch der Herr lud auf ihn
die Schuld von uns allen.

Betrachtung

Nach menschlichen Vorstellungen kann Gott nicht fallen, … und doch fällt er. Warum? Es kann kein Zeichen von Schwäche sein, sondern nur ein Zeichen von Liebe: eine Liebesbotschaft für uns.

Indem er unter der Last des Kreuzes stürzt, erinnert Jesus uns daran, dass die Sünde belastet, die Sünde erniedrigt und zerstört, die Sünde bestraft und bewirkt Schlechtes:

Darum ist die Sünde schlecht.

Doch Gott liebt uns und will unser Bestes; und die Liebe drängt ihn, den Tauben zuzurufen, uns, die wir nicht hören wollen: „Verlasst die Sünde, denn sie schadet euch! Sie nimmt euch den Frieden und die Freude; sie trennt euch vom Leben und lässt in euch austrocknen die Quelle der Freiheit und der Würde."

Verlaßt sie! Verlaßt sie!

Gebet

Herr,
wir haben das Empfinden für die Sünde verloren!
Mit heimtückischer Propaganda verbreitet sich heute
eine törichte Apologie des Schlechten,
ein absurder Kult Satans,
ein unsinniger Wille zur Übertretung,
eine verlogene und haltlose Freiheit,
welche die Laune, das Laster und den Egoismus verherrlicht
und sie als Errungenschaften der Zivilisation hinstellt.

Herr Jesus,
öffne uns die Augen:
Mach, daß wir den Schmutz sehen
und ihn erkennen als das, was er ist,
damit eine Träne der Reue
wieder Sauberkeit in uns schaffe
und den Raum einer wahren Freiheit.
Öffne uns die Augen,
Herr Jesus!

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

O quam tristis et afflicta
fuit illa benedicta
mater Unigeniti!



Vierte Station
Jesus begegnet seiner Mutter

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 2, 34-35. 51

C. Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu:
L. „Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen."
C. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.

Betrachtung

Jede Mutter ist ein Sichtbarwerden von Liebe, ist Wohnstatt der Zärtlichkeit, ist Treue, die nicht verlässt, denn eine wahre Mutter liebt, auch wenn sie nicht geliebt wird.

Maria ist die Mutter! In ihr ist das Weibliche ungetrübt, und die Liebe ist nicht verunreinigt durch Aufwallungen von Egoismus, die das Herz gefangen nehmen und blockieren.

Maria ist die Mutter! Ihr Herz steht dem des Sohnes treu zur Seite und leidet und trägt das Kreuz und spürt im eigenen Leibe alle Wunden am Leib des Sohnes.

Maria ist die Mutter! Und sie bleibt Mutter: für uns, für immer!

Gebet

Herr Jesus,
wir alle brauchen die Mutter!
Wir brauchen eine Liebe,
die wahrhaft ist und treu.
Wir brauchen eine Liebe,
die niemals strauchelt,
eine Liebe, die sichere Zuflucht bietet
für die Zeit der Angst,
des Schmerzes und der Prüfung.

Herr Jesus,
wir brauchen Frauen,
Bräute, Mütter,
die den Menschen
das schöne Gesicht der Menschheit zurückgeben.

Herr Jesus,
wir brauchen Maria:
die Frau, die Braut, die Mutter,
die die Liebe niemals verunstaltet und niemals verleugnet!

Herr Jesus,
wir bitten Dich für alle Frauen der Welt!

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quae maerebat et dolebat
pia mater, cum videbat
Nati poenas incliti.



Fünfte Station
Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus. 27, 32; 16, 24

C. Auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen.
C. Jesus sagte zu seinen Jüngern:
L. „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach."

Betrachtung

Simon von Zyrene, du bist ein kleiner, ein armer, ein unbekannter Bauer, von dem die Geschichtsbücher nicht sprechen.

Und doch machst du Geschichte! Du hast eines der schönsten Kapitel der Geschichte der Menschheit geschrieben: Du trägst das Kreuz eines Anderen, du hebst den schweren Balken auf und verhinderst, dass er das Opfer erdrückt.

Du gibst jedem von uns die Würde zurück, indem du uns daran erinnerst, dass wir nur dann wir selbst sind, wenn wir nicht mehr an uns selber denken.

Du erinnerst uns daran, dass Christus auf uns wartet auf der Strasse, auf dem Treppenabsatz, im Krankenhaus, im Gefängnis … in den Randzonen unserer Städte. Christus wartet auf uns …!

Werden wir Ihn erkennen? Werden wir Ihm helfen? Oder werden wir in unserem Egoismus sterben?

Gebet

Herr Jesus,
die Liebe erlischt,
und die Welt wird kalt,
ungastlich, menschenfeindlich.
Sprenge die Ketten, die uns hindern,
den anderen entgegenzueilen.
Hilf uns, uns selbst zu finden in der Nächstenliebe.

Herr Jesus,
der Wohlstand lässt uns unmenschlich werden,
die Vergnügung ist zur Entfremdung, zur Droge geworden;
und der monotone Werbespot dieser Gesellschaft
ist die Einladung, im Egoismus zu sterben.

Herr Jesus,
entzünde in uns wieder den Funken der Menschlichkeit,
die Gott uns am Anfang der Schöpfung ins Herz legte.
Befreie uns von der Dekadenz des Egoismus,
dann werden wir wieder Lebensfreude finden
und die Lust, zu singen.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quis est homo qui non fleret,
matrem Christi si videret
in tanto supplicio?



Sechste Station
Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Buch des Propheten Jesaja. 53, 2-3

C. Er hatte keine schöne und edle Gestalt,
so dass wir ihn anschauen mochten.
Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden,
ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut,
wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt.

Aus dem Buch der Psalmen 42, 2-3

L. Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,
so lechzt, Gott, meine Seele nach dir.
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott:
Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?

Betrachtung

Das Angesicht Jesu ist schweissgebadet, es ist blutüberströmt, frech angespuckt, ist es mit Speichel überzogen. Wer wird den Mut haben, sich Ihm zu nähern?

Eine Frau! Eine Frau tritt offen hervor, lässt das Licht der Menschlichkeit leuchten

… und trocknet das Angesicht: und entdeckt das Angesicht!

Wie viele Menschen sind heute gesichtslos! Wie viele Menschen gedrängt an den Rand des Lebens, ins Exil der Verlassenheit, in die Gleichgültigkeit, die die Gleichgültigen tötet.

Denn lebendig ist nur, wer vor Liebe brennt und sich beugt über Christus, der leidet und in den Leidenden wartet: heute!

Ja, heute! Denn morgen wird es zu spät sein!

Gebet

Herr Jesus,
ein Schritt genügte,
und die Welt könnte sich ändern!

Ein Schritt genügte,
und in der Familie kehrte wieder Friede ein;
ein Schritt genügte,
und der Bettler wäre nicht mehr einsam;
ein Schritt genügte,
und der Kranke würde eine Hand spüren,
die ihm die Hand hält,
… um beide zu heilen.

Ein Schritt genügte,
und die Armen könnten sich zu Tisch setzen
und die Traurigkeit verscheuchen von der Tafel der Egoisten,
die für sich allein nicht feiern können.

Herr Jesus,
ein Schritt würde genügen!

Hilf uns, ihn zu tun,
denn in der Welt erschöpfen sich allmählich
alle Reserven an Freude.
Hilf uns, Herr!

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quis non posset contristari,
piam matrem contemplari
dolentem cum Filio?



Siebte Station
Jesus fällt zum zweiten Male unter dem Kreuz

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Buch des Propheten Jeremia 12, 1

C. Du bleibst im Recht, Herr,
wenn ich mit dir streite;
dennoch muss ich mit dir rechten.
Warum haben die Frevler Erfolg?
Weshalb können die Abtrünnigen sorglos sein?

Aus dem Buch der Psalmen 37, 1-2.10-11

L. Errege dich nicht über die Bösen,
wegen der Übeltäter ereifere dich nicht.
Denn sie verwelken schnell wie das Gras,
wie grünes Kraut verdorren sie.
Eine Weile noch, und der Frevler ist nicht mehr da;
schaust du nach seiner Wohnung – sie ist nicht mehr zu finden.
Doch die Armen werden das Land bekommen,
sie werden Glück in Fülle genießen.

Betrachtung

Unsere Arroganz, unsere Gewalt, unsere Ungerechtigkeiten lasten auf Christi Leib. Sie wiegen schwer … und Christus fällt noch einmal, um uns das unerträgliche Gewicht unserer Sünde zu offenbaren.

Doch was ist es, das heute in besonderer Weise den heiligen Leib Christi peinigt?

Sicher ist ein schmerzliches Leiden Gottes der Angriff auf die Familie. Es scheint, als gebe es heute eine Art Anti-Genesis, einen Gegen-Entwurf, einen diabolischen Hochmut, der die Familie abschaffen will.

Der Mensch möchte die Familie neu erfinden, die Grammatik des Lebens selbst, von Gott so ersonnen und gewollt, möchte er verändern.

Doch sich an Gottes Stelle zu setzen, ohne Gott zu sein, ist die dümmste Arroganz, ist das gefährlichste Abenteuer.

Der Sturz Christi öffne uns die Augen und lasse uns wieder das schöne Gesicht, das wahre Gesicht, das heilige Gesicht der Familie sehen. Das Gesicht der Familie deren wir alle bedürfen.

Gebet

Herr Jesus,
die Familie ist ein Traum Gottes,
der Menschheit übergeben;
die Familie ist ein Funke des Himmels,
mit der Menschheit geteilt;
die Familie ist die Wiege, in die wir hineingeboren wurden
und in der wir in der Liebe immer wieder neu geboren werden.

Herr Jesus,
tritt in unsere Häuser ein
und stimme das Lied des Lebens an.
Entzünde wieder das Licht der Liebe
und lass uns empfinden, wie schön es ist,
aneinander gebunden zu sein
in einer Umarmung des Lebens:
das vom Atem Gottes selbst gespeiste Leben,
der Atem des Liebe-Gottes.

Herr Jesus,
rette die Familie,
damit das Leben gesichert sei!

Herr Jesus,
rette meine,
rette unsere Familie!

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Pro peccatis suæ gentis
vidit Iesum in tormentis
et flagellis subditum.



Achte Station
Jesus begegnet den Frauen von Jerusalem

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Lukas. 23, 27-29,31

C. Es folgte eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte:
L. „Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder! Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben…
Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?"

Betrachtung

Das Weinen der Mütter von Jerusalem überflutet den Weg des Verurteilten mit Mitleid, dämpft die Grausamkeit einer Todesstrafe und erinnert uns daran, dass wir alle Kinder sind: Kinder, die aus der Umarmung einer Mutter kommen.

Doch das Weinen der Mütter von Jerusalem ist nur ein kleiner Tropfen in dem Strom all der Tränen, die Mütter vergossen haben: Mütter von Gekreuzigten, Mütter von Mördern, Mütter von Drogensüchtigen, Mütter von Terroristen, Mütter von Vergewaltigern, Mütter von Wahnsinnigen: … immer jedoch Mütter!

Aber Weinen genügt nicht. Das Weinen muss überströmen in Liebe, die erzieht, in Stärke, die führt, in Strenge, die zurechtweist, in Dialog, der aufbaut, in Gegenwart, die redet!

Das Weinen muss weiteres Weinen verhindern!

Gebet

Herr Jesus,
Du kennst das Weinen der Mütter,
Du siehst in jedem Haus den Winkel des Schmerzes,
Du hörst das stille Seufzen
so vieler Mütter, die von ihren Kindern verletzt wurden,
tödlich verletzt … und weiterleben!

Herr Jesus,
löse die Gerinnsel der Härte,
die den Kreislauf der Liebe
in den Adern unserer Familien behindern.
Gib, dass wir uns noch einmal als Sohn oder Tochter empfinden,
damit wir unseren Müttern
– auf Erden und im Himmel –
den Stolz schenken, uns geboren zu haben,
und die Freude,
den Tag unserer Geburt preisen zu können.

Herr Jesus,
trockne die Tränen der Mütter,
damit das Lächeln wiederkehre auf den Gesichtern der Kinder,
auf den Gesichtern aller.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Tui Nati vulnerati,
tam dignati pro me pati
poenas mecum divide.



Neunte Station
Jesus fällt zum dritten Male unter dem Kreuz

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Buch des Propheten Habakuk 1, 12-13; 2, 2-3

C. Herr, bist nicht du von Ewigkeit her
mein heiliger Gott?
Deine Augen sind zu rein,
um Böses mit anzusehen,
du kannst der Unterdrückung nicht zusehen.
Warum siehst du also den Treulosen zu und schweigst,
wenn der Ruchlose den Gerechten verschlingt?
L. „Schreib nieder, was du siehst,
schreib es deutlich auf die Tafeln,
damit man es mühelos lesen kann.
Denn erst zu der bestimmten Zeit trifft ein, was du siehst;
aber es drängt zum Ende und ist keine Täuschung;
wenn es sich verzögert, so warte darauf;
denn es kommt, es kommt und bleibt nicht aus."

Betrachtung

Pascal hat scharfsinnig bemerkt: „Bis zum Ende der Welt wird Jesus in Agonie sein; in dieser Zeit darf man nicht schlafen." Doch wo ringt Jesus in dieser Zeit mit dem Tode?

Die Teilung der Welt in Zonen des Wohlstands und Zonen des Elends … ist die Agonie Christi heute. Tatsächlich besteht die Welt aus zwei Zimmern: In dem einen verschwendet man, und in dem anderen verendet man; in dem einen stirbt man am Überfluss, und in dem anderen stirbt man vor Elend; in dem einen fürchtet man die Fettleibigkeit, und in dem anderen fleht man um Nächstenliebe.

Warum öffnen wir nicht eine Tür? Warum bilden wir nicht eine einzige Mahlgemeinschaft? Warum begreifen wir nicht, dass die Armen die Therapie sind für die Reichen? Warum? Warum? Warum sind wir so blind?

Gebet

Herr Jesus,
den Menschen, der für das Horten lebt,
hast Du einen Narren genannt!

Ja, töricht ist, wer meint,
etwas zu besitzen,
denn nur Einer ist der Besitzer
der Welt.

Herr Jesus,
die Welt gehört Dir, Dir allein.
Und Du hast sie allen geschenkt,
damit die Erde ein Haus sei,
das alle nährt und alle beschützt.

Darum ist Horten Stehlen,
wenn die unnötige Anhäufung
andere hindert zu leben.

Herr Jesus,
lass den Skandal enden,
der die Welt teilt
in Villen und Baracken.
Herr, erziehe uns wieder zur Brüderlichkeit!

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Eia, mater, fons amoris,
me sentire vim doloris
fac, ut tecum lugeam.



Zehnte Station
Die Soldaten teilen sich die Kleider Jesu

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Johannes 19, 23-24

C. Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz geschlagen hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen. Sie nahmen auch sein Untergewand, das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht war. Sie sagten zueinander:
L. „Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll."
C. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um ein Gewand.

Betrachtung

Die Soldaten nehmen Jesus das Untergewand weg mit der Gewalt der Diebe und versuchen, Ihn auch Seines Schamgefühls und Seiner Würde zu berauben.

Doch Jesus ist die Scham, Jesus ist die Würde des Menschen und seines Leibes.

Und der gedemütigte Leib Christi wird zur Anklage aller Demütigungen des menschlichen Leibes, der von Gott geschaffen ist als Ausdruck der Seele und als Sprache, um die Liebe kundzutun.

Heute aber wird der Leib häufig verkauft und gekauft auf den Gehsteigen der Städte, auf den Gehsteigen des Fernsehens, in den Häusern, die zu Gehsteigen geworden sind.

Wann werden wir begreifen, dass wir dabei sind, die Liebe zu töten? Wann werden wir begreifen, dass ohne Reinheit der Leib nicht lebt, noch Leben zeugen kann?

Gebet

Herr Jesus,
auf verschlagene Weise ist über die Reinheit
ein allgemeines Schweigen verhängt worden: ein unreines Schweigen!
Es hat sich sogar die Überzeugung verbreitet
– eine ganz und gar verlogene Überzeugung! –
dass die Reinheit Feindin der Liebe sei.

Das Gegenteil ist wahr, o Herr!
Die Reinheit ist die unerlässliche Bedingung,
um lieben zu können:
um wirklich zu lieben, um treu zu lieben.

Im übrigen, Herr,
wenn einer nicht Herr seiner selbst ist,
wie kann er sich dann verschenken?

Nur wer rein ist, kann lieben;
nur wer rein ist, kann lieben, ohne zu beschmutzen.

Herr Jesus,
durch die Macht Deines für uns vergossenen Blutes
schenke uns reine Herzen,
damit in der Welt die Liebe wieder erstehe,
die Liebe, nach der wir alle solche Sehnsucht haben.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Fac ut ardeat cor meum
in amando Christum Deum,
ut sibi complaceam.



Elfte Station
Jesus wird ans Kreuz genagelt

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus. 27, 35-42

C. Nachdem sie Ihn gekreuzigt hatten, warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Dann setzten sie sich nieder und bewachten Ihn. Über Seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die Seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden.
Zusammen mit ihm wurden zwei Räuber gekreuzigt, der eine rechts von Ihm, der andere links. Die Leute, die vorbeikamen, verhöhnten Ihn, schüttelten den Kopf und sagten:
L. „Du willst den Tempel niederreissen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn Du Gottes Sohn bist, hilf Dir selbst und steig herab vom Kreuz!"
C. Auch die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten verhöhnten ihn und sagten:
L. „Anderen hat er geholfen, Sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König von Israel! Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an Ihn glauben."

Betrachtung

Die Hände, die alle gesegnet haben, sind nun ans Kreuz genagelt, die Füße, die so viel gegangen sind, um Hoffnung und Liebe auszustreuen, sind nun an den Kreuzesstamm geheftet.

Warum, o Herr? Aus Liebe!

Warum die Passion? Aus Liebe!

Warum das Kreuz? Aus Liebe!

Warum, o Herr, bist Du nicht vom Kreuz herabgestiegen und hast auf unsere Provokationen reagiert? Ich bin nicht vom Kreuz herabgestiegen, weil ich sonst die Gewalt anerkannt hätte als Herrin der Welt, während die Liebe die einzige Gewalt ist, die die Welt verändern kann.

Warum, o Herr, dieser erdrückend hohe Preis? Um euch zu sagen, dass Gott Liebe ist, unendliche Liebe, allmächtige Liebe. Werdet ihr mir glauben?

Gebet

Gekreuzigter Jesus,
alle können uns betrügen,
verlassen, enttäuschen:
Du allein wirst uns niemals enttäuschen!
Du hast zugelassen, dass unsere Hände
Dich grausam ans Kreuz nagelten,
um uns zu sagen, dass Deine Liebe wahr ist,
aufrichtig, treu und unwiderruflich.

Gekreuzigter Jesus,
unsere Augen sehen Deine Hände angenagelt
und doch fähig, die wahre Freiheit zu geben;
sie sehen Deine Füße durch die Nägel festgehalten
und doch noch fähig voranzuschreiten
und andere voranschreiten zu lassen.

Gekreuzigter Jesus,
geschwunden ist die Illusion
eines Glücks ohne Gott.
Wir kehren zurück zu Dir,
der einzigen Hoffnung und der einzigen Freiheit,
der einzigen Freude und der einzigen Wahrheit:

Gekreuzigter Jesus,
hab Erbarmen mit uns Sündern!

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Sancta mater, istud agas,
Crucifixi fige plagas
cordi meo valide.



Zwölfte Station
Jesus stirbt am Kreuze

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes. 19, 25-27

C. Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter:
L. „Frau, siehe, dein Sohn!"
C. Dann sagte er zu dem Jünger:
L. „Siehe, deine Mutter!"
C. Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Aus dem Evangelium nach Matthäus 27, 45-46.50

C. Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land. Um die neunte Stunde rief Jesus laut:
L. „Eli, Eli, lema sabachtani?"
C. Das heißt:
L. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
C. Jesus schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er den Geist aus.

Betrachtung

Der Mensch hat törichterweise gedacht: Gott ist tot! Wenn aber Gott stirbt, wer gibt uns dann noch das Leben? Wenn Gott stirbt, was ist dann das Leben?

Das Leben ist Liebe!

Das Kreuz ist also nicht der Tod Gottes, sondern der Moment, in dem die zerbrechliche Schale des Menschseins, das Gott angenommen hatte, zerspringt und die Flut der Liebe hervorströmt, welche die Menschheit erneuert.

Aus dem Kreuz entspringt das neue Leben des Saulus,
aus dem Kreuz entspringt die Bekehrung des Augustinus,
aus dem Kreuz entspringt die glückliche Armut des Franz von Assisi,
aus dem Kreuz entspringt die strahlende Güte des Vinzenz von Paul;
aus dem Kreuz entspringt der Heldenmut des Maximilian Kolbe,
aus dem Kreuz entspringt die wunderbare Nächstenliebe der Mutter Theresa von Kalkutta,
aus dem Kreuz entspringt der Mut Johannes’ Pauls II.,
aus dem Kreuz entspringt die Revolution der Liebe:
Darum ist das Kreuz nicht der Tod Gottes,
sondern es ist der Ursprung seiner Liebe in der Welt.

Gepriesen sei das Kreuz Christi!

Gebet

Herr Jesus,
im Schweigen dieses Abends ist Deine Stimme zu hören:
„Mich dürstet! Mich dürstet nach deiner Liebe!"

Im Schweigen dieser Nacht ist Dein Gebet zu hören:
„Vater, vergib ihnen! Vater, vergib ihnen!"

Im Schweigen der Geschichte ist Dein Schrei zu hören:
„Es ist vollbracht."

Was ist vollbracht?
„Ich habe euch alles gegeben, ich habe euch alles gesagt,
ich habe euch die schönste Botschaft überbracht:
Gott ist Liebe! Gott liebt euch!"

Im Schweigen des Herzens ist die Liebkosung
Deines letzten Geschenkes zu hören:
„Siehe, deine Mutter: meine Mutter!"

Danke, Jesus, dass Du Maria die Aufgabe anvertraut hast,
uns jeden Tag daran zu erinnern,
dass der Sinn von allem die Liebe ist:
die Liebe Gottes, in die Welt eingepflanzt
als ein Kreuz!
Danke, Jesus!

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Vidit suum dulcem Natum
morientem desolatum,
cum emisit spiritum.



Dreizehnte Station
Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Matthäus 27, 55.57-58; 17, 22-23

C. Auch viele Frauen waren dort und sahen von weitem zu; sie waren Jesus seit der Zeit in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient.
Gegen Abend kam ein reicher Mann aus Arimathäa namens Josef; auch er war ein Jünger Jesu. Er ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Da befahl Pilatus, ihm den Leichnam zu überlassen.
C. Als sie in Galiläa zusammen waren, sagte Jesus zu ihnen:
L. „Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert werden, und sie werden ihn töten; aber am dritten Tag wird er auferstehen."
C. Da wurden sie sehr traurig.

Betrachtung

Das Verbrechen ist vollbracht: Wir haben Jesus getötet!

Und die Wunden Christi brennen im Herzen Marias, während ein einziger Schmerz die Mutter mit dem Sohn umfängt.

Die Pietà! Ja, die Pietà ruft, erschüttert und verwundet sogar den, der gewöhnlich Wunden zufügt.

Die Pietà! Uns scheint es, als hätten wir Mitleid mit Gott, und statt dessen – wieder einmal – ist es Gott, der Mitleid hat mit uns.

Die Pietà! Der Schmerz ist nicht mehr hoffnungslos und wird es niemals mehr sein, denn Gott ist gekommen, um mit uns zu leiden.

Und kann man mit Gott etwa die Hoffnung verlieren?

Gebet

O Maria,
in diesem Sohn umarmst du jeden Sohn
und empfindest die Pein aller Mütter der Welt.

O Maria,
deine Tränen fließen von Jahrhundert zu Jahrhundert
und laufen über die Gesichter
und weinen das Weinen aller Menschen.

O Maria,
du bist mit dem Schmerz vertraut … aber du glaubst!
Du glaubst, dass die Wolken die Sonne nicht auslöschen,
du glaubst, dass die Nacht das Morgenrot vorbereitet.

O Maria,
die du das Magnifikat gesungen hast,
stimme für uns das Lied an, das den Schmerz überwindet
wie eine Geburt, aus der das Leben hervorgeht.

O Maria,
bitte für uns!
Bitte, dass die wahre Hoffnung
auch auf uns überspringe.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Fac me vere tecum flere,
Crucifixo condolere,
donec ego vixero.



Vierzehnte Station
Jesus wird ins Grab gelegt

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem Evangelium nach Matthäus 27, 59-61

C. Josef nahm den Leichnam Jesu und hüllte ihn in ein reines Leinentuch. Dann legte er Ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte hauen lassen. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg. Auch Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber.

Aus dem Buch der Psalmen 16, 9-11

L. Darum freut sich mein Herz
und frohlockt meine Seele;
auch mein Leib wird wohnen in Sicherheit.
Denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis;
du lässt deinen Frommen das Grab nicht schauen.
Du zeigst mir den Pfad zum Leben.
Vor deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle,
zu deiner Rechten Wonne für alle Zeit.

Betrachtung

Manchmal gleicht das Leben einem langen und traurigen Karsamstag. Alles scheint am Ende, es scheint, als triumphiere der Übeltäter, es scheint, als sei das Böse stärker als das Gute.

Aber der Glaube lässt uns weiter schauen, er lässt uns das Licht eines neuen Tages entdecken, jenseits von diesem Tag. Der Glaube versichert uns, dass das letzte Wort Gott zusteht: Gott allein!

Der Glaube ist wirklich eine kleine Lampe, doch er ist die einzige Lampe, die die Nacht der Welt erhellt: und sein demütiges Licht fließt hinüber in den ersten Lichtschein des Tages: der Tag des auferstandenen Christus.

Die Geschichte endet also nicht im Grab, sondern explodiert im Grab: so hat es Jesus verheißen, so ist es geschehen und wird es geschehen!

Gebet

Herr Jesus,
der Karfreitag ist der Tag der Dunkelheit,
der Tag des grundlosen Hasses,
der Tag der Tötung des Gerechten!
Doch der Karfreitag ist nicht das letzte Wort:
Das letzte Wort ist Ostern,
der Triumph des Lebens,
der Sieg des Guten über das Böse.

Herr Jesus,
der Karsamstag ist der Tag der Leere,
der Tag der Angst und der Verlorenheit,
der Tag, an dem alles zu Ende scheint!

Doch der Karsamstag ist nicht der letzte Tag:
Der letzte Tag ist Ostern,
das Licht, das sich wieder entzündet,
die Liebe, die allen Hass überwindet.

Herr Jesus,
während unser Karfreitag zu Ende geht
und sich die Angst so vieler Karsamstage wiederholt,
gib uns den festen Glauben Marias,
um an die Wahrheit von Ostern zu glauben;
gib uns ihren klaren Blick,
um das Leuchten zu sehen,
das den letzten Tag der Geschichte ankündigt:
„einen neuen Himmel und eine neue Erde",
die in Dir schon begonnen haben,
gekreuzigter und auferstandener Jesus. Amen!

Alle: 

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quando corpus morietur,
fac ut anime donetur
paradisi gloria. Amen.

© Copyright 2006 - Libreria Editrice Vaticana

   

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